Ersatz-Konzert

Fatboy Slim will es den Berlinern wieder gutmachen

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Thomas Lindemann

Foto: Berlin Festival

Norman Cook alias Fatboy Slim ist einer der erfolgreichsten DJs der Welt. Am Mittwoch kommt er zur einzigen Deutschlandshow nach Berlin in die Arena Treptow. Sein Auftritt beim Berlin Festival auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof hatte kurzfristig abgesagt werden müssen - aus Sicherheitsgründen.

Er spielte Bass in der harmlosen Indie-Band „The Housemartins“, sattelte in den Neunzigern auf DJ um und erfand das Genre Bigbeat. Norman Cook feierte als Fatboy Slim mit Alben wie „You've Come Along Way Baby“ Welterfolge, gab die größten Einzelkonzerte. Der zweifache Vater spielt mit 47 weiter, so oft er kann. Am Mittwoch gibt er in der Arena Treptow sein einziges Deutschland-Konzert.

Morgenpost Online: Sie sind touren gerade um die ganze Welt, kommen nun von Südamerika nach Berlin. Sind Sie mit 47 noch der Richtige dafür?

Norman Cook: Ach, was soll man machen. Im Musikgeschäft ist zurzeit nur noch eines sicher: Die Leute wollen ausgehen und Musik hören. Einen tollen Abend kann man sich nicht downloaden.

Morgenpost Online: Alte Bands leben deswegen wieder auf. Wollen Sie nicht mal wieder mit den Housemartins spielen, wo sie Bassist waren?

Norman Cook: Nein. Das ist vorbei. Ich bin viel besser als DJ als ich damals am Bass war.

Morgenpost Online: Ist der DJ als Typus nicht inzwischen ein bisschen altmodisch geworden?

Norman Cook: Die Revolution ist vorbei, das stimmt schon. Das tolle Gefühl, das wir vor zehn Jahren hatten, gibt es nicht mehr. Aber junge Menschen wollen immer noch ausgehen, sich betrinken und miteinander schlafen. Das ist gut. Auch weil es meinen Job sichert. Der DJ ist kein Superstar, er hilft nur den Leuten, zu lächeln und zu tanzen.

Morgenpost Online: Sie kommen jetzt nach Berlin, in die Welthauptstadt des Techno. Sind Sie nervös?

Norman Cook: Es ist unbedingt etwas Besonderes. Einige Städte in Europa sind berühmt für ganz bestimmte Dinge, in Berlin ist es der Techno. Ich habe auf der Love Parade vor zehn Jahren aufgelegt und hatte Angst, dass die mich nicht mögen. Aber man hat mich akzeptiert. Mein letzter Auftritt in Tempelhof wurde im Sommer abgesagt, mir tun die Tausenden leid, die gewartet haben. Ich will den Berlinern das jetzt wieder gutmachen. Ich habe damals im Sommer auch gewartet, drei Stunden lang, hinter der Bühne. Dann wurde alles wegen Sicherheitsbedenken abgesagt. Zu Recht übrigens, nach der Love-Parade-Katastrophe.

Morgenpost Online: Sie haben traurige Erfahrungen mit Katastrophen. Bei Ihrem ersten gigantischen Brighton-Beach-Konzert starb ein Mädchen.

Norman Cook: Damals kamen 250000 Menschen, wir hatten nicht einmal mit der Hälfte gerechnet. Eine 25-jährige ist nach dem Konzert von einem Geländer gefallen. Das war schrecklich. Aber wissen Sie was? Hinterher bekam ich einen Brief von den Eltern der Toten. Sie haben mir gedankt. Ihre Tochter hatte sie vorher angerufen und gesagt, es sei der beste Abend ihres Lebens. Die haben mir also gedankt, dass ich ihren letzten Abend zu ihrem besten gemacht hatte.

Morgenpost Online: In den Neunzigern war die Techno- und Elektro-Szene intimer, geprägt von einer hippiesken Liebe zueinander. Heute ist alles viel härter. Schreckt das nicht ab, wenn man die alten Zeiten kannte?

Norman Cook: Ich spiele meistens auf Festivals und Strandpartys, weil ich eben genau diese Fröhlichkeit und die Hippies liebe. Die Clubmusik ist heute ansonsten wieder im Untergrund. Wir waren Ende der Neunziger mal fünf Jahre lang im Radio und den Charts, dann verschwanden wir wieder. Der Aufbruch ist vorbei, die Stimmung ist gedämpft. Aber ich amüsiere mich immer noch.

Morgenpost Online: Auf Ihrer Website gibt es ein Gästebuch, da feiern Fans Sie wie einen Erlöser. Das wirkt ehrlich gesagt schon etwas seltsam!

Norman Cook: Also mich freut das sehr. Ich frage mich nur oft, ob ich mit 47 nicht zu alt bin für all das. Ich mache das seit 25 Jahren. Die Leute lieben mich für meine Vergangenheit. Ich bin altmodisch. Vor dem Internet hatte ich immer Angst, ich habe erst jetzt einen Computer.

Morgenpost Online: Was ist ein DJ heute? Sehen Sie sich als Priester?

Norman Cook: Ich war immer ein Missionar. Ich reiste um die Welt und wollte Menschen bekehren. Heute wäre ich gern ein weiser, alter Bischof.

Morgenpost Online: Manchmal heißt es, Sie seien der beste DJ der Welt. Wie lebt man damit?

Norman Cook: Ich bin nicht der beste DJ von allen, aber ich gebe die besten Partys der Welt.

Morgenpost Online: Was verändert sich, wenn man Vater wird? Sie haben seit ein paar Wochen zwei Kinder.

Norman Cook: DJ ist der perfekte Job für Eltern. Ich lege Freitag und Samstag auf, Sonntag komme ich nach Hause und den Rest der Woche bin ich zu Hause.

Morgenpost Online: Irgendwann müssen Sie Ihrem Sohn erklären, warum Ihre erste Platte „Better living through chemistry“ hieß. Kann jemand wie Sie ernsthaft sagen: „Mein Kind, lass die Finger von den Drogen?“

Norman Cook: Das wäre wohl etwas verlogen. Ich kann nur dafür sorgen, dass er weiß, was er tut. In den vergangenen zwei Jahren hat er schon gelernt, dass Papa nicht mehr trinkt. Betrunkene mag er nicht, und er wird ohne Alkohol in der Familie aufwachsen. Irgendwann rebelliert er dann bestimmt gegen mich, mal sehen.

Morgenpost Online: Spielen Drogen überhaupt noch eine große Rolle in der Elektroszene?

Norman Cook: Sie sind ein bisschen mit dem missionarischen Eifer der Neunziger, als wir die Welt ändern wollten, verschwunden. Wir haben heute gemerkt, dass Drogen nicht alles können, eigentlich nur ein bisschen. Ecstasy wird die Menschheit nicht besser machen. Früher dachte ich auch, wenn man sich geistig öffnet, kann man alles verändern! Irgendwann habe ich dann gemerkt: Nein, das kann man nicht.

Morgenpost Online: Sind Sie auch heimlicher Fan von Jazz, Funk, was auch immer?

Norman Cook: Eigentlich nicht. Dieses ganze Ding, ich bin so offen und habe so viele Einflüsse, ist total überschätzt. Ich liebe DJ-Musik. Mein Crossover heißt: Die Haltung des Punkrock in den Elektro bringen.

Morgenpost Online: Was wollen Sie noch mal machen musikalisch?

Norman Cook: Ich glaube, ich hab alles gehabt. Wenn Sie mit Leuten wir Bootsie Collins, Iggy Pop, David Byrne zusammen gearbeitet haben, war eigentlich alles dabei.

Morgenpost Online: Ist Paul McCartney noch Ihr Nachbar?

Norman Cook: Seit seiner Scheidung nicht mehr, seine Frau hat das Haus bekommen. Er war ein toller Nachbar. Ich hatte immer Angst, mit ihm über Musik zu reden, wir waren nur einfach Nachbarn. Er hat mal eine halbe Stunde auf das Baby aufgepasst und solche Sachen. Als ich ganz kurz ein Star war, in Klatschblättern auftauchte und Fans vor der Tür saßen, hat er mir guten Rat gegeben, wie man sich aus all dem raushält.

Morgenpost Online: Welchen denn?

Norman Cook: Er sagte: Hau ab! Das hab ich dann auch gemacht. Einfach eine Zeit lang das Land verlassen, bei dem schlimmsten Trubel, nach Brighton Beach.

Morgenpost Online: Nicht jeder Fatboy Slim-Abend wird zur wilden Party. Was war Ihr schlimmster Auftritt?

Norman Cook: Ich hab bei den Oscars gespielt, auf der berühmten Vanity-Fair-Party. Es war mein größter Misserfolg. Nicht ein einziger hat getanzt, ein paar Leute haben immerhin mal gelächelt. John Cleese kam dann zu mir hoch. Er war sehr höflich und sagte: Du tust mir wirklich leid, mein Junge, keiner will tanzen, mach doch leiser, dann können wir uns wenigstens unterhalten.

Morgenpost Online: Haben Sie es getan?

Norman Cook: Natürlich nicht. Aber ich habe langsamere Sachen aufgelegt.