Literaturgeschichte

Karl May – Häftling, Hochstapler, Hochliterat?

Erst saß er jahrelang im Gefängnis, dann wurde er mit Winnetous Abenteuern berühmt. Vor Karl Mays 100. Todestag erscheinen gleich zwei Biografien.

Anno 1874 öffnen sich für den Häftling mit der Nummer 402 nach vier Jahren die Tore des Zuchthauses Waldheim bei Chemnitz. Er saß dort wegen wiederholter Hochstapelei und kleinerer Diebstähle. Unter anderem hatte er sich als Augenarzt Dr. med. Heilig ausgegeben. Seine Hauptbeschäftigung im Gefängnis bestand im Zigarrenrollen, bei Ungehorsam drohte Dunkelarrest.

Als er entlassen wird, sagt er, er wolle nach Amerika auswandern. Er ist 32 Jahre alt. Seine Eltern, arme Weber, hatten ihr gesamtes Erspartes für die Ausbildung des Sohnes zum Lehrer ausgegeben. Nummer 402 ist also auf der ganzen Linie gescheitert. Sein weiterer Lebensweg scheint vorgezeichnet: In diesem Alter wird er es kaum noch zu etwas bringen. Gut möglich, dass er erneut auf die schiefe Bahn gerät.

Vom Häftling zum Schriftsteller

Entgegen aller Wahrscheinlichkeit jedoch wird Häftling Nummer 402, der sich in Freiheit wieder Karl May nennen darf, mit bis heute weltweit über 200 Millionen verkauften Büchern einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller aller Zeiten. Zwar wird er nur einmal, im Alter, Amerika bereisen; aber die zahlreichen Romane, die er in den Jahren davor schreibt, werden hierzulande das Bild des Wilden Westens prägen.

Schon ein Jahr nach seiner Entlassung veröffentlicht May seine erste Erzählung, die von einem Sioux namens Inn-nu-woh handelt. Wenig später wird aus dem Indianerhäuptling der berühmteste Apache der Welt: Winnetou.

Klingt wie ein Roman? Oder sogar wie ein Märchen? Eigentlich also ein dankbarer Stoff für Biografen und Literaturwissenschaftler. Sollte man meinen. Und trotzdem tat sich die Sekundärliteratur lange schwer mit dem Phänomen Karl May. Unter Akademikern galt er als „Volksschriftsteller“, den man nicht ernst nehmen konnte, gerade auch wegen seines sagenhaften Erfolges.

Seine Texte handeln auch von Gott

Tatsächlich funktionieren Mays Romane ja immer nach dem gleichen Schema; die Rollen von Gut und Böse sind klar verteilt. Charakterliche Differenzierung? Fehlanzeige. Zwar schreibt er besser als Friedrich Gerstäcker oder Edgar Rice Burroughs, der Erfinder Tarzans , aber schlechter als Klassiker der Abenteuerliteratur wie Robert Louis Stevenson oder Jack London.

Und doch kann man May nicht als literarisches Leichtgewicht abqualifizieren. Abgesehen davon, dass man sich als Autor bei ihm auch noch heute in Sachen Spannungsaufbau und Action einiges abschauen kann, ist seinen Texten, in denen fast genauso viel über Gott und das Edle im Menschen philosophiert wie geschossen und skalpiert wird, etwas unverwechselbar Kauzig-Humorvolles wie auch Elegisch-Mystisches zu eigen.

In seinem letzten Lebensjahrzehnt ließ May denn auch sein Alter Ego Kara Ben Nemsi nicht mehr durch den Orient reiten, sondern durch die Landschaften des fernen Planeten Sitara, ein allegorisches Reich, auf dem das böse Ardistan mit dem himmlischen Dschinnistan im Clinch liegt. May sitzt also in gewisser Weise zwischen allen Stühlen.

„Mir ist, als müsse ich ohne Unterlass brüllen"

Erst 1963 wurde eine erste größere literaturwissenschaftliche Untersuchung über ihn veröffentlicht. Sie stammt von keinem geringeren als Arno Schmidt, der zwar Mays Spätwerk als „Hochliteratur“ feierte, ansonsten aber mit seiner radikalen psychoanalytischen Interpretation eher für unfreiwillige Komik denn für weiterführende ernsthafte Auseinandersetzungen sorgte.

Aber auch die Biografen hatten ihre Mühe mit May. Wie sollte man einen Mann beurteilen, der auf dem Höhepunkt seines Erfolges in den 1890ern Fotos von sich in schlecht sitzenden Kostümen an seine Fans verschickte mit dem Hinweis, er selbst sei übrigens Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi, habe all die beschriebenen Abenteuer selbst erlebt und spreche außerdem nicht weniger als – Achtung! – 1200 Sprachen?

Helene Hegemann avant la lettre? Nur, der Preis für solche Schwindeleien war damals ungleich höher. Als seine Lügen aufflogen und mit ihnen seine bis dahin geheim gehaltene kleinkriminelle Vergangenheit, wälzte sich eine Prozesslawine über May, der in seiner „Villa Shatterhand“ in Radebeul kurz vor seinem Tod schrieb: „Mir ist, als müsse ich ohne Unterlass brüllen, um Hilfe schreien.“

Auch Hitler las May

Wie nähert man sich also so einem Menschen, bei dem sich Leben und Werk derart durchdringen, bei dem Schein und Sein so nah beisammenliegen? Hinzu kommt Mays Image, das ambivalenter nicht sein könnte. Wahrscheinlich gibt es keinen anderen Autor, der sowohl von Bertha von Suttner als auch von Hitler derart begeistert gelesen wurde.

Auf der einen Seite engagierte sich May für radikalen Pazifismus und riskierte damit im martialischen Wilhelminismus seinen Ruf; andererseits verpflanzte er den germanischen Brauch der Blutsbrüderschaft einfach in den Wilden Westen und feierte die deutsche Heimat. Letzteres trug dazu bei, dass May in der DDR geradezu totgeschwiegen wurde.

Schließlich ist da noch der Franzose Pierre Brice , der in den 1960ern an der Seite des Ex-GI Lex Barker unter der Regie des Riefenstahl-Assistenten Harald Reinl durch Jugoslawien ritt, was 2001 im „Schuh des Manitu“ außerordentlich erfolgreich parodiert wurde. Karl May – Pazifist? Imperialist? Popikone?

Lange gab es keine große Biografie

Seit der ersten herausragenden, aber mittlerweile überholten Biografie des späteren Joyce-Übersetzers Hans Wollschläger 1965 hat es zwar immer wieder vereinzelt Studien zu May gegeben; doch auf „die“ große Biografie, die May und sein Werk auch für eine breite Öffentlichkeit durchleuchtete, wartete man vergebens. Christian Heermanns Arbeit von 2002 steht beispielhaft für den Ton der Auseinandersetzung, der lange gepflegt wurde: Die exzellent recherchierte, aber unkritische Lebensdarstellung trägt den Titel „Winnetous Blutsbruder“.

Jetzt, aus Anlass des bevorstehenden 100. Todestags Mays am 30. März, sind zwei Bücher erschienen, die diese Lücke – mit kleinen Abstrichen – füllen. Helmut Schmiedts „Karl May oder die Macht der Fantasie“ besitzt alle Qualitäten, die man sich als Leser von einer Biografie wünscht: Kompakt und faktenreich wird Mays Leben chronologisch aufbereitet und auf die Rezeptionsgeschichte eingegangen.

Die im Untertitel angedeutete Vermischung von Leben und Werk bildet dabei den Leitfaden. Dass Schmiedt als stellvertretender Vorsitzender der Karl-May-Gesellschaft und Germanistikprofessor nicht nur die Person und das Werk Mays, sondern auch die Literaturgeschichte in- und auswendig kennt, merkt man auf jeder Seite.

Schmiedts Schreibstil wirkt teilweise steif

Immer wieder nimmt er einzelne Aspekte zum Anlass für wohl dosierte Exkurse, etwa über Grenzüberschreitungen von Leben und Werk bei anderen Autoren; oder er unterzieht Passagen aus den Romanen einer Textanalyse, sodass sich der Leser von Mays schriftstellerischen Qualitäten selbst ein Bild machen kann. Allerdings wirkt Schmiedts Stil besonders in den beiden Schlusskapiteln etwas steif, wenn er auf Floskeln wie „wie bereits vermerkt“ oder aufs bloße Aneinanderreihen von Fakten verfällt.

In gewisser Weise stellt das Buch Rüdiger Schapers, Kulturressortleiter beim „Tagesspiegel“, die perfekte Ergänzung dazu dar. In sich geschlossene Aufsätze setzen sich zu einer etwas anderen, sehr subjektiven Biografie zusammen, die aus der Winnetou-Begeisterung ihres Autors keinen Hehl macht.

Die Kapitelüberschriften geben hier schon den Ton vor: „Reiter am Abgrund, Reiter im Licht“ oder „Skalp Fiction oder die Kunst der Kolportage“. So eine schnoddrig-frische Art macht das Buch natürlich angreifbarer als Schmiedts konventioneller Ansatz. Und das Unternehmen der Entstaubung Mays glückt auch nicht immer.

Steht May vor einer Renaissance?

Schapers Versuche zum Beispiel, Christoph Schlingensief zum typischen „Karl-May-Mensch“ oder „Ardistan und Dschinnistan“ zum Vorläufer von James Camerons „Avatar“ zu erklären, wirken arg gezwungen. Und doch gelingen hochinteressante kultur- und literaturhistorische Abschweifungen wie beispielsweise über Autoren, die wie May die Länder, über die sie schrieben, nie besucht haben.

Bleibt die Frage, wie es weitergeht mit May. Wie kein anderer Erfolgsschriftsteller hat er es geschafft, über die Jahrzehnte gelesen und neu rezipiert zu werden. Allerdings darf bezweifelt werden, dass, wie Schaper euphorisch behauptet, May vor einer Renaissance steht.

"Harry Potter" gegen "Winnetou"

Selbst wenn Bernd Eichingers letztes Projekt , eine „Winnetou“-Neuverfilmung, in den nächsten Jahren in die Kinos kommen sollte, so darf man doch davon ausgehen, dass die Jugendlichen der Zukunft den politisch korrekten „Harry Potter“ Indianer-Abenteuern vorziehen werden, die durchsetzt sind von zeitgenössischen Klischees.

Und solange die Germanistik keinen Zugang zu einer Literatur findet, deren Bedeutung vor allem in der genialen Variation von Kolportagemustern und in ihrer kulturgeschichtlichen Wirkung liegt, wird Karl May weiterhin etwas für Spezialisten sein. Bleibt der schwache Trost, dass, auch wenn der Autor und sein Werk ungerechterweise in Vergessenheit geraten sollten, die von ihm geschaffenen Figuren, Winnetou, Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi, längst unsterblich geworden sind.

Rüdiger Schaper: Karl May. Untertan, Hochstapler, Übermensch. (Siedler, München. 240 S., 19,99 €. ISBN: 978-3886809752) .

Helmut Schmiedt: Karl May oder die Macht der Fantasie. (C.H. Beck, München. 366 S., 22,95 €. ISBN: 978-3406621161).

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