Der Mann steht in einem Klangsturm. Er fliegt auf einem Musikteppich, hinter ihm hört man einen Mann, der gerade in eine Schlucht stürzt, Schüsse peitschen, Pferde wiehern, Wind geht. Wir sind in den Schluchten des Balkan. Aber der Mann lässt sich nicht beirren.

Stoisch stößt er seinen Text ins Mikrophon. Leicht sächselnd schreit Kara ben Nemsi alias Sylvester Groth sich fast durch Karl Mays Land der Skipetaren. Ein Land, das nichts anderes ist als ein fantastisches, umgelogenes Sachsen. Jedenfalls aus Sicht von Walter Adler.

Der Hörspielsprecher brüllt - im Burnus

Walter Adler ist der Monumentalfilmer unter den deutschen Hörspielmachern. Er nahm er einen satten 16-Stünder nach Walter Kempowski auf. Mit 250 Sprechern. Diesen Rekord brach er mit Tad Williams’ gigantischer Sci-fi-Saga „Otherland“. Die dauerte 24 Stunden, erschien später auf 25 CDs und verschliss 280 Sprecher.

Verglichen damit ist Adlers Dramatisierung von Karl Mays „Orientzyklus“ eine schlanke Produktion. Zwei Jahre dauerte Adlers Arbeit an den gut 4000 Buchseiten starken sechs Bänden (von „Durch die Wüste“ bis „Der Schut“). Acht Monate blockierte er die WDR-Hörspielstudios.

Durch zwölf Teile à 54 Minuten musste sich Sylvester Groth brüllen (was er gern im Burnus tat). Zusammen mit Matthias Koeberlin (als treuer Diener Halef), mit Matthias Habich, Ullrich Matthes, Renan Demirkan, Richy Müller und gut 100 anderen Kollegen.

Ein Missionar mit Bärentöter

Adler wollte von Anfang weder ein akustisches Segeberg, noch die Kolportage als Kolportage enthüllen. Adler wollte Mays Reiseberichte aus der sächsischen Bibliothek ernst nehmen und verbat seinen Sprechern jegliche Ironie.

Was er in seinem „Orientzyklus“ unternimmt, ist sozusagen ein ganzheitlicher Versuch. Adler erzählt die Abenteuer des Kara ben Nemsi aus Karl Mays Biographie heraus. Aus dem Gerichtssaal. So wird man in jedem der zwölf Teile mit dem Alptraum des verhinderten, verwirrten Pädagogen konfrontiert. Vor einer fiktiven Kommission, Mays jüngstem Gericht, findet eine Verhandlung gegen ihn statt, werden seine moralischen und strafgesetzwidrigen Untaten ausgebreitet.

Und dann öffnet sich in jeder Folge unmerklich der Gerichtssaal, verwandelt sich in Mays Fantasien, in den Balkan, die Türkei, Arabien, Nordafrika. Und da steht der „geborenen Verbrecher“ als jener skrupulöse Gutmensch vor uns, den wir alle kennen, seit wir zwölf waren. Ein Missionar des guten Beispiels, der starr vor Staunen mit Bowie-Knife, Bärentöter und Henry-Stutzen auf die Verbrechen, die Verbrecher sieht, durch die er sich zur Rettung unschuldiger Opfer schießen, prügeln, hauen und stechen muss. Eine feste Burg für seinen Herrn, eine reine Seele, zu keinerlei Untat fähig. Das komplette Gegenteil des mehrfach vorbestraften, psychisch instabilen Diebs und Betrügers, der ihn sich erfunden hat.

Flug auf dem Klangteppich

Walter Adler führt die Literatur Karl Mays, der die ja ersten vier Jahre seines Lebens blind war und dem die Großmama vorlas, gewissermaßen an den Ursprungspunkt seiner Weltwahrnehmung und Literaturerfahrung, zurück. Sein Stück unterscheidet sich radikal von den verkitschten Jugendkassetten von damals, ist – was Hörspiele immer sein sollten – ein akustisches Kunststück, ein akustischer Weltentwurf, in dem alles beinahe gleich viel zählt: Geräusch, Sprache, Musik.

Auf diesem Klangteppich fliegt der Siddhi aus Germanistan durch die zwölf Stunden. Und gerade durch den Überdruck, den vor allem Sylvester Groth produzieren muss, um sich gegen den Klangsturm zu behaupten, gerade durch entsteht ein getreues Abbild des Mayschen Werkes: Es ist eine unter psychischem Hochdruck entstandene (Selbst-)Behauptungsliteratur.

Karl May: Der Orientzyklus. Regie: Walter Adler. Sprecher: Sylvester Groth, Matthias Koeberlin, Rufus Beck u. v. a. Der Hörverlag, München. 12 CDs, ca. 79,95 Euro.