Tori Amos

"Ich habe mit Schubert ein Kind gemacht"

Die Sängerin Tori Amos gibt für Männer Tipps im Frauen verstehen, spricht über ihr neues Kunstlieder-Album und über ihre Zukunft als Dame am Klavier.

Sie war ein Wunderkind, ging mit fünf ans Konservatorium. Doch aus der Welt der Klassik brach sie schnell wieder aus, tingelte durch Bars und nahm mit 23 ein Rockalbum auf, das als Totalflop endete. Schließlich verkaufte die Amerikanerin Tori Amos doch noch zwölf Millionen Alben und wurde als sensible und kämpferische Pianistin und Sängerin ein Weltstar. Nun hat sie sich Kunstlieder großer klassischer und romantischer Komponisten zum Vorbild für ein Konzeptalbum genommen.

Morgenpost Online : Auf Ihrer neuen CD verarbeiten Sie Lieder des 18. und 19. Jahrhunderts zu eigenen Nummern mit eigenen Texten. An der Idee, Pop und Klassik zu vereinen, sind schon viele gescheitert. Warum noch einmal so etwas versuchen?

Tori Amos : Da müssen Brücken gebaut werden. Klassische Musik wird heute so präsentiert, dass es jüngere Menschen einschüchtert. Sie fühlen sich nicht angesprochen. Dabei waren diese Komponisten die Rockstars ihrer Zeit.

Morgenpost Online : Mochten Sie die großen Liederzyklen denn schon immer, Schuberts Winterreise, Schumanns Dichterliebe?

Amos : Ich hab das alles erst jetzt für dieses Projekt kennengelernt. Ich hätte diese Dinge mit 25 gar nicht verstanden. Nun möchte ich die Meister respektieren, ihnen aber eine moderne klingende Kathedrale schaffen. Meinen Liederzyklus sollen alle Generationen verstehen. Aus dem Andantino aus Schuberts vorletzter Klaviersonate habe ich Teile eins zu eins übernommen, das passte emotional auch in meine Songs. Das funktioniert für Kids, die sonst Hardrock oder Rap hören. Klassik ist nicht nur für die Bourgeoisie da.

Morgenpost Online : Die Gräben zwischen Klubgängern und Konzertbesuchern sind aber tief. Gibt es für Ihr Projekt überhaupt ein Publikum?

Amos : Zweifel hatte ich schon. Meine Karriere läuft gut. Ich wollte sie nicht beschädigen. Viele Leute denken jetzt vielleicht, kein Popstar sollte die alten Meister so benutzen, und erst recht keine Frau.

Morgenpost Online : Eine Frau darf sich nicht vergreifen an den Werken der Klassik und Romantik?

Amos : Ja. In der Welt des Rock und Pop sind Frauen inzwischen zugelassen. In der Klassik aber nicht. Eine Frau darf Geige, Cello oder manchmal Klavier spielen, aber sie darf nicht dirigieren oder komponieren. Übrigens habe ich auch keine Komponistin jener Zeit gefunden, deren Werke bekannt wären und im Hörer etwas auslösen. Es ging nur so: Die männlichen alten Meister der Romantik und ich, die Frau aus dem 21. Jahrhundert, haben gemeinsam ein Kind gemacht. Das ist meine neue Platte.

Morgenpost Online : Was erhoffen Sie sich davon?

Amos : Wir werden eine Renaissance der Musik erleben in diesem Jahrhundert, ohne Vorurteile. Damals, in den 80ern etwa, gab es gar keinen Dialog mit der Klassik. Dabei ist alles so einfach: Musik braucht Schönheit und Melodie. Das hat die Klassik irgendwann vergessen, der Pop hat es übernommen. Jetzt kommt beides wieder zusammen.

Morgenpost Online : Ihre Texte drehen sich um mystische Themen, da ist von Jäger und Gejagtem in einer Person die Rede. Mitunter schwer zu verstehen, oder?

Amos : Die Idee der Metamorphose ist zentral in irischer und indianischer Mythologie. Das Album spielt in Irland. Mir geht es um die Idee der Zweiheit, die tief in der Natur steckt. Ein Jäger muss nichts Negatives sein, wir jagen auch nach Wahrheit und Einsicht. Die Frau muss heute psychologisch ihre Opferrolle abwerfen. Wir Frauen werden erst ganz, wenn wir uns nicht mehr als Opfer fühlen.

Morgenpost Online : Machen Sie eigentlich Ihre Musik vor allem für Frauen?

Amos : Wenn ein Mann die Frauen mal wirklich verstehen will, sollte auch er hinhören.

Morgenpost Online : Sie stehen heute für eine ganz bestimmte Marke von Musik und Gefühl. Aber sie haben 1988 angefangen mit dem Rockalbum „Y Kant Tori Read“. Wollen Sie so etwas nicht auch mal wieder machen?

Amos : Mann, dass Sie das erwähnen, da bekomme ich sofort schlechte Laune. Das war die schlimmste Erfahrung meines Lebens. So ein Flop, so eine Demütigung, so viele Leute im Pop geschäft haben mich benutzt. Da habe ich die Menschen von ihrer üblen Seite kennen gelernt. Aber das Scheitern war auch ein Geschenk. Ich wähle meine Freunde seitdem sehr viel vorsichtiger aus. Und ich bleibe die Frau am Klavier, basta.

Tori Amos: Night of Hunters (Deutsche Grammophon)