Popmusik

Feist, die Verspielte aus Kanada

In Frankreich und Kanada ist Leslie Feist bereits ein Star. Mit ihrem neuen Album "The Reminder" dürfte der Popsängerin auch in Deutschland der Durchbruch gelingen.

Foto: Universal Music

Es kommt bei Popkonzerten mit erschreckender Regelmäßigkeit zu diesen für alle Beteiligten peinlichen Situationen: Die Band hört auf zu spielen, der Sänger hält sich eine Hand hinters Ohr und schaut mit erwartungsvollem Blick ins Publikum. Mitsingen sollen die Leute dann, bitte schön. Dazu wird mit ausladenden Armbewegungen der Rhythmus vorgeklatscht – was nichts nützt, denn singende Menschenmassen halten grundsätzlich nie das Tempo. Auch grölen sie eher, als dass sie ordentlich singen. Bei Konzerten von Leslie Feist ist das seltsamerweise anders: Wenn sie auf der Bühne das Mikro in Richtung Publikum hält, erhebt sich unter ihr ein schmeichelnder Wohlklang. Wie durch ein Wunder ist es so, als stünden dort ausschließlich passionierte Choristen, die nur auf ihren Einsatz warten.

Nachzuhören ist dies auf Feists neuem Album „The Reminder“. Um genau zu sein: auf dem Song „Intuition“. Feist singt erst zwei Minuten lang allein zur gezupften Akustischen, dann gesellen sich leise Akkordeon, Trompete und Glockenspiel hinzu, und schließlich funkeln diese Konzertatmosphären-Samples auf. „Did I? Did I?“ – es sind mindestens tausend Menschen, die dort einstimmen.

Gold in Kanada, Erfolg in Frankreich

Was diesen Moment, der wie ein kurzes Aufstoßen der Studiotür in ein vergangenes Open-Air-Konzert wirkt, so bemerkenswert macht? Es ist die Irritation darüber, dass die Menschen, die dort singen, das Stück zum Zeitpunkt des Konzerts noch gar nicht gekannt haben können. Es erscheint ja erst jetzt auf Platte. Pfusch? Keineswegs. Leslie Feist hätte kaum auf raffiniertere Weise zeigen können: Hört her, meine Songs sind so gut, dass die Leute schon mitsingen, wenn ich sie zum ersten Mal live spiele!

Leslie Feist, eine 31-jährige Kanadierin mit deutschen Vorfahren, hat in den vergangenen Jahren gleich mehrere Songs geschrieben, die so gut sind. Ein paar von ihnen fanden sich auf „Let It Die“ (2004), einem wunderbar melancholisch gestimmten, gänzlich um ihre Stimme herum arrangierten Album voller Folk- und Blues-Songs. Das Album fand auch in Deutschland viele Freunde, in Frankreich und in Kanada war es jedoch noch erfolgreicher. Dort erreichte es jeweils Goldstatus, und in ihrer Heimat wurde Feist dafür mit einem Juno Award, dem kanadischen Äquivalent zum Grammy, ausgezeichnet.

Die Zurückhaltung des deutschen Marktes dem neuen Star gegenüber mochte damit zusammenhängen, dass man Feist hierzulande ganz anders kennengelernt hatte – als Anhängsel einer in Berlin lebenden Clique betont freakhaft auftretender kanadischer Exilmusiker nämlich. Bei Konzerten von Gonzales, einem stark behaarten Hip-Hopper, gab Feist Anfang der Nullerjahre die steppende Assistentin, die dem Meister das Handtuch reicht; zum Gender-Studies-Elektro ihrer ehemaligen Mitbewohnerin Merrill Nisker, heute unter dem Namen Peaches berühmt, rekelte sie sich in Hotpants und leckte die Chromrohre von BMX-Rädern ab.

Diesmal ohne Coverversionen

Feist mag eine Verwandlungskünstlerin sein, sie mag auch lange nach ihrer eigenen Stimme gesucht haben: Spätestens mit „The Reminder“, ihrem dritten Album, das diese Woche erscheint, dürfte sich ihre eigene Pop-Persona festigen. Auf dem Album unternimmt sie neben stilsicheren Ausflügen in Blues, Folk, Jazz und Soul sogar kleine Schlenker in beschwingte Rocknummern, etwa in Form einer aufgekratzten Version des ihrer Zeit von Nina Simone popularisierten Traditionals „Sea Lion Woman“. Eine Entwicklung in genau die richtige Richtung, möchte man jubeln, hätte Feist von „Let It Die“ ausgehend doch auch im Weichzeichner-Modus, also wie Norah Jones in der Lounge-Falle landen können.

„Ich wollte diesmal keine Coverversionen auf dem Album haben“, lautet der zentrale Satz, wenn Feist über „The Reminder“ spricht. Dass „Sea Lion Woman“ eine Coverversion ist, versteht sie dabei nicht unbedingt als Widerspruch. Ihre Skepsis Coverversionen gegenüber rührt nur daher, dass die erfolgreichste Single von „Let It Die“ das Bee-Gees-Cover „Inside And Out“ war. Bei ihren Konzerten habe sie es irgendwann nicht mehr ertragen, diesen Hit spielen zu müssen, sagt sie. Feist versteht sich halt in erster Linie als Performerin, danach erst als Recording Artist. Ein außergewöhnlicher Ansatz in Zeiten, in denen es zwar auf immer mehr MySpace-Bandprofilen CD-reif produzierte Musik anzuklicken gibt, dafür aber immer weniger Musiker, die auch auf der Bühne überzeugen.

Feist mag von der alten Schule sein, allerdings kennt ihr Drang, voll und ganz hinter ihrer Musik zu stehen, auch Grenzen. Ihre Texte dürfe man nicht als Befindlichkeitsbekundungen der Privatperson Leslie Feist verstehen, betont sie, zu viel Kongruenz zwischen Künstlerpersönlichkeit und Werk halte sie für unangebracht. Was wohl damit zusammenhängt, dass ihr Vater Maler ist – abstrakter Maler –, und sie erzählt, bei seinen Ausstellungen habe sie neben seinen Bildern nie ein Porträt von ihm hängen sehen. Auch habe sie als Kind auf den Rückseiten der Bücher, die sie in der Bibliothek auslieh, immer als Erstes die Fotos der Autoren überklebt. Wenn ein Stück auf „The Reminder“ nun „Brandy Alexander“ heißt, muss man nicht gleich, wie zuletzt bei Amy Winehouse, eine Alkoholsucht wittern. Und wenn die ersten Worte auf dem Album lauten „I’m sorry“, heißt das nicht, dass sie tatsächlich etwas bereut.

Möglicherweise liegt es an dieser Distanz den eigenen Texten gegenüber, dass Feist auch ein recht entspanntes Verhältnis zu ihrem Erfolg hat – dem bisherigen und auch dem, der ihr mit „The Reminder“ gerade bevorsteht. Sie kennt keine Nervosität, keine Höhenflüge, keinen Shoppingrausch. Seitdem ihre Karriere in Schwung gekommen sei, habe sie nicht eine größere Anschaffung getätigt, gesteht sie. „Ich habe vor Kurzem zwar mal darüber nachgedacht, dass ich mir nun endlich einen Motorroller leisten könnte. Aber da ich ihn fast nie benutzen könnte – ich bin ja fast ständig auf Tour –, habe ich es gelassen.“

Natürlich wäre es reizend gewesen, Leslie Feist auf einer Vespa durch Paris kurven zu sehen. Aber auch ohne knatternden Untersatz wird sie es weit bringen.