Im weißen Rössl

Jopie Heesters – auch mit 104 noch auf der Bühne

Er wird im Dezember 105 Jahre alt, doch ans Aufhören denkt Johannes Heesters deshalb noch lange nicht. Ab November spielt der Niederländer wieder im weißen Rössl – dieses Mal den Kaiser Franz Joseph. Im Gespräch mit Morgenpost Online plaudert der Schauspieler über das Alter und seine Arbeit.

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Johannes Heesters wird am 5. Dezember 105 Jahre alt. Damit ist er älteste aktive Schauspieler und Sänger der Welt. Mit Gottes Hilfe und der seiner 46 Jahre jüngeren zweiten Frau Simone Rethel, die ihn, den nahezu Blinden, stark Gehbehinderten bei jedem Schritt begleitet und ihm auch bisweilen Antworten auf Fragen souffliert, wird es ihm gelingen, vom 21. November an sechs Wochen lang in Ralph Benatzkys Singspiel „Im weißen Rössl“ in der Komödie Winterhuder Fährhaus den Kaiser Franz Joseph zu spielen. Und der alte Mann mit dem schlohweißen Schopf wird wohl allen Skeptikern beweisen, dass von Aufhörenmüssen keine Rede sein kann. Für Morgenpost Online sprach Monika Nellissen mit Johannes Heesters.

Morgenpost Online: Nichts lässt einen so schnell altern wie das Nichtstun, haben Sie gesagt. Nun sind dieser Lebenseinstellung natürliche Grenzen durch den Alterungsprozess selbst gesetzt. Wie schlagen Sie dem ein Schnippchen?

Johannes Heesters: Wenn man Altern mit Senilität gleich setzt, haben Sie Recht. Ich versuche Geist und Körper zu trainieren. Ich gehe zweimal in der Woche in ein Trainings-Studio und indem ich immer wieder neue Texte lerne, trainiere ich auch meinen Kopf.

Morgenpost Online: Am Beispiel von Ralph Benatzkys Singspiel ‚Im weißen Rössl' wird auch in Ihrer Karriere der Alterungsprozess deutlich. Sie haben 1952 den Rechtsanwalt Dr. Siedler gespielt, jetzt werden Sie der greise Kaiser sein...


Heesters: Ich habe bereits 1933 in Antwerpen den Oberkellner Leopold gespielt mit meiner Frau Wiske Ghijs als Ottilie. Das ‚Weiße Rössl' begleitet mich also schon 75 Jahre.


Morgenpost Online: Der Kaiser wird nicht selten, im Sinne der Uraufführung von 1930 durch Erik Charell, als Witzfigur gespielt. Wie sehen Sie ihn?


Heesters: Schade, dass diese Rolle persifliert wird. Der Kaiser ist ein alter Mann, deshalb muss er noch lange kein seniler Dummkopf sein. Das Alter wird oft nicht ernst genommen und wie ich schon sagte, mit Senilität verwechselt. Schon allein der Text des Couplets ist doch weise.

Morgenpost Online: ‚G'scheit sein' rät der Kaiser. ‚Schweige und begnüge dich. Lächle und füge dich.' – Haben Sie selbst diesen Rat jemals befolgt?

Heesters: Man rebelliert als älterer Mensch nicht mehr so häufig wie als junger Mensch. Man wird gelassener.

Morgenpost Online: Wo und wann haben sie denn als junger Mensch rebelliert?

Simone Rethel-Heesters: Mein Mann hat immer rebelliert, wenn Kollegen oder anderen Menschen Unrecht getan wurde. – Habe ich das richtig gesagt, Jopie?

Heesters: Das hast du gut gesagt, Poppie.

Morgenpost Online: Sie haben die Hoch-Zeit der Operette nicht nur erlebt, sondern sie entscheidend mitgeprägt. Worin unterscheidet sich die heutige Sicht von jener, die vor siebzig Jahren herrschte?

Heesters: Früher hat man die Operette als Operette bedient. Heute verlässt man sich nicht auf ihre Wirkung und meint, man müsse sie verfremden, beziehungsweise politische Effekte mit einbringen.


Morgenpost Online: Gerade Ralph Benatzkys „Weißes Rössl“ ist, bedingt schon durch seine Entstehungszeit, unverhohlen politisch.


Heesters: Es ist ein Singspiel und wie ich verstanden habe, wird Jürgen Wölffer als Regisseur das Ganze mehr auf das Schauspiel legen. Ich beherrsche beides, von Haus aus bin ich ja Schauspieler mit Stimme und habe auch immer darauf bestanden, dass die Operette, besonders die Singspiele von Benatzky, in erster Linie zu spielen sind. Dann erst kommt der Gesang, der gut sein muss. Die Operette sollte man mehr als Komödie nehmen, als leichtes Schauspiel.


Morgenpost Online: Gilt das auch für Franz Léhars ‚Die lustige Witwe'? Johannes Heesters gilt als Synonym für den Grafen Danilo.


Heesters: Nein, die steht natürlich höher. Da sind musikalisch dramatische Sachen drin, die schauspielerisch und gesanglich sehr viel mehr verlangen. Das bedeutet nicht, dass Benatzky minder ist, aber der andere fordert mich einfach mehr.

Morgenpost Online: Angst vor dem Alter und damit vor dem Tod, befällt jeden Menschen. Haben sie Angst vor dem Sterben?

Heesters: An sich habe ich keine Angst vor dem Sterben – das trifft jeden – aber meine Frau allein zu lassen, das tut weh. Aber das ist eine Tatsache, die man leider nicht ändern kann.

Morgenpost Online: Sie leben nicht, wie fast alle alten Menschen, in der Vergangenheit, sie leben im Heute und denken sogar an das Morgen. Was erwarten Sie von Ihrer Zukunft?

Heesters: Hoffentlich noch einige schöne künstlerische Aufgaben.

Morgenpost Online: Neben Ihnen wirken bisweilen Nachwuchskünstler auf der Bühne wie blutleere Wesen, denen es an Ausstrahlung mangelt. Warum haben Sie nie unterrichtet und jungen Leuten beigebracht, wie man über die Rampe kommt?

Heesters: Ich hatte einfach keine Zeit.

Morgenpost Online: Sie werden sechs Wochen lang beinahe täglich auf der Bühne der Komödie stehen. Macht Ihnen der Gedanke nicht Angst?

Heesters: Das ist mein Beruf – aus!

Morgenpost Online: Meine Stimme gibt mir Kraft zum leben, haben Sie gesagt. Sie sei das Instrument der Seele. Man müsse mit sich im Reinen sein. Nachdem sich im Februar dieses Jahres ihr Herzenswunsch erfüllte, noch einmal in ihrer Heimatstadt Amersfoort singen zu dürfen – sind Sie mit sich im Reinen?


Heesters: Ja. Vielleicht bin ich deshalb so alt geworden.


Morgenpost Online: Wem würden Sie gern im Himmel begegnen?


Heesters: Ich glaube nicht an eine Wiederauferstehung.

Morgenpost Online: Und wem auf Erden?

Heesters: Das ist vielleicht ein bisschen viel verlangt, aber nur Menschen mit einem guten Charakter.