Berlinale 2011

Madonna glänzt, selbst wenn man sie nicht sieht

Das Festival braucht Stars, um zu leben. Und wenn sie wie Madonna unsichtbar bleiben, reicht das immerhin für die Gerüchteküche.

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Der Popstar ist in der Hauptstadt, um Teile ihres neuen Films “W.E.” vorzustellen.

Video: Reuters
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Übrigens ist die Art, wie Kevin Spacey eine Tasse hält, ziemlich bemerkenswert. Der Schauspieler soll am Potsdamer Platz über seine Rolle als Investmentbanker reden. Neben ihm auf dem Podium sitzen seine Mitstreiter Jeremy Irons, Paul Bettany, Zack Quinto. Der junge Quinto wurde als Mr. Spock im Film „Star Trek“ bekannt, und wir dürfen hier schnell klarstellen, dass seine wirklich bemerkenswerten Augenbrauen echt sind. Aber zurück zur Tasse.

Kevin Spacey ist der Einzige, der Kaffee trinkt. Während er also erzählt, dass er seit acht Jahren in London am Theater arbeitet und sowohl dort als auch in den USA tolle Schauspieler kennt, hebt er die Tasse mit dem linken Daumen und Zeigefinger hoch. Trinkt gelassen einen Schluck. Schaut ins Publikum, der Blick ist freundlich, warm, eine Spur spöttisch. Und extrem galant wird so dargestellt, was Kevin Spacey von den Fragen hält, nämlich eher wenig. Gleich darauf soll Paul Bettany sagen, wie sie die komplexen Wirtschaftsdialoge für ihren Film („Margin Call“) gelernt hätten. Bettany: „Hm, ich weiß nicht.“ Spacey ruft: „Dies sind wirklich gute Schauspieler!“ Das ist es, was Schauspieler tun. Sie spielen.

Besuch eines chirurgischen Gesamtkunstwerks

Für die Berlinale, die am Donnerstag begonnen hat, ist das wichtig. Das Filmfestival braucht Stars wie Zuckerkranke ihre Insulinration, braucht Glamour und gerne auch Glamour-Darstellung. Die Filme gibt es ja sowieso, man spricht über sie oder nicht. Aber die Events mit Stars, die Historien und Histörchen, die wollen organisiert sein, egal ob auf dem roten Teppich oder sonst wo in der Stadt. Sonst passiert womöglich nichts. Und die Enttäuschung wäre groß. Deshalb darf gespielt werden. Jeder Auftritt eine Rolle.

Und wer kann so etwas besser als – Madonna (52). Auch wenn gar nichts geschieht, ist sie eine Erscheinung. Deshalb lässt sich haarklein berichten, wie die Sängerin, Autorin, Designerin, Filmemacherin, das Sexsymbol und mittlerweile irgendwie chirurgische Gesamtkunstwerk Berlin beglückte, ohne dass es einen nennenswerten öffentlichen Auftritt gegeben hätte. Also, am Samstag flog sie ein, auf dem Filmmarkt wollte sie ein paar Minuten aus ihrer zweiten Regiearbeit zeigen, „W. E.“. Der Film handelt von Edward VIII., der das britische Königreich aufgab, um eine geschiedene Frau zu heiraten. Vor einer stadtbekannten Clubanlage in Mitte wurde Madonna fotografiert, sie hatte etwa so viele Koffer dabei wie Marlene Dietrich, als sie den Atlantik per Schiff überquerte. Wir wollen genau sein: Die Koffer trug jemand anderes.

Halb mythisch wirkende Sause

Abends dann am Potsdamer Platz die geschlossene Vorführung für 200 Gäste, Filmverleiher vor allem. Die Zeitung „BZ“ erblickte die Regisseurin dabei in Bleistiftrock und grau-grünem Jackett. Drei Jahre habe sie an dem Werk gearbeitet. Kurz darauf, husch, husch! war sie schon wieder weg, flugs und geheimnisvoll. Für einen Superstar ist so eine halb geschäftsmäßig kalkulierte, halb mythisch wirkende Sause eine sehr ordentliche Leistung. Madonna verschaffte Berlin Gerüchtefutter und ein bisschen Schnappatmung, und die Berliner lieben so etwas sehr.

Das Schöne an der ganzen Chose ist, dass es überhaupt keine Wirkung auf den Film selbst haben wird. So viel lässt sich voraussagen. Vor drei Jahren war Madonna in der Stadt, um mit riesigem Brimborium ihren Film „Filth And Wisdom“ vorzustellen, der damals in der Sektion Panorama lief. Nie wieder war etwas von „Filth And Wisdom“ zu hören. Madonna aber bleibt. Sie will sein. Sie ist. Wenn man auf dieser Strecke ein paar ihrer Filme ertragen muss – sei’s drum. Ob und wann „W. E.“ fertig sein wird, in Kinos läuft? Weiß im Moment keiner.

Der stotternde König als sichere Bank

Weil Edward VIII. 1936 zurücktrat, wurde George VI., Vater von Elizabeth II., König von England. Über ihn gibt es auch einen Film, „The King’s Speech“, den die Berlinale am Mittwoch zeigt, samt offiziellen Auftritten. Für zwölf Oscars ist das Werk des weitgehend unbekannten Regisseurs Tom Hooper nominiert, Colin Firth als stotternder König gilt als sichere Bank. Madonna-Feinde und auch ein paar Madonna-Verehrer können Wetten eingehen, wer die Nase unter den britischen Königsfilmen vorn haben wird.

Am heutigen Montag treten bei der Gala „Cinema for Peace“ Leute wie Sean Penn, Bianca Jagger sowie Bob Geldof auf. Auch die deutsche Prominenz wird vor Ort sein. Die Berlinale liegt mit der Friedens-Gala im Clinch, fühlt sich um Aufmerksamkeit betrogen. Das ist okay. Das Festival läuft noch eine Woche, es sind genug Stars für alle da. Man darf gelassen einen Kaffee trinken. Hoch die Tasse.