Sechs Damen und ein Herr

She She Pop bekommt Friedrich-Luft-Preis

Die Gruppe She She Pop bekommt den Preis der Berliner Morgenpost für die beste Berliner Theater-Arbeit des vergangenen Jahres. Ein Gespräch über den Umgang mit den eigenen Vätern, Gruppenregie, Konzepte und eine Männerquote.

Foto: She She Pop

Die Performance „Testament“ von She She Pop kam im Theater HAU2 heraus und wird dort vor der Preisverleihung um 20 Uhr gezeigt. She She Pop arbeitet ohne Regisseur. Bei „Testament“, angeregt durch Shakespeares „König Lear“, stehen die eigenen Väter mit auf der Bühne. Morgenpost Online hat vier der sieben festen Mitglieder von She She Pop getroffen.

Morgenpost Online: She She Pop – ein toller Name für ein Performance-Kollektiv. Was steckt dahinter?

Lisa Lucassen: Dahinter stehen bärtige Männer aus den USA.

Morgenpost Online: Wirklich?

Lisa Lucassen: Ja, die lausige Rockgruppe ZZ Top sind unsere Namenspatrone. Als wir alle noch sehr jung waren, gab es eine Performance bei einem Kongress in Gießen, bei der wir Cocktailkleidchen und angeklebte Bärte trugen. Da gab es ein Video, in dem wir auf dem Marktplatz gegangen sind, zur Trinkhalle – wie es in Hessen so schön heißt (sie imitiert den hessischen Dialekt) – und haben uns unter andere bärtige Männer gemischt. Dazu gab's ZZ-Top-Songs. Da ist zum ersten Mal der Name She She Pop vorgekommen – und den haben wir einfach behalten.

Morgenpost Online: Mieke Matzke: Die Songs von ZZ Top haben wir selber gecovert – mit Hausmusik–Instrumenten. Das ging schon in Richtung einer Bilderverschiebung oder -störung. Die Herstellung eines Momentes der Irritation durch das Mischen von Frauen- und Männerbilder.

Morgenpost Online: Sie arbeiten seit 13 Jahren zusammen – rekordverdächtig für die freie Szene?

Mieke Matzke: Noch länger. Wir haben uns als reine Frauengruppe während des Studiums gegründet.

Lisa Lucassen: Das erste Mal, das wir zusammen etwas gemacht haben, war 1993.

Fanni Halmburger: Also Sebastian und ich haben nicht in Gießen Theaterwissenschaften studiert, wir kamen 1998 zu den anderen fünf dazu. Seitdem arbeiten wir als Kollektiv, ohne Regisseurin. Neben uns vier sind das noch Johanna Freiburg, Berit Stumpf und Ilia Papatheodorou.

Morgenpost Online: Sechs Damen und ein Herr – da wäre doch eigentlich eine Männerquote fällig?

Lisa Lucassen: Nee. (lacht)

Morgenpost Online: Wie hat es denn ein Mann geschafft, in diesen Frauen-Kreis zu kommen?

Sebastian Bark: Der hat sich nach und nach in das Kollektiv reingearbeitet. Als Ko-Konzeptor, Sounddesigner und Kapellmeister. Je regelmäßiger wir zusammengearbeitet haben, desto mehr haben wir darüber nachgedacht, dass alle, die dramaturgisch mitarbeiten, auch ihre eigene Stimme auf der Bühne brauchen. Gerade um dieses Prinzip Verantwortlichkeit geht es ja bei uns. Wir schreiben die Texte selbst, wir lassen uns nicht von anderen dirigieren. Das machen wir untereinander. Jeder ist für seine Bühnenperson, für seine Performance verantwortlich. Deswegen war es wichtig, dass auch ich auf der Bühne stehe.

Fanni Halmburger: Wir sind immer noch eine Frauengruppe, aber eben mit einem Mann. Am Anfang hat She She Pop ganz stark die weiblichen Themen aufgegriffen, eine weibliche Sicht gehabt. Wir haben gemerkt, dass es dafür eigentlich auch geradezu günstig ist, einen Mann in der Gruppe zu haben.

Sebastian Bark: In „Die sieben Schwestern“, unserer neuen Produktion, geht es explizit um das Verhältnis von Frauen und Arbeit. Es ist ein sehr feministisches Stück geworden, dieser Aspekt zieht sich generell durch unsere Arbeit.

Morgenpost Online: Da fällt „Testament“ aber ein bisschen aus der Reihe?

Fanni Halmburger: Eigentlich nicht, denn für uns war gerade dieses Verhältnis zwischen Tochter und Vater sehr wichtig. Die Töchter übernehmen nach und nach die Macht, die Väter versuchen ihre patriarchale Autorität zu wahren. Es geht also um die Konflikte, die sich zwischen beiden Parteien ergeben. Außerdem wird – unausgesprochen – doch meistens erwartet, dass die Frauen sich darum kümmern, wenn ältere Angehörige gepflegt werden müssen.

Lisa Lucassen: Und es ist ja nicht egal, dass Lear drei Töchter hat.

Sebastian Bark: Auch wenn die Schwiegersöhne in Shakespeares „König Lear“ eine wichtige Rolle spielen, ist doch sehr prägnant, dass das Reich zwischen den drei Töchtern aufgeteilt werden muss. Der Generationswechsel beinhaltet auch einen Machtwechsel zwischen den Geschlechtern.

Morgenpost Online: Mit „Testament nach Lear“ und den „Schwestern“ nach Tschechow hat sich She She Pop gleich zweimal vom klassischen dramatischen Kanon anregen lassen – ein Paradigmenwechsel?

Lisa Lucassen: Wir haben diese Dramen ja nicht durchinszeniert…

Fanni Halmburger: …und unserer nächstes Projekt ist keine Bearbeitung von Klassikern.

Mieke Matzke: Unsere Idee war es, sich mit Autorität und dem dramatischen Kanon auseinanderzusetzen. Das war ein Bruch und hat schon viel mit unserer Geschichte zu tun. Wir haben zu einer Zeit mit dem Theater angefangen, als es ganz klar darum ging, andere Themen aufzugreifen. Thematiken, die wir nicht im klassischen Kanon gefunden haben. Wir sind unsere eigenen Autoren, wir zeigen einen Blick auf die Wirklichkeit, der eher durch Medien und Popkultur geprägt ist.

Morgenpost Online: Und irgendwann zählt She She Pop dann selbst zu den Klassikern?

Mieke Matzke: Mittlerweile werden Diplomarbeiten über uns geschrieben und wir tauchen in wissenschaftlichen Texten auf.

Fanni Halmburger: Die Performance von She She Pop war ja lange Zeit auch mit einer Publikumsinteraktion verbunden. Schon bei „Live“ konnten die Zuschauer abstimmen. Wir sind einen langen Weg gegangen und waren an einem Punkt, an dem wir das Gefühl hatten, dass der Aspekt der Interaktion ausgereizt ist. Es ist tatsächlich das erste Mal, dass wir sowohl einen dramatischen Text benutzt haben als auch das Publikum meistens im Dunkeln sitzt und zuschaut.

Morgenpost Online: Die klassische Theatersituation.

Sebastian Bark: Nur im ganz engen Sinne. Das Publikum ist wesentlicher Bestandteil der „Testament“-Performance. Wir reden fast nie direkt mit den Vätern, außer wenn sie im Sarg liegen. Die Kommunikation geht sonst immer über die Bande, also gewissermaßen übers Publikum.

Morgenpost Online: Sie stehen gemeinsam mit ihren echten Vätern auf der Bühne. War es schwierig, sie zum Auftreten zu bewegen?

Sebastian Bark: Die Neugier und Bereitschaft mitzumachen, die war da. Ob die Väter das uns zuliebe machen oder aus eigenem Interesse, das war am Anfang nicht zu unterscheiden.

Lisa Lucassen: Jetzt eigentlich auch noch nicht.

Fanni Halmburger: Im Probenprozess wurden dann aber schon Vorbehalte gegen unser Theater formuliert – zwei Generationen, zwei unterschiedliche Theaterverständnisse. Die Väter waren immer skeptisch, was da eigentlich rauskommen würde.

Sebastian Bark: Also die ersten Ausstiegsdrohungen gab es bei der ersten Probe. Eigentlich wurde das sogar beschlossen.

Mieke Matzke: Zuletzt drohte das Projekt zehn Tage vor der Premiere zu scheitern.

Fanni Halmburger: Für She She Pop war das eine neue Erfahrung, so viele Leute in den Probenprozess einzubeziehen. Das jemand in diesen kreativen Prozess von außen reinkommt, das war ziemlich neu. Da haben auch wir viel gelernt. Wir haben als Gruppe noch mal ganz anders zusammengefunden, weil wir so viel klären mussten. Ich hatte manchmal das Gefühl, die Väter verstehen diesen kreativen Prozess nicht. Man muss halt einfach darauf vertrauen, dass am Ende etwas herauskommt, auch wenn das im Augenblick der Probe nicht so scheint.

Morgenpost Online: Die Väter hatten wenig Bezug zum Theater?

Fanni Halmburger: Die hatten alle sehr unterschiedliche Berufe, das hat man auch festgestellt. Mein Vater ist Architekt, der hat im Kollektiv gearbeitet und kennt kreative Prozesse…

Lisa Lucassen: …und weiß, dass man nicht alles baut, was man mal auf eine Serviette gekritzelt hat.

Morgenpost Online: Hat die Arbeit das Verhältnis zu den Vätern verändert?

Mieke Matzke: Das verändert sich jetzt beim Spielen mehr. Weil wir zusammen einen Arbeitsalltag, ein Arbeitsleben teilen. Wenn wir zu Gastspielen eingeladen sind wie kürzlich in Japan, verbringen wir viel Zeit miteinander. Mein Vater blickt jetzt anders auf das, was ich tue.