Ausgrabung

Rathaus aus dem Mittelalter behindert Bau der U5

Vor dem Roten Rathaus legen Archäologen den Vorgängerbau aus dem 13. Jahrhundert frei. Die Grabungen könnten allerdings den Bau der U-Bahnlinie 5 verzögern.

Foto: M. Lengemann / Martin Lengemann

Alte Silber- und Kupfermünzen, Keramikscherben, Treppenstufen und Grundmauern aus dem Mittelalter – diese Funde können Denkmalschützer begeistern. Vor dem Roten Rathaus in Mitte sind gut erhaltene Reste des Rathauses aus dem 13. Jahrhundert freigelegt worden. Die Grabungen erfolgen auf dem Gelände, wo ein neuer Bahnhof für die verlängerte U-Bahn-Linie 5 entstehen wird. Sie sind Teil des Bauvorhabens und haben 2009 begonnen. Nur bis zum Frühjahr 2011 haben die Archäologen Zeit für die Schatzsuche.

Denn spätestens im Sommer des kommenden Jahres rollen die Baumaschinen an. Doch die unerwarteten Funde stellen den bisherigen Zeitplan infrage. BVG, Landesdenkmalamt und Senat müssen jetzt beraten, wie sie mit den Überbleibseln des alten Rathauses umgehen. Sie könnten nicht nur den Bauablauf verzögern, sondern auch die Pläne für die U-Bahn-Station ändern. Denn ein Teil der alten Gemäuer liegt immer noch im Verborgenen.

Archäologische Fenster

"Es sind außergewöhnliche Funde, mit denen man nicht gerechnet hat", sagt Petra Rohland, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Man sei davon ausgegangen, dass das alte Berlin weitgehend verschwunden sei. "Und jetzt ist ein gut erhaltenes Gebäude da." Nun müsse eine Bestandsaufnahme gemacht werden. Dann sollen alle Beteiligten an einen Tisch geholt werden. "Wir müssen entscheiden, was man von den Funden erhalten sollte und in welcher Form." Es werde Wege geben, die archäologischen Objekte würdig zu präsentieren. Die BVG hatte sogenannte archäologische Fenster im neuen Bahnhof vorgesehen.

Berliner und Touristen können schon vorher Einblicke bekommen. In den Bauzaun soll ein Loch geschnitten werden, durch das man die alten Keller und Grundmauern sehen kann. Und diejenigen, die die Relikte mit Spaten und Schaufeln, Kellen und Pinseln freilegen. 24 Personen sind von Montag bis Freitag am Werk, darunter Archäologen, Techniker und Zeichner. Etwa 40 mal 17 Meter groß sei die Fläche des alten Rathauses, sagt Archäologin Heike Kennecke. Das Gebäude sei Mitte des 19. Jahrhunderts abgerissen worden. Die freigelegten Teile befinden sich in ein bis zwei Metern Tiefe. Die Mauern bestehen aus Backsteinen und Feldsteinen. Münzen aus dem 15. bis 19. Jahrhundert wurden gefunden. Sie sollen restauriert werden. Das Geld und die Keramik zeugten von Handel und Gastronomie in jener Zeit, sagt die Archäologin Kennecke. Ein Kaufhaus und eine mittelalterliche Schenke hätten sich in den Räumen befunden. Das Rathaus sei "ein sehr bedeutender Profanbau", der Fund mit Objekten aus den verschiedenen Epochen sehr selten. "Denn in Berlin ist immer wieder abgerissen und neu gebaut worden", sagt die Archäologin.

Erst ein Teil seiner Grundfläche ist ausgegraben. Das Ausgrabungsgelände erstreckt sich über insgesamt etwa 5000 Quadratmeter. Auch Reste alter Bürgerhäuser und Straßen seien gefunden worden, erzählt Heike Kennecke. Wie lange die Arbeiten noch dauern, darüber gibt es noch keine Prognose. Führungen über das Ausgrabungsgelände werden nicht mehr angeboten, aus versicherungstechnischen Gründen, sagt Kennecke.

Für die Planer des neuen Bahnhofs, die Collignon Architektur und Design GmbH, bringen die alten Keller und Mauern zunächst einmal die Ungewissheit, ob der Bahnhof in der bislang beabsichtigten Form gebaut wird. Es könne sein, dass Teile des Vorhaben anders geplant werden müssten, unter Umständen sogar sehr, sagt ein Mitarbeiter des Büros. Ob es zu einer Verzögerung des Bauablaufs komme, sei eine spannende Frage. Auf jeden Fall werde es ein Ausstellungskonzept für die alten Funde geben. "Wir machen der Senatsverwaltung jetzt Vorschläge dafür." Die BVG will zunächst abwarten, wie Fachleute die Funde vor dem Roten Rathaus einschätzen. "Wenn es eine große Entdeckung ist, dann hat das Konsequenzen", sagt Sprecherin Petra Reetz. Dann müsse man sehen, was technisch möglich sei, etwa ein gläserner Bahnhof.

Offizieller Baustart für die Verlängerung der U5 war im April 2010. Bislang ist vorgesehen, dass die Bauarbeiten für die neue Station am Roten Rathaus im April 2011 beginnen. Mehr als 750 Millionen Euro sind für die Strecke zwischen Alexanderplatz und Hauptbahnhof veranschlagt. Der Bund hat Mittel zur Verfügung gestellt, die schon ausgegeben wurden. Er hat mit Berlin vereinbart, dass die U-Bahn 2017 zwischen Alex und Brandenburger Tor fahren wird. Sollte es zu Verzögerungen kommen, dann müsste Berlin dem Bund Geld zurückgeben.

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