Gojko Mitic war die Zarah Leander der DDR. Nein, hier sollen nicht zwei Diktaturen unterschiedlichen politischen Hintergrunds gleichgesetzt werden. Aber, ja: die Parallelen sind auch in diesem Fall unübersehbar. Beide repräsentierten auf der Leinwand jeweils das, was in der Wahlheimat nicht angesagt war: die Traumfabrik. Die schwedische Nachtigall verkörperte in dem vom Terror der Nazis traumatisierten Land Charaktere, die geprägt waren von Weltläufigkeit, Selbstbestimmung und Sex Appeal.
Das Gleiche bescherte der aus Serbien stammende Ex-Sportstudent zwei, drei Jahrzehnte später den Ost-Deutschen. Wie einst Zarah Leander, so taugte auch er wunderbar als Projektionsfigur unerfüllbarer Sehnsüchte von Ferne, Freiheit und Ungebundensein. Einen gewaltigen Unterschied allerdings gibt es: Die Leander war ganz Diva, der Bauernsohn Mitic war das nie. In den 1960-er und 70-er Jahren beispielsweise, der Hochzeit seines Erfolgs, erschien es ganz selbstverständlich, ihn beim Einkaufen im Prenzlauer Berg in der Kaufhalle zu treffen, damals, als der Bezirk noch handfester Kiez von Proletariern und Mittelständlern war.
Wir, die Kinder dieser kleinen Leute, haben in jenen Tagen über all das natürlich nicht nachgedacht. Gojko, wie er von uns allen seit seinem Defa-Debüt in der Jugendbuchadaption „Die Söhne der Großen Bärin“ im Jahr 1964 mit unerschütterlicher Selbstverständlichkeit genannt wurde, war einer von uns. Das natürlich nicht, weil unsere Mütter davon schwärmten, wie zauberhaft und zurückhaltend, ja, schüchtern, er an der Wursttheke in der Schlange gestanden hat, sondern weil er unsere Abenteuer aus dem tristen Hinterhof ins magische Licht des Kinos holte. Wir glaubten ihm. Für uns war er eine echte Rothaut. Er war unser „Chefindianer“, wie er später allgemein genannt wurde.
Die Filme, in denen er als aufrechter amerikanischer Ureinwohner den Kampf gegen die Goldgier weißer Siedler aufnahm, entsprachen in ihrer Naivität und Schwarz-Weiß-Malerei unserem Spieltrieb. Gojko, der Gute, die anderen, die Bösen. „Chingachgook, die große Schlange“ (1967), „Weiße Wölfe“ (1969) oder „Tecumseh“ (1972) verstrickten uns in Bewährungsproben, die in Pionierorganisation und der FDJ nicht zu haben waren. Und das Happy End war garantiert. Für ihn war diese Popularität wohl auch problematisch: Andere Rollen in anderen Genres kauften wir ihm nicht ab. Wir glaubten ihm nicht den Kämpen im Sience-Fiction-Reißer „Signale – Ein Weltraumabenteuer“ (1970). Wir haben es erst gar nicht versucht.
Gojko Mitic aber suchte mehr, er wollte sich künstlerisch weiter entwickeln. Wurde er in seinen ersten Filmen noch synchronisiert, lernte er rasch Deutsch, und konnte seine Rollen bald selbst sprechen. 1975 unternahm er dann mutig den Schritt auf die Bühne. Nicht Shakespeare, nein, aber auch keinen Winnetou-Verschnitt. Auf der Freilichtbühne im Harzer Bergtheater war er 1975 als Spartacus zu bewundern. Und fast die ganze DDR fuhr hin. Der Star war zum Greifen nah. Selbst wir pubertierenden Halbstarken, die wir längst nur noch heimlich in die Indianerfilme ins Kino gingen, gerieten aus dem Häuschen. Wir jubelten, und das ohne Parteiverordnung. An so etwas dachte bei ihm sowieso niemand. So wie er in der Öffentlichkeit nie Gewese um seine Person gemacht hat, hat er sich auch nicht vor irgendwelche Propagandakarren als Zugpferd anschnallen lassen. Natürlich waren die Filme mit Gojko Mitic immer vom Menschenbild des so genannten sozialistischen Realismus' mit seiner Verklärung pseudokommunistischer Ideale gezeichnet. Das hat uns keinen Deut geschert. Wir wollten Action, auch wenn wir das Wort damals gar nicht kannten. Gojko Mitic war ein Garant für Action.
1976 allerdings geschah Wichtigeres in der DDR: Der Rauswurf des Liedermachers Wolf Biermann erschütterte das Land in seinen Grundfesten. Die Generation, die eben noch mit ihrem Chefindianer gebangt und gekämpft hatte, war zunächst irritiert und wurde sehr schnell politisiert. Gojko-Mitic-Filme interessierten nicht mehr. Es spricht für das Stehvermögen des Wahlberliners, dass er sich nicht unterkriegen ließ, nach der Wende ab 1992 fünfzehn Jahre bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg als Nachfolger von Pierre Brice den Winnetou spielte und zum Beispiel im Vorjahr am Staatstheater Schwerin als Häuptling Bromden im Drama „Einer flog über das Kuckucksnest“ brillierte.
Seine Heimat ist Berlin geblieben. Mit Freundin und der 1992 geborenen gemeinsamen Tochter lebt er in Köpenick. Kajak-Touren auf der Dahme halten ihn fit. Nachbarn berichten, dass sie ihn gelegentlich beim Nacktbaden treffen. Die Damen kriegen immer noch leuchtende Augen.





