Regener-Verfilmung

Der Typus schlaffe Generation in "Neue Vahr Süd"

So waren die frühen Achtziger: Die ARD zeigt Hermine Huntgeburth Verfilmung von Sven Regeners Roman "Neue Vahr Süd".

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Es wird gern geschrien in diesem Film. „Schnell weg sein“, schreit der eher kleingewachsene Feldwebel, „schnell wieder hier sein.“ Irgendwann schreit er dann noch „Atomblitz“, dann muss man sich in den Schlamm werfen, sonst ist man in sieben Sekunden tot. Dass das hier doch kein Mädchenpensionat ist, schreit er auch. Und er hat sehr recht damit. Das hier ist eine Kaserne. Es ist die Kaserne der frühen Achtziger schlechthin. In ganz viel Gegend gewürfelt – Dörfelden/Barme, mitten in niedersächsisch Sibirien, in diesem Fall.

Ein Absurdistan im mentalitätsgeschichtlichen Niemandsland zwischen den festgefahrenen politischen Blöcken, zwischen verhärtetem Konservatismus, versteinernden K-Gruppen und dem neuen grünen Bürgertums. Voller übler Gerüche, schalem Essen und fadem Tee, Jungmännergehabe, Geschrei und Schikane. So oder so ähnlich könnte die aktuelle Nostalgieklamotte zur Wehrpflichtaussetzung anfangen. So fängt aber etwas durchaus Größeres an. Nichts weniger als das Porträt einer zum Glück ziemlich vergangenen Zeit.

„Neue Vahr Süd“ heißt der Film. Und die Geschichte, die er erzählt, ist die von Frankie Lehmann, der erst Pionier Lehmann wird, bis er im weiteren Verlauf der Geschichte seines Lebens Herr Lehmann wird. Jener Herr Lehmann, den man seit bald zehn Jahren kennt, weil Sven Regener, der Kopf und Sänger der Band Element of Crime einen autobiografischen Debütroman über ihn geschrieben hatte. Eine Geistes- und (Sub-)Kulturgeschichte Kreuzbergs unmittelbar vor dem Mauerfall, die sich prächtig verkaufte und 2003 von Leander Haußmann mit Christian Ulmen in der Hauptrolle verfilmt wurde. Ein Jahr später wiederum erzählte Regener in „Neue Vahr Süd“ (benannt nach jenem Bremer Trabantenviertel, in dem Frankie aufwuchs) die Vorgeschichte des Herrn Lehmann. Ein episch auswucherndes Werk, das nun von Hermine Huntgeburth für die ARD verfilmt wurde.

„Schnell weg sein, schnell wieder hier sein“ ist Frankies geheimes Lebensmotto. Wochentags steckt er im Bundeswehroliv, das Wochenende in coolen, sehr erdfarbenene Klamotten und in chaotischen Männer-WG im Bremer Alternativszeneviertel Ostertor. Ständig unterwegs zwischen den Welten, muss er dauernd tun, was ihm gar nicht liegt. Er muss sich wehren, muss Stellung beziehen. Dagegen, dass ihm – kaum beim Bund – ein Fernseher in sein Kinderzimmer gestellt wird, den sein Vater angeblich reparieren will. Dagegen, dass in seinem Beisein über ihn in der dritten Person geredet wird. Dass ihn die abgefuckten Mitbewohner in abgestandene K-Gruppen-Debatten verwickeln wollen. Dass er gefragt wird, warum er nicht verweigert hat, wo er doch eher so ein Hippie-Typ ist. Ist er nicht. Er ist gar kein Typ und deswegen ein mustergültiges Exemplar seiner schlaffen Generation.

Frankie Lehmann hat nicht verweigert, weil er es schlicht vergessen hat zu tun. Er steht staunend neben, manchmal sogar in seinem Leben, die Augen aufgerissen wie ein Reh des Nachts auf dem Kamener Kreuz. Unpolitisch ist er, weil man ja eh nichts ändern kann. Die Lager, zwischen denen er steht, erscheinen dem begabten Sophisten allesamt gleich lächerlich. Gern würde er – wenn man ihn denn ließe – bloß durch sein Leben schlunzen. Aber man lässt ihn nicht. Immer muss er sich wehren. Bis ihm, dem pubertätsverzögerten Nestflüchter aus Neue Vahr Süd, halt doch nichts anderes übrig bleibt: Er wird erwachsen und fährt nach Berlin. Wo sein Bruder in Skulpturen macht. Aber das ist dann schon wieder eine andere Geschichte, ein anderer Roman, ein anderer Film.

Kein besserer allerdings. Während Haußmann nämlich Herrn Lehmann und seine Bohème ständig cineastische Kunststücke machen ließ, verwandelt Huntgeburth Regeners literarische Lakonie tatsächlich in filmische. So entspannt ist man noch selten durch einen radikal zusammengestrichenen Roman gekommen. Der Rhythmus stimmt in Christian Züberts großartigem Drehbuch. Die Dialoge stimmen. Die Balance zwischen Armee und Alternativen, zwischen Komik und Verzweiflung. Aus den Typen werden Menschen, aus Interieurs, Seitenblicken werden Geschichten.

Was alles nur halb so schick wäre ohne Frederick Lau. Der ist nicht nur ziemlich exakt so alt wie Frankie. Er gleicht ihm wie ein Knobelbecher dem andren. Ein junger Hund, der in allem zu schnell gewachsen zu sein scheint und nicht weiß, wohin mit sich. Christian Ulmen hätte das nicht hingekriegt (wie er auch – nebenbei – Herrn Lehmann nicht hinbekommen hat). Ein perfekter Ausweicher ist Pionier Lehmann, ein Stirnrunzler vor dem Herrn, der es faustdick hinter seinen grünen Ohren hat, was er nur zeigt, wenn er gereizt wird, wie im intellektuellen Scharmützel mit seinem Hauptmann (Ulrich Matthes).

So war er wirklich, soll Regeners Mutter nach der Premiere gesagt haben. So waren sie wirklich, die frühen Achtziger, sagen wir nach „Neue Vahr Süd“. Damit muss aber dann gut sein. Dass da keine Welle draus wird. Es waren Scheißjahre. Und sie werden auch nicht besser, wenn man gute Filme über sie macht.

„Neue Vahr Süd“: ARD, heute, 20.15 Uhr.