Musik-Revival

Wie Rihanna, Pink & Co von Techno profitieren

Techno gilt als Nischenkultur, die nur noch in dunklen Clubs floriert. Dabei bedienen sich viele am Vierviertel-Beat – vom Rapper bis zum Schlagerstar.

Die Entdeckung eines vergessenen Eilands voller Bewohner, welche die ungeheuerlichsten Bräuche pflegen, hätte kein größeres Staunen hervorrufen können. Als der Journalist Tobias Rapp im vergangenen Jahr „Lost and Sound. Berlin, Techno und der Easyjetset“ (Suhrkamp) veröffentlicht, reagiert das Feuilleton mit ergriffener Faszination: dass es das noch gibt.

Nachdem 2003 die letzte halbwegs ernst zu nehmende Love-Parade durch Berlin gezogen war, hielt man das Kapitel Techno in der öffentlichen Wahrnehmung eigentlich für abgeschlossen. Die tanzende Masse war verschwunden und das Genre für tot erklärt worden. Tatsächlich ging es dem Techno wunderbar, sein gerader Beat war in beinahe jede popmusikalische Spielart diffundiert, in den Charts – meist allerdings unbemerkt – war er lebendiger denn je.

Club-Besuch als Identitätswechsel-Angebot

Vielleicht hätten die Journalisten besser das Radio anschalten und in der Welt umschauen sollen, statt fernab der Öffentlichkeit in schattigen Berliner Clubs nach der wahren Technokultur zu fahnden. Aber genau dorthin entsendeten Boulevardblätter, Magazine und Tageszeitungen ihre Reporter, um die exotische Szene mit ethnologischem Blick in Augenschein zu nehmen und sich in die gefürchtete Schlange vor dem Berghain einzureihen, dem geheimnisvollsten aller geheimnisvollen Techno-Clubs der Welt.

Langes, vergebliches Warten war plötzlich ein seltenes Abenteuer: zwei Stunden im Regen gestanden, vom Türsteher abgewiesen worden – verrückt! Wem Einlass gewährt wird, der weiß von bizarren Ritualen zu berichten: feiernde Menschen, laute Musik, alkoholische Getränke, übervölkerte Toiletten, diffuse Lichtverhältnisse. In den Darkrooms sind sie noch diffuser, richtig finster eigentlich, woraus die nicht teilnehmenden Beobachter schließen, dass dort Unaussprechliches geschieht.

Ein Wochenendmagazin druckt einen Bauplan des Gebäudes, der Stockwerk für Stockwerk selbst den letzten Winkel des Clubs erklärt, als handele es sich um Fort Knox. Ein führender Feuilletonist, der sonst Leitartikel zur Stadtschlossdebatte verfasst, rühmt das Berghain als neue Kathedrale, als müsste es dringend auf die Liste der Weltkulturerbestätten gesetzt werden. Er schwärmt vom „integrierenden Element einer allwöchentlichen ästhetisch-erotischen Feierkultur, die den müßigen und empfänglichen Kindern der Großstadt und ihren Besuchern die wundervollsten Erlebnisse von Entgrenzung und Verschmelzung, des Aussteigens aus sozialen Rollen, ja eines kompletten Identitätswechsels anbietet“.

Techno-Jünger in allen Popkultur-Genres

Dass Helene Hegemann in ihrem Bildungsroman „Axolotl Roadkill“ die Heldin Mifty nach etwa drei Buchseiten im Berghain aufschlagen lässt, garantierte ihr die ungeteilte Aufmerksamkeit sämtlicher Feuilletons. Der gängigen Lesart nach hatte sich Techno, das weltweite Massenphänomen der Neunziger, in den Nullerjahren in eine Nischenkultur gerettet, zu einer Projektionsfläche im Sehnsuchtsort Berlin entwickelt.

Jeder, der die Reise auf sich nimmt, kann sich in ihr spiegeln, um sein anderes Ich darin zu finden. Nur das Offensichtliche wird dabei übersehen: Techno ist längst überall. Das gerade „Bum-bum-bum des Beats“, wie Rainald Goetz die Musik in seinem Roman „Rave“ lückenlos beschreibt, ist in den Rock, den HipHop, den R&B diffundiert. Selbst der zeitgenössische Schlager wurde vom Techno infiltriert, worauf Michael Wendler mit dem Hit „Sie liebt den DJ“ bereits im Titel verweist.

Ohne Techno fehlte der heutigen Popkultur das rhythmische Fundament. Wann die Verschmelzung von Mainstream und elektronischen Beats begonnen hat, lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren. Es war ein schleichender Prozess. 2002 nimmt etwa der amerikanische Produzent James Murphy, der zuvor in allerhand Indie-Rockbands tätig gewesen ist, unter dem Namen LCD Soundsystem den Titel „Losing My Edge“ auf, in dem er acht Minuten lang zu einem geraden Beat in einem Selbstgespräch die Möglichkeiten seiner Coolness diskutiert.

Der Vorteil des geraden Beats

Noch im selben Jahr hat die New Yorker Gitarrenband The Rapture mit der hysterischen Single „House Of Jealous Lovers“ einen Clubhit, der in die gleiche Kerbe schlägt, wenig später folgen so grundsätzlich unterschiedliche Bands wie The Gossip und die Yeah Yeah Yeahs!.

Im Bereich des R&B nimmt Rihanna 2007 mit „Good Girl Gone Bad“ ein Dance-Album auf, der Rapper Dizzee Rascal steht im vergangenen Jahr nacheinander mit drei House-Stücken an der Spitze der britischen Charts und die HipHop-Gruppe Black Eyed Peas lässt sich für etliche Titel ihres aktuellen Albums „The E.N.D.“ von Fanfarentechno inspirieren.

Die R&B-Sängerin Kelis hat gerade „Flesh Tone“ veröffentlicht, ein Album, das exakt so klingt, als wollte sie sich damit in den Großraumdiscos von Ibiza für ein Dauergastspiel bewerben. Auch Pink, Katy Perry, die Berliner Band Mia., Deichkind aus Hamburg, der Rapper Frauenarzt mit seinem Atzen-Projekt und die Killers aus Las Vegas haben Songs mit Dancebeat im Programm, die kanadische Ein-Mann-Band Caribou, die früher mit melodiesattem Indie-Pop in Verbindung gebracht wurde, nimmt mit „Swim“ eines der besten Dance-Alben dieses Jahres auf. Allerdings lässt sich bei der Hinwendung zum Dance nur schlecht von einem Trend sprechen, von einer vorübergehenden Bewegung, der die Künstler der entlegensten Sparten aus modischen Erwägungen folgen.

Das ist mehr als eine Laune der Musikgeschichte, es ist der Einsicht in die verführerische Zweckmäßigkeit des geraden Beats geschuldet. Denn sowohl beim Rock als auch beim Indie-Pop, Hip-Hop, R&B und dem deutschen Schlager handelt es sich um Partymusik, und die Partytauglichkeit wird durch den Einsatz des Dancebeats deutlich erhöht. Die Songs lassen sich dadurch ohne größere Probleme ineinander mixen, die lästigen Pausen verschwinden, die Illusion eines unendlichen Stücks wird kreiert – was in Technoclubs nun schon seit Jahrzehnten funktioniert, kann auch in der Indierock-Disco nicht von Schaden sein.

Vom Darwinismus des Beats

Es ist, als würde sich die Popmusik im Zuge ihrer Entwicklung, bei all den Genres und Subgenres, die sich im Laufe der Jahre etabliert haben, letztlich doch auf das gleichermaßen simple wie perfekte Gerüst eines Vierviertel-Beats reduzieren. Von all den anderen Spielarten des Dance, die sich nach Techno und House entwickelt haben, konnte sich doch keine dauerhaft durchsetzen.

Drum & Bass, Trip-Hop, 2 Step, Dubstep oder Grime – sie alle hatten ihre kurzfristigen Blütezeiten, um gleich anschließend wieder in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Offenbar gibt es einen Darwinismus des Beats. Der Anpassungsfähigere und Stärkere setzt sich auf lange Sicht durch. Und was übrig bleibt, ist das Skelett, in erhabener Schönheit: Bum-bum-bum.