Film-Kritik

Mit "Unknown" kommt Action auf die Berlinale

"Unknown" ist ein cleverer Film über Identitäten. Ganz nebenbei beweisen Diane Kruger und Liam Neeson, dass Berlin eine prima Rennstrecke ist.

So nach der Hälfte des Spielfilms fängt der Zuschauer an, sich zu wundern: Denn für einen Wissenschaftler der Biotechnologie ist dieser Dr. Martin Harris erstaunlich robust. Er versteht sich auf allerlei Kampftechniken, fährt Auto wie Vettel auf der Flucht und hat einen beneidenswert durchtrainierten Oberkörper. Nichts gegen hart arbeitende Wissenschaftler, aber seltsam ist es schon. Entweder stimmt etwas nicht mit der Filmfigur, oder es stimmt etwas mit dem ganzen Film nicht.

Bis dahin hat Dr. Harris – besetzt mit Liam Neeson, der so unterschiedliche Typen wie Judenretter Oskar Schindler, den irischen Revolutionär Michael Collins und Sexualforscher Alfred Kinsey spielte – Berlin von seiner unfreundlichen Seite kennengelernt. Die Stadt ist von einer leichten Schneedecke überzogen und eisig, Dr. Harris’ Taxi war nach einem Unfall in die Spree geplumpst, und er wurde mit knapper Not gerettet.

Noch ein Irrer, kennt man ja in dieser Stadt

Aus einem mehrtägigen Koma wacht er in einem Krankenhaus auf. Überstürzt verlässt er es und macht sich auf die Suche nach seiner Frau, mit der er im „Adlon“ gebucht hat. Als Harris seiner Frau Elizabeth gegenübersteht – January Jones, wohl am ehesten bekannt aus „Mad Men“, in ihrer Paraderolle als Eiszapfen –, schaut sie ihn verwundert, befremdet, leicht abgestoßen an: „Excuse me, do I know you?“

Da kann Martin Harris noch so häufig sagen „Ich bin Martin Harris“, es nimmt ihm keiner ab. Ausweisen kann er sich nicht, sein Pass liegt ja auf dem Grund der Spree. Spätestens als dann ein anderer Mann auftritt, sich als Dr. Harris ausgibt und seine Gattin zärtlich umarmt, werfen die Umstehenden Martin Harris diese skeptischen, spöttischen Blicke zu. Noch ein Irrer, kennt man ja in dieser Stadt.

Der Arzt im Krankenhaus sagt dann noch, was sich jeder Laie auch so zusammengereimt hätte: Nach einem Unfall fährt das Gedächtnis zuweilen Achterbahn, die Erinnerungen verschwinden und verschwimmen – und schwups sind wir bei einem Lieblingsthema der modernen Künstler: Wer bin ich, jetzt mal in echt?

Im Film haben sich Martin Scorsese in „Shutter Island“ und Atom Egoyan in „Chloe“ dem Thema (eher ärgerlich) im vergangenen Jahr gewidmet, in der Literatur hat der US-Schriftsteller Dan Chaon mit „Identität“, vor zwei Monaten auf Deutsch erschienen, in einem atemraubenden Roman die Frage auf beängstigende Weise erweitert. Denn bei ihm verändern verlorene Gestalten ihr Aussehen, ihren Charakter, ihre Geschichte beliebig: „Wenn das alles bloß eine Erfindung war, was blieb dann übrig?“

Der Zuschauer ist genauso ahnungslos wie der Held

Auch Martin Harris sucht seinen Kern. Seinen Erinnerungen fängt er an zu misstrauen. Wenn selbst im Internet, dem Wahrheitsserum dieser Jahre, nicht mehr sein Konterfei zu sehen ist, sondern das des „anderen“ Martin Harris, dann kann er doch gar nicht existieren. Er wendet sich an Jürgen, der war früher bei der Stasi, erzählt er, gespielt von Bruno Ganz, in einem komischen wie auch herzerwärmenden Englisch. Martin Harris’ Arbeitsauftrag an Jürgen lautet: „Sie sollen beweisen, dass ich ich bin.“

Das Schöne an dem Film ist, dass der Zuschauer genauso ahnungslos ist wie Martin Harris, der Film wird aus seiner Sicht erzählt, und da die Beweise langsam ausgehen, beginnt man an Harris’ Erinnerungsvermögen genauso zu zweifeln wie an Harris selbst.

Keine fünf Minuten für Kuschelromantik

Jaume Collet-Serra hat einen ungemein fesselnden Film gedreht. Den amerikanischen Regisseur muss man nicht kennen, er hat zwei Horrorstreifen und einen Fußballfilm zu verantworten. Offensichtlich aber hat er ein Gespür für Spannung; den Film durchzieht eine gleichbleibende Atemlosigkeit. Selbst als sich Mr. Harris und die Taxifahrerin Gina (Diane Kruger) immer besser verstehen, widersteht Collet-Serra der Verlockung, fünf Minuten mit Kuschelromantik zu füllen.

So irrt Harris durch das kühle Berlin, und wie das hier gemacht wird, das ist schon große Klasse. Nach einer wilden, minutenlangen Verfolgungsjagd durch die Arkaden in der Friedrichstraße, direkt und mit hoher Geschwindigkeit bei Dussmann vorbei, die später mit einem eindrucksvollen Zusammenstoß mit einer Tram endet, würde man am liebsten aufstehen und applaudieren. Natürlich gewinnt der Film für Berliner einen besonderen Reiz, wenn der klassische Bestandteil des amerikanischen Kinos – die gute, vertraute Verfolgungsjagd, der man schon x-mal in New York und San Franscisco zugeschaut hat – auf einmal in der Hauptstadt, an den vertrauten Ecken zu sehen ist.

Schließlich explodiert das "Adlon"

Einen „raffinierten B-Movie“ hat ein Kritiker vorab vermutet, in einer der üblichen von Besorgnis getränkten Artikel, dass die Berlinale wenn nicht vor dem Untergang, dann zumindest doch unmittelbar vor der Bedeutungslosigkeit stehen würde. Es ist ein Actionfilm, keine Frage, es wird gemordet, gerannt, und das „Adlon“ explodiert.

Minderwertig wird „Unknown“ dadurch nicht – genauso wenig wie Filme, die eine gefühlte Ewigkeit mit der Kamera über die Landschaft fahren, automatisch hochwertig sind. Denn die reichhaltigen Spezialeffekte dienen nicht dem reinen Spektakel, sondern um die Handlung voranzutreiben.

Und der Film ist tatsächlich raffiniert. Er ist so clever konzipiert, dass man erst nach Verlassen des Kinos merkt, wie geschickt er aufgebaut war. Der zudem mit Liam Neeson noch ideal besetzt ist. Seiner Undurchdringlichkeit ist es geschuldet, dass der Betrachter ihm bis kurz vor Schluss nicht ganz traut. Er tut gut daran.