"Entartete Kunst"

Herkunft der wiedergefundenen Skulpturen geklärt

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Gabriela Walde

Die vor dem Roten Rathaus gefundenen Skulpturen sind ein Stück Erinnerungskultur, da sie zur Ausstellung "Entartete Kunst" gehören. Jedes einzelne von ihnen hat eine besondere Geschichte zu erzählen.

Sie galten als verschollen oder zerstört. Nun hat sie eine glückliche Fügung aus dem Berliner Trümmerschutt am Roten Rathaus zurückgeholt in die Wirklichkeit. Auch wenn die im Neuen Museum präsentierten elf Skulpturen der Klassischen Moderne, von den Nazis als „entartet“ diffamiert, nicht in die erste Liga moderner Kunst gehören, – ihre Entdeckung ist eine Sensation. Sie waren, wie Ursula Berger, Chefin des Kolbe-Museums, erklärt, „keine Sammlerkunst“, die von renommierten Galerien vertreten wurden. Doch allein ihre Geschichte, ihr Vergrabensein im Sand wie auch die damit verbundenen Schicksale der verfolgten Künstler, allein das verdient Respekt.

Wer im Neuen Museum vor diesen durch die Feuchtigkeit rau patinierten Figuren steht, bekommt tatsächlich Gänsehaut. Über sechs Jahrzehnte lagen sie unter Berliner Erde, viel länger als sie je in einem Museum präsentiert wurden. Die Skulpturen wurden inzwischen im Museum für Vor- und Frühgeschichte fein gesäubert, aber nicht restauriert. Und so hat sich ihr „Überleben“ in der Oberfläche eingeschrieben – diese Aura vermittelt sich dem Betrachter. Auch im Neuen Museum selbst sind die Spuren des Zweiten Weltkrieges bewusst belassen worden – ein Konzept, das sich nun an den elf Skulpturen spiegelt.

Zu den Künstlern, die teilweise aus dem süddeutschen Raum stammen, gehören bekannte und weniger bekannte. Otto Baum, Karl Knappe, Marg Moll, Gustav Heinrich Wolff, Naum Slutzky. Internationaler agierte da schon Otto Freundlich (1878-1943), der in der Pariser Avantgarde zu Hause war. Der menschliche Kopf, das war sein großes Thema. 1929 entstand seine erste Monumentalplastik, die als erste abstrakte Skulptur eines deutschen Künstlers gilt. Freundlichs Bronze „Der neue Mensch“ war auf dem Titel des diskreditierenden Führers zur Schau „Entartete Kunst“ abgebildet. Sein zerstörter, schwarzglasierter „Kopf“ wurde 1941 für den Nazi-Film „Venus vor Gericht“ als Requisit für die Kulissen einer jüdischen Kunsthandlung missbraucht. Dieses Fragment steht sehr symbolisch und eindrücklich für das Leben des 1943 im KZ Lublin-Maidanek ermordeten Künstlers. Sein Werk befand sich einst im Besitz des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe.

Unterschiedliche Künstlerschicksale

Edwin Scharff (1887-1955) machte sich als Kunstprofessor einen Namen. Zuerst als Lehrer für Bildhauerei in Berlin. 1933 wurde er beurlaubt, dann zwangsversetzt an die Düsseldorfer Akademie. Entlassung 1937. Emy Roeder (1890-1971) erhielt 1936 den Villa-Romana-Preis in Florenz. 1944 wurde sie in Italien interniert. 1949 kehrte sie nach Deutschland zurück.

Von ihr stammt eines der prägnantesten Exponate der Schau im Neuen Museum: der übrig gebliebene Terrakotta-Kopf der „Schwangeren“, ehemals eine stilisierte Halbfigur, 81 Zentimeter groß. Die Augen sind groß und leer, der Blick scheint sich ganz nach innen zu konzentrieren, auf das Wesentliche – das neue Leben, das wächst. 1920 erhielt die Künstlerin für diese, damals einzigartige Frauendarstellung in Berlin den Preis der Akademie der Künste. Die Plastik wurde von den Nazis in der Kunsthalle Karlsruhe beschlagnahmt, 1937 war sie in der Ausstellung „Entartete Kunst“ zu sehen.

So unterschiedlich die Schicksale der Künstler und ihrer Arbeiten auch sein mögen, eines verbindet sie: alle elf Werke verdichten in abstrakt-expressiver Weise das Bild des Menschen. Das konnte den Nazi-Ideologen nicht gefallen, die die Werke beschlagnahmten. Drei von ihnen präsentierten die Barbaren als „Fanal des Hässlichen“ in der Propagandaschau 1937 in München: Marg Molls sechzig Zentimeter große „Tänzerin“, Otto Baums Mädchenfigur und eben Roeders „Schwangere“. An die 20.000 Exponate gingen so verloren, ein Großteil Grafikserien, darunter lediglich 290 Skulpturen, wie Ursula Berger schätzt. Angesichts dieses enorm großen Verlustes in deutschen Museen gibt gerade dieser kleine Berliner Fund der Ausstellung ihre individuelle, anrührende, ja auch tragische Note.

„Restbestände“ der Nazi-Schau

Elf Skulpturen wurden also aus dem Erdreich an der Königstraße 50, heute Rathausstraße, geborgen, drei sind namentlich noch nicht identifiziert – doch wie kam es gerade zu diesem Verbund dieser Werke? Hier gibt es nur Vermutungen. „Ein Zufall“, glaubt Ursula Berger. „Sie gehörten zum Restbestand“. Nach Ende der Ausstellung „Entartete Kunst“ wurden jene konfiszierten Werke im Reichspropagandaministerium in der Mohrenstraße eingelagert, die nicht verkauft worden waren – oder vernichtet. Aber wie zerstört man kompaktes Material wie Bronze?

Weiterhin vermuten die Grabungsexperten, dass in der Königstraße noch andere Kunstwerke verwahrt wurden. Bröselige Reste gerollter Leinwände an der Baustelle vis-à-vis des Roten Rathauses lassen diese Vermutung zu. Wie aber kamen die Werke in die Königstraße 50, in ein Haus, das sich bis 1942 in jüdischem Besitz befand und 1944 fast vollständig abbrannte? Sollten die Werke von hier aus devisenbringend ins Ausland verkauft werden? Verwahrte Erhard Oewerdieck, in dessen Obhut die Skulpturen vermutlich gehörten, das Konvolut in seiner Funktion als Treuhändler? Vielleicht haben auch Bekannte Oewerdieck die Werke vermittelt – heute weiß man, dass es im Reichpropagandaministerium Leute gab, „die die Kunstwerke retten wollten, um sie der Zerstörung zu entreißen“, so Ursula Berger. Bleibt seitens der Forscher nur die Hoffnung, dass der „Fall Oewerdieck“ irgendwann einmal restlos aufgeklärt werden kann.

Die bei den Grabungen gefundenen Objekte werden bis auf Weiteres in der Ausstellung „Der Berliner Skulpturenfund. ,Entartete Kunst' im Bombenschutt“ im Griechischen Hof des Neuen Museums auf der Museumsinsel präsentiert. Karten: Der Eintritt ins Neue Museum (Bodestraße 1) erfolgt mit einem Zeitfensterticket (10 Euro). Öffnungszeiten: So-Mi 10-18 Uhr. Do-Sa 10 bis 20 Uhr. Buchungen unter: Tel.: (030)266424242 oder online: www.neues-museum.de/