Berlinale-Fazit

Lange gab es keinen würdigeren Bären-Gewinner

"Nader und Simin" hätte auch in Cannes gewonnen. Dennoch hat das Festival Probleme, sich international zu behaupten.

Foto: AP / AP/DAPD

Es war ein Armutszeugnis für das Publikum. Die Gäste der Abschlussgala hatten Roten Teppich, Sekt und Glamour der Preisverleihung mitgenommen – und sobald der Siegerfilm bevorstand, leerte sich der Saal. Als der Vorhang für „Nader und Simin, eine Trennung“ aufging, dürfte der Berlinale-Palast gerade noch halb besetzt gewesen sein.

Da wir annehmen dürfen, dass nicht alle Festflüchter zu dringenden Geschäftsterminen eilen mussten, kann dies als Misstrauensvotum gegen die Filme gelesen werden, die jüngst die Berlinale gewannen, eher gut gemeinte als brillant gemachte Werke mit dem Bonus des Filmentwicklungslandes und der sozialen Relevanz. Auf den ersten Blick erfüllt auch „Nader und Simin“ diese Lustabtötungskriterien, und zwar perfekt: ein Film aus dem Schlagzeilen-Iran, ein Drama mit versteckter politischer Aussage, die ideale Ergänzung zum leeren Jury-Stuhl des von Haft bedrohten Regisseurs Jafar Panahi, den Dieter Kosslick bei der Gala einmal mehr demonstrativ auf die Bühne trug.

„Nader und Simin“ jedoch ist wirklich überragend, in jeder Hinsicht. Er hätte auch mühelos Cannes gewonnen, wo die ästhetische Begründung stets Vorrang vor der politischen genießt. Jeder seufzte nach der ersten Vorführung verzückt „Wer wenn nicht der!“ – eine Einmütigkeit, die bei großen Festivals ganz selten herrscht, zuletzt 2007 in Cannes bei „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“. Asghar Farhadis Film schildert zunächst eine Ehekrise, weil eine Frau ihre elfjährige Tochter aus dem krisengeschüttelten Iran ins Ausland nehmen will, ihr Mann aber in Teheran bleiben möchte, um seinen kranken Vater zu betreuen.

Aus diesem privaten Konflikt entwickeln sich kleinere und größere Katastrophen für die Familienmitglieder, für Nachbarn, Lehrer und eine zweite Familie, die der Pflegerin; am Ende geht es um zerstörtes Vertrauen, befleckte Ehre und Mord. Das hätte sich ähnlich auch anderswo abspielen können, aber der politische Hintergrund besteht darin, dass die kleinen Lügen, in die sich alle verwickeln, in einer religiös-autoritären Gesellschaft wie der iranischen zu riesigen Konsequenzen führen können.

Im Gegensatz zu extrem minimalistischen Wettbewerbsbeiträgen („Rätselhafte Welt“ aus Argentinien, „Kommt Regen, kommt Sonnenschein“ aus Korea) vibriert „Nader und Simin“ von nervöser Energie, ständig schiebt sich etwas durchs Bild, auf der Straße, vor Gericht, selbst in den Wohnungen. Permanent blickt die Kamera durch Glasspiegelungen aller Art und dauernd wechselt die Perspektive der Personen – brillantes Filmemachen, um auszudrücken, dass es nicht den einen korrekten Blickwinkel und die eine gültige Wahrheit gibt. Anders als bei vielen Goldener-Bär-Gewinnern der letzten Jahre fand auf dem Markt ein regelrechter Bieterwettstreit statt, und es ist zu hoffen, dass der Alamode-Verleih „Nader und Simin“ bald in die deutschen Kinos bringen wird.

Nun vermag manchmal der Glanz eines Solitärs die dahinter liegende Misere zu verdecken, und so kann man fragen, was ohne „Nader“ von der 61. Berlinale geblieben wäre. Der Hauptbär wäre mit ziemlicher Sicherheit an Bela Tarrs „Das Turiner Pferd“ gegangen, ein karg-düsteres, zweieinhalbstündiges Weltuntergangsmelancholikon aus Ungarn, wohl stilistisch konsequent bis zum Letzten, aber „geeignet, vor dem Ende auch den letzten Zuschauer zu vertreiben“, wie einer vom Auswahlkomitee eingestand. Außerdem gab es Unterhaltendes (das Bankerdrama „Margin Call“), Beklemmendes (den Tschernobyl-Rückblick „An einem Samstag“) und Erhellendes (die RAF-Vorgeschichte „Wer wenn nicht wir“), aber darüber hinaus nicht viel, das sich in Bärennähe bewegt hätte.

Immerhin sahen wir weniger Wettbewerbsfilme als sonst, über die man sich ärgern musste. Das lag sicher auch daran, dass es mit sechzehn Bären-Bewerbern (2002, in Kosslicks erstem Jahr, waren es noch dreißig) weniger als jemals zuvor gab. Das liegt, zunächst, am Angebot: Das Wasser im Pool geeigneter Filme ist sehr seicht, weil die Krise auch die Filmfinanzierung getroffen hat, und auch das Filmfestival in Cannes meldete voriges Jahr ein Rekordtief von neunzehn Wettbewerbern.

Das dürfte sich ändern, die lebendigen Geschäfte auf dem Filmmarkt deuten darauf hin. Dann kommen wieder die tiefer liegenden Probleme der Berlinale zum Vorschein: ihre Position im Filmjahr und ihre Geltung in der Festivalrangliste. Als die Berlinale 1978 vom Juni in den Februar wechselte, mag das sinnvoll gewesen sein. Inzwischen hat sich der Filmkalender grundlegend verändert. Die Blockbuster drängen in den Sommer (weil die Amerikaner dann ins Kino strömen), wovon das Filmfestival in Cannes profitiert; die Oscar-Anwärter positionieren sich im Herbst und nutzen Venedig oder Toronto. Das Frühjahr ist eine (ziemlich) filmtote Zeit.

Damit hängt natürlich die Fähigkeit eines Festivals zusammen, prominente Filmemacher anzulocken. Cannes konnte im Vorjahr Leigh, Kitano, Gonzá?lez Iñárritu, Kiarostami, Weerasethakul, Loach und Tavernier begrüßen. Viele brachten nicht wirklich gute Filme. Aber der Eindruck zählt: Man geht nach Cannes, weil auch die anderen Großen dorthin gehen – nach Berlin eher selten.

So kann muss sich die Berlinale mit einem überragenden Sieger, einem Publikumsansturm ohnegleichen (wie letztes Jahr rund 300?000 Zahlende) und einer sehr guten deutschen Ernte trösten. Veiels deutsche Liebesgeschichte, eine witzige Komödie mit Tiefgang („Almanya“), ein Ballettfilm, der 3D vorbildlich nutzt („Pina“), und der Regie-Bär für Ulrich Köhlers „Schlafkrankheit“ – das kann sich sehen lassen.