Manche bekommen eine zweite Chance. So wie Thomas Oberender, der vor vier Jahren Intendant des Deutschen Theaters werden sollte, aber in den kulturpolitischen Mühlen der Hauptstadt zerrieben wurde. Jetzt soll der Schauspiel-Chef der Salzburger Festspiele im Januar 2012 die Intendanz der Berliner Festspiele übernehmen und damit die Nachfolge von Joachim Sartorius antreten, der Ende des kommenden Jahres aus Altergründen aufhört. Das teilte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) gestern Nachmittag im Anschluss an die Aufsichtsratssitzung mit.
Oberender hatte sich dem zuständigen Gremium vorgestellt. Es soll eine rekordverdächtig kurze Präsentation gewesen sein. Teilnehmer sprechen von gefühlten zwei Minuten. Das Votum für Oberender war einstimmig. Er gilt als klug, ambitioniert und nicht ganz unkompliziert. Sein Vertrag soll in den nächsten Wochen ausgearbeitet werden, teilte ein Sprecher von Neumann mit. Die Laufzeit sei noch offen. Im Gespräch sind drei oder fünf Jahre, das Bundesfinanzministerium hat da ein Wörtchen mitzureden.
Doppelstudium in Berlin
Mit Thomas Oberender, 1966 in Jena geboren, übernimmt ein vergleichsweise junger Manager die Leitung der Berliner Festspiele. Zudem einer, der in der DDR sozialisiert wurde. Durchaus eine mutige Entscheidung. Auf jeden Fall aber eine Zäsur für die einst als „Schaufenster des Westens“ gegründete Institution, unter deren Dach diverse Programmreihen wie das Theatertreffen, das Musikfest Berlin, das Internationale Literaturfestival und das Jazz-Fest Berlin stattfinden.
Oberender, Sohn einer Psychoanalytikerin und eines Tierarztes, machte 1985 in Weimar Abitur und knüpfte am dortigen Nationaltheater erste Kontakte zur Bühne. Nach dreijährigem Dienst in der Nationalen Volksarmee, von ihm später als die „schrecklichste Zeit meines Lebens“ bezeichnet, studierte er an der Humboldt-Universität Berlin Theaterwissenschaften und parallel dazu „Szenisches Schreiben“ an der Hochschule der Künste. Seine Dissertation schrieb er über Botho Strauß. Er arbeitete als Essayist für Zeitungen und Rundfunk und verfasste Stücke („Drei Tage im Mai“, „Engel und Dämonen“). Seine Theaterkarriere startete er im Sommer 2000 als leitender Dramaturg am Schauspielhaus Bochum unter Intendant Matthias Hartmann. Nach fünf Jahren folgte er Hartmann ans Schauspielhaus Zürich, daneben kuratierte Oberender Literaturprogramme für die Ruhrtriennale – und lernte Jürgen Flimm kennen. Der holte ihn schließlich als Schauspielchef zu den Salzburger Festspielen, dort läuft Oberenders Vertrag Ende 2011 aus – also rechtzeitig, um seinen neuen Job anzutreten.
Thomas Oberender dürfte nicht die angenehmsten Erinnerungen an die Hauptstadt haben. Er sollte bereits vor einigen Jahren eine Leitungsposition übernehmen, alles schien in trockenen Tüchern zu sein, aber dann platzte der Traum. Thomas Flierl, 2004 noch in der PDS und amtierender Berliner Kultursenator, wollte Oberender als Intendanten ans Deutsche Theater holen, nachdem sein Wunsch-Kandidat, der Schriftsteller Christoph Hein, abgesagt hatte. Parallel dazu wurde eine Findungskommission eingesetzt. Die hielt Oberender zwar für geeignet, aber den zeitlichen Rahmen für zu knapp und plädierte für eine zweijährige Vertragsverlängerung des amtierenden Intendanten Bernd Wilms. Flierl wollte Oberender dann zwei Jahre später – im Herbst 2006 – zum Intendanten machen. Der Vertrag war bereits paraphiert, aber Flierl nur noch wenige Tage im Amt. Diese eigenmächtige Entscheidung wollte sich der Regierende Bürgermeister nicht bieten lassen. Wowereit, ohnehin wegen mancher Flierl-Aktion verärgert, ließ die Personalie platzen. Kurze Zeit später übernahm Wowereit selbst den Posten des Kultursenators und präsentierte dann im Januar 2007 seinen Kandidaten fürs Deutsche Theater: Ulrich Khuon.
Khuon setzte sich für Oberender ein
Der hat sein Amt vor eineinhalb Jahren angetreten – und soll sich jetzt für Oberender als Chef der Berliner Festspiele eingesetzt haben. So schließt sich der Kreis. Und Oberender trifft in Berlin auch auf einen weiteren alten Bekannten: Jürgen Flimm. Das Verhältnis der beiden gilt allerdings als belastet. Es gab einen handfesten – auch über die Medien ausgetragenen – Krach in Salzburg. Flimm leitete dort die Festspiele, Oberender war sein Schauspielchef. Der wollte seinen Vertrag vorzeitig kündigen. Wegen Differenzen mit Intendant Flimm. Oberender sprach von „Mobbing“ – blieb aber schließlich auf Wunsch des Kuratoriums. Möglicherweise, weil Flimm zu diesem Zeitpunkt bereits seinen vorzeitigen Abschied ankündigt hatte, um als Intendant zur Staatsoper Unter den Linden zu wechseln. Vielleicht söhnen sich die beiden aus, vielleicht aber gehen sie sich auch einfach aus dem Weg. Was in der Berliner Kulturszene nicht so einfach ist. Auch wenn es bislang keine nennenswerte Zusammenarbeit zwischen den Festspielen und der Staatsoper beziehungsweise der Staatskapelle gibt.
Der Bund erwartet von Oberender, dass er den Festspiel-„Tanker“ flotter macht. Vom Erschließen neuer Publikumskreise ist die Rede. Formate und Reihen sollen auf den Prüfstand kommen. Viel Zeit zur Vorbereitung hat Oberender nicht. Aber er steckt ja mitten drin, im Festivalbetrieb.




