Interview

Das große Gefühl namens Woodstock

Heute vor 40 Jahren um 17.07 Uhr eröffnete der Sänger Richie Havens das Woodstock-Festival. 32 Rockbands und Einzelinterpreten traten an den drei Tagen auf, darunter Santana, Jimi Hendrix und Janis Joplin. Um kein anderes Musikfestival ranken sich derart viele Mythen wie um jene drei Tage im August 1969 unter dem Motto "Three Days of Peace And Music". Dabei war Woodstock anfangs eine Geschäftsidee. Sie musste aber erst zum Happening ausarten, um als Marke langfristig Gewinne zu erwirtschaften.

Der Unternehmer Michael Lang begriff damals, dass es sich lohnte, in Pop zu investieren. Er hat die "Mutter aller Festivals" organisiert. Stefan Woldach hat mit ihm gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Mr. Lang, was fasziniert im Rückblick am meisten, wenn Sie sich an das Woodstock-Festival erinnern?

Michael Lang:

Die Menschen! Die Leute kamen, um ein Musikfestival zu besuchen. Aber sie merkten schnell, dass hier etwas Außergewöhnliches entstand. Das Wochenende war einmalig, denn wo kriegte man je zuvor so etwas geboten? Die Leute kamen aus dem ganzen Land, aus Texas, von der Westküste. Sie alle hatten große Erwartungen und wollten, dass es etwas Besonderes wird. Deshalb ist Woodstock zu solch einer Legende geworden.

Trotz zum Teil widriger Umstände auf dem Gelände, wie das Unwetter, das das Festival heimsuchte.

Es war ein unglaubliches Unwetter! Gewitter, Platzregen, Windböen. Wir hatten Angst, dass die Türme an der Bühne umkippen könnten. Dort waren auch noch Hunderte hinaufgeklettert, um besser sehen zu können. Und dann kam dieser gewaltige Regen, der alles durchnässte. Aber plötzlich zeigte sich der Zusammenhalt der Menschen, ihr Anspruch, sich gegenseitig zu helfen. An jenem Punkt entstand dieses berühmte "Woodstock-Gefühl". Etwas, das hoffentlich nie ausstirbt.

Einige Leute nutzen danach den Matsch auf dem Festivalgelände recht kreativ...

Das war schon komisch. Diese Gruppe, wir nannten sie "Mud-People", rutschte einen Weg im Schlamm herunter und hatte einen Mordsspaß dabei. Immer mehr Leute machten mit. Beim Blick von der Bühne ins Publikum sah es in etwa so aus: Im Vordergrund wie ein Farbfilm, und im Hintergrund wie ein Schwarzweiß-Film - dort feierten die "Mud-People". Ich erinnere mich, dass ich nachts um zwei Uhr einer Gruppe schlammverschmierter Menschen gegenüberstand, die die Bevölkerungszahl einer Kleinstadt hatte!

Es gab aber auch organisatorisch eine Vielzahl an Pannen.

Es gab so viele Pannen, dass wir schon am ersten Tag aufhörten, uns darüber Gedanken zu machen. Stattdessen versuchten wir fieberhaft, alles in den Griff zu bekommen, damit die Situation nicht doch noch eskaliert. Wir hatten zu wenige Leute, die sich um die Sicherheit kümmerten. Wir hatten zu wenig zu Essen, zu wenig Wasser, zu wenig Geld. Als wir sahen, wie viele Leute bereits am ersten Tag ankamen, haben wir das Festival zum Gratis-Festival erklärt. Wir rechneten mit vielleicht 50 000. Es kamen aber fast 500 000. Alle Zufahrtsstraßen waren verstopft. Wir mussten alles mit Helikoptern zum Festivalgelände transportieren - einschließlich der Musiker.

Ein Wunder, dass alles dennoch so friedlich verlaufen ist.

Es war eben der Geist jener Zeit. Es herrschte ein unglaubliches Gemeinschaftsgefühl und vor allem die Bereitschaft, sich gegenseitig zu helfen. Es gibt da ein legendäres Foto von einem Schild auf dem Festivalgelände, auf dem steht: "mine is yours" - meins gehört auch dir. Man teilte alles, man half sich. Es war die Bereitschaft da, es anders zu machen und anders zu leben, als die Generation ihrer Eltern. Man darf nicht vergessen: Es war die Zeit des Vietnamkriegs. Wer damals lange Haare trug und ein Hippie war, bekam oft Prügel angedroht. Zum ersten Mal so viele Gleichgesinnte von überall her zu treffen, war eine unglaubliche Erfahrung. Sie merkten: Es gibt viele, die so denken und fühlen wie ich!

Es gab allerdings auch schon damals den Vorwurf, das Festival sei kommerziell.

Wie alles auf dieser Welt. Wenn du etwas haben möchtest, musst du dafür bezahlen. Woodstock 1969 kostete etwa drei Millionen Dollar, darunter Geld von Sponsoren, die damit Geld verdienen wollten. Natürlich lebten wir schon damals in einer kommerziellen Realität. Und wenn du etwas bewegen wolltest, ging dies nur, wenn jemand Geld investierte. Aber niemand würde dies tun, wenn er sich keinen Profit verspricht. Ich denke, alles in allem war es sehr fair, denn es ist - letztlich sogar gratis - mehr geboten worden, als die Leute zu träumen gewagt haben.

Es gab dann zwei Revivals des Festivals, 1994 und 1999. Warum haben Sie den Mythos nicht ruhen lassen?

Nun, die Generation der Neunzigerjahre, die gerne als Generation X bezeichnet wurde, bekam immer nur zu hören: "Ihr wart damals nicht dabei." Nun - das war ihre Chance dabei zu sein.

Was war aus Ihrer Sicht anders?

Die Technik. Alles lief viel effizienter. Wir haben alle neuen Technologien genutzt. Es war diesmal eher ein kulturelles Ereignis. Aber es gab auch Gemeinsamkeiten: besonders als der Regen einsetzte! Auch da gab es dieses Gemeinschaftsgefühl, die Leute rückten wieder zusammen, halfen sich gegenseitig. Das hat mir gezeigt, dass das nichts mit unterschiedlichen Generationen zu tun hat, sondern mit Menschlichkeit.

Was wird bleiben von Woodstock?

Auch hier kann ich nur wieder sagen: das Woodstock-Gefühl, die Menschen. Ich habe im Vorfeld mit vielen Leuten während der Planung gesprochen. Ob Polizei, Plattenfirmen, Film-Teams, Bands oder Besucher: Alle waren geradezu euphorisch, ein Teil eines kulturellen Ereignisses zu sein, das die Welt so vorher noch nie erlebt hatte. Erst interessierte sich niemand so richtig für uns. Dann waren wir in ganz Amerika in den Schlagzeilen. Und heute kennt die ganze Welt Woodstock.