Wer nicht weiß, was das Potosi-Prinzip ist, der muss ins Haus der Kulturen der Welt (HKW) im Tiergarten gehen. Dort bekommt er es erklärt. Und zwar erschöpfend. Potosi ist eine Stadt in Bolivien, die in der spanischen Kolonialzeit als Zentrum des Silberbergbaus zu sagenhaftem Reichtum kam. Erkauft wurde dieser Reichtum mit dem Schweiß und Blut der Indios, die als Zwangsarbeiter in den Bergwerken schuften mussten. Spanien wuchs zur Weltmacht empor durch die rücksichtslose Ausbeutung der Ureinwohner seiner Kolonien. Das hat man so ungefähr schon gewusst, jedoch nicht „Potosi-Prinzip“ genannt. Als Prinzip ist Potosi zeitlos und ortlos, es ist überall und allgegenwärtig, wie man am Schicksal der chinesischen Wanderarbeiter unserer Tage sehen kann.
Mit ihm setzen sich im HKW zeitgenössische Künstler auseinander, während der historische Fall durch südamerikanische Gemälde der Barockzeit illustriert wird, düstere Propagandabilder der Gegenreformation, mit denen den Indios die katholischen Glaubenswahrheiten eingetrichtert werden sollten. Manche dieser Bilder sind zum ersten Mal in Europa ausgestellt. Das hat sich bislang kaum herum gesprochen. Sollte aber doch jemand wegen dieser kleinen kunstgeschichtlichen Sensation ins HKW kommen, dann muss er sich seinen Weg zu den Kunstwerken durch didaktisches Gestrüpp bahnen.
So ist das oft beim HKW. Ein Sammelsurium von Objekten wird durch eine Botschaft oder ein Lernziel zusammengehalten. Das ist nicht jedermanns Sache. Der Empörungssturm des Kulturpublikums hielt sich denn auch in Grenzen, als jetzt bekannt wurde, dass das Auswärtige Amt seine Mittel für das HKW um 20 Prozent von 1,25 Millionen auf eine Million Euro kürzen will. Der Haushaltsausschuss des Bundestages hat das schon durchgewunken. Neben den Mitteln des Auswärtigen Amtes erhält das HKW vom Staatsminister für Kultur weitere 1,9 Millionen. Mit den Internationalen Filmfestspielen Berlin und den Berliner Festspielen ist es organisatorisch in der gemeinnützigen GmbH „Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin“ zusammengeschlossen. In dieser Wundertüte der „Bundeskultur“ spielt es allerdings die kleinste Rolle.
Symbol der Internationalität
Die Intendanten der Berlinale und der Festspiele, Dieter Kosslick und Joachim Sartorius, haben pflichtschuldigst gegen die geplanten Kürzungen zu Lasten ihres Kollegen Bernd M. Scherer protestiert. Die geplante Einsparung sei ein „provinzielles Signal“. Das könne sich die Bundesrepublik nicht leisten, „wenn sie im internationalen Wettbewerb der Talente bestehen will“. Was das Haus der Kulturen der Welt mit dem Wettbewerb der Talente zu tun haben soll, erschließt sich zwar nicht auf den ersten Blick. Immerhin ist klar, dass es als Wahrzeichen der Internationalität der deutschen Hauptstadt gelten soll. Doch gerade darin liegt sein Problem: Die Internationalität, die hier gepflegt wird, hat selbst etwas provinziell Verstaubtes. Vieles erinnert an einen Dritte-Welt-Laden für Intellektuelle.
Die vom HKW bespielte Immobilie im Tiergarten hat ihren Einsturz im Jahr 1980 nicht wirklich überlebt. 1957 war die Kongresshalle als amerikanischer Beitrag zur Internationalen Bauausstellung Berlin zum Geschenk gemacht worden. Als Wahrzeichen der Freiheit sollte das auf einem künstlichen Hügel errichtete Gebäude in den unfreien Teil der der Stadt und Deutschlands ausstrahlen. Es war kühn geplant, aber schlampig ausgeführt. 23 Jahre nach der Einweihung stürzte die Dachkonstruktion ausgerechnet während eines Kongresses des Rings Deutscher Makler ein. Erst 1987 wurde die Kongresshalle wieder aufgebaut.
Als das neu gegründete Haus der Kulturen der Welt im Januar 1989 in das Gebäude einzog, konnte das tatsächlich als ein Zeichen der Internationalität im eingeschlossenen West-Berlin verstanden werden. Der bald darauf gebildete erste rot-grüne Senat unter dem Regierenden Bürgermeister Walter Momper erhob dann einen idealistischen Multikulturalismus in den Rang von Regierungspolitik. Das HKW als kulturelles Aushängeschild des rot-grünen Berlin – daraus hätte etwas werden können, wenn die Geschichte nicht eigensinniger Weise einen anderen Verlauf genommen hätte. Am 9. November 1989 fiel die Mauer. Und seitdem braucht es eigentlich kein eigenes Haus mehr, um die Kulturen der Welt in der Hauptstadt zu erleben und zu studieren. In der Internationalität Berlins wirkt die Internationalität des HKW wie ein nischenhaftes Reservat, das mitsamt der abgestandenen Moderne seiner Architektur im Tiergarten unter Naturschutz steht.
Wie sieht sich das HKW selbst? Auf seiner Internet-Seite lesen wir: „In einer Zeit, in der lokale und nationale Fragestellungen untrennbar mit internationalen Entwicklungen verbunden sind, bringt das Haus die Vielstimmigkeit der Welt zu Gehör und macht diese für den innergesellschaftlichen Dialog produktiv. In Zusammenarbeit mit Künstlern und Experten bietet es den Besuchern Gelegenheiten zur gemeinsamen Auseinandersetzung mit den Konflikten, Herausforder8ungen und Fragen unserer Zeit: Wie hän8gen unsere Lebensverhältnisse zusam8men? In welcher Zukunft wollen wir leben?“
Von der Vielstimmigkeit der Welt
Gibt es eigentlich eine auf Publikumsansprache gerichtete Institution, gibt es ein Theater, ein Museum, ein Ausstellungshaus, auf das diese Prosa aus dem Phrasen-Baukasten der Kulturwissenschaft nicht ebenso gut passte? Muss man wirklich ins HKW gehen, um in Berlin der Vielstimmigkeit der Welt zu lauschen? Wir wollen nicht so weit gehen, das HKW für überflüssig zu erklären. Aber wenn es auf Dauer seine Daseinsberechtigung beweisen will, muss es als Alleinstellungsmerkmale mehr bieten als seine relative Unzugänglichkeit und seine Theorielastigkeit. Und es darf sich nicht mit einer eingeschworenen Fan-Gemeinde als Publikum begnügen.
Als Ort der Auseinandersetzung mit außereuropäischen Kulturen wird sich in der Mitte Berlins, im wieder errichteten Stadtschloss, das Humboldt-Forum etablieren. So jedenfalls lautet immer noch die Planung. Man kann sich schwer vorstellen, was für das HKW noch bleibt, wenn im Humboldt-Forum erst einmal ein ja nicht nur museales, sondern auch diskursives und performatives Programm läuft. Der bevorstehende und übrigens kaum drastisch zu nennende Einschnitt könnte ja zum Anlass genommen werden, einmal über klarere Konturen des HKW-Programms nachzudenken.




