Music Week

Berlin kriegt jetzt was auf die Ohren

Klubs, Konzerte, Auftritte - Fünf Tage lang übernehmen Musikfreaks aus aller Welt die Stadt. Die Veranstaltungswoche bietet ein Dach für alles, was die Musikszene lebendig macht – für Industrie und Konsumenten.

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Diese Stadt will und kann alles. Industrie und Konsumenten feiern zum zweiten Mal eine Woche Berlin Music Week. Was das genau sei, das wussten letztes Jahr die wenigsten, erklärt Björn Döring, „Programme Management“ steht meist hinter seinem Namen. Er ist so eine Art Super-Koordinator, Moderator und Stehaufmännchen in einem. Bei der Pressekonferenz im hippen HBC stellt er die einzelnen Redner vor und erklärt, was die Music Week wirklich ist. Sie ist eine „Dachmarke“. Also eigentlich gar nichts, bloß ein Name, eine Hülle, oder eben das Dach für das Konglomerat aller teilnehmenden Veranstaltungen zwischen dem 7. und 11. September.

Große Namen wie die Popkomm oder das Berlin Festival zählen dazu, Tim Renners Vernetzungswerkstatt all2gethernow (a2n), der New Music Award, ein Newcomer-Preis von den Jugendradios der ARD, die ICAS Suite, die Radioeins Nacht, über 300 noch so kleine Konzerte und Showcases verstreut in den Berliner Clubs, vom Berghain bis zum kleinen Schokoladen in Mitte. Es passiert schon verdammt viel in einer Woche, die fünf Tage hat.

Harald Wolf gefällt das. Der Senator für Wirtschaft, Technologie und Frauen hat sich gut vorbereitet. Er spricht von Arbeitsplätzen, dem Tourismusfaktor, guckt dann ernst durch seine randlose Brille kurz nach unten, und sagt dann einen seiner Lieblingssätze zur Music Week: „All das schafft Synergien durch Bündelung. Wie bei der Fashion Week.“

Glaubt man den Zahlen der letzten Music Week, ist die Veranstaltung tatsächlich auf dem besten Weg, zum internationalen Player zu avancieren. Auf der Popkomm unterhielten 470 Aussteller aus 20 Ländern ihre Stände. 60 Prozent aller Unternehmen stammten aus dem Ausland. Für das Berlin Festival reisten mehr als ein Drittel von außerhalb Deutschlands an. Was zunächst nach beeindruckender Innovation klingt, ist aber im Berliner Nachtleben längst Normalität. In den Techno-Klubs wie dem Berghain, dem Watergate, in den Galerien, in jedem noch so kleinen Nachtklub, spricht man sowieso nur Englisch. „Easyjetsetter“ nennt man die Massen an jungen Leuten aus aller Welt, die zum Feiern jedes Wochenende in die Hauptstadt drängen.

Deswegen ist auch dieses Jahr die Green Music Initiative wieder mit eingespannt. Deren fest formuliertes Ziel ist es, bis 2020 die Hälfte des verbrauchten Stroms auf der Berlin Music Week aus erneuerbaren Energien zu beziehen, bei einer Verbrauchreduzierung um 30 Prozent. Das bei Berlin stattfindende Melt!-Festival versorgt Licht- und Ton-Anlage seit März dieses Jahres schon mit Solar-Energie, die im Laufe des Jahres durch Sonnenkollektoren gespeichert wird.

Die Atmosphäre auf dem Rollfeld und in einem ehemaligen Hangar in Tempelhof war die letzten zwei Jahre schon einmalig. Als 2009 Peter Doherty ganz allein auf der riesigen Bühne stand, nur mit einer Akustik-Gitarre und einer Union-Jack über dem Verstärker, waren die Zuschauer begeistert, verzaubert, von diesem Hall, bei dem man meinte, es drehten sich noch irgendwo die alten Propeller. Dem Berlin Festival tat der Umzug in den ehemaligen Flughafen gut. Ein Jahr später, hielt das Gelände dem Andrang eines ausverkauften Festivals nicht mehr stand. Aufgrund von Lautstärke-Regularien sollten die zwei DJ-Headliner Fatboy Slim und 2manydjs im geschlossenen Hangar auftreten. Klar, dass es zu später Stunde jeden dort hinzog. Es waren zu viele. Das tragische Ende der Loveparade im Gedächtnis, beendeten die Veranstalter im Einvernehmen mit der Polizei das Programm vorzeitig, zum Unmut der 15.000 Besucher.

Die Lösung für dieses Jahr könnte eleganter werden. Teile des Festivals werden unter dem Label Club Xberg einfach ausgelagert. Während in Tempelhof vorwiegend Bands die Bühnen bespielen, treten in den vier Locations Arena, Glashaus, Badeschiff, und Arena Club in Kreuzberg die DJs auf. Für den reibungslosen Transfer sorgen 60 Busse, die eng getaktet zwischen Tempelhof und Kreuzberg verkehren.

Intime Reduziertheit

Am Freitag eröffnet das Pop-Wunderkind James Blake um 14 Uhr das Festival. Ob die intime Reduziertheit seiner Stücke zur Mittagszeit zur Geltung kommt, das gilt es zu überprüfen. Carsten Stricker, Pressesprecher des Berlin Festivals, ist sich seiner aber sicher. Bei einer Musik, die sich auch besonders von den Pausen zwischen den Tönen nährt, sei es gar nicht so verkehrt, den Londoner Ausnahmekünstler auftreten zu lassen, wenn die anderen Bühnen noch nicht bespielt werden.

Von den Alten lernen, junge Künstler fördern, das will auch Tim Renner mit seiner Werkstatt all2gethernow ermöglichen. Renner ist ehemaliger Vorstandsvorsitzender von Universal, er hat Motor Entertainment gegründet und das Label Motor Music. a2n ist Schnittstelle zwischen aufstrebenden Künstlern und der Industrie. Noch bis Mittwoch können sich Bands bewerben, an organisierten Workshops und Coachings teilzunehmen.

Tim Renner war es auch, der die Fachmesse Popkomm, die sich als „Selbstdarstellungsfeier“ einer Industrie selbst in die Krise gestürzt hatte, 2009 gescheitert sah. Seit zwei Jahren ist auch sie ein Teil der Berlin Music Week und fungiert sowohl für Industrie als auch für kleinere Veranstalter als eine wichtige Business-Plattform, auf der man Geschäfte macht. Und auf der man die neuen Möglichkeiten und Anforderungen diskutiert. Nina und Steffi, die beiden Veranstalterinnen, die nur Vornamen haben, schätzen die Popkomm als Kontaktstelle um direkt mit Künstlern in Kontakt zu kommen.

Die Berlin Music Week ist zweifelsohne ein sehr großer Name, und noch ist es fraglich, ob sich diese „Synergien“, von denen gern geredet wird, auch einstellen, Berlin zur Musik-Hauptstadt wird. Doch trotz der industriellen, kommerzialisierten Ausrichtung gelingt es den Veranstaltern dieses Jahr, Musik, deren Produktion und Wertigkeit nah, verständlich und erlebbar zu zeigen. In den vielen kleinen Klubs, auf dem großen Festival und eigentlich überall.