"Judaskuss"

Caravaggio-Dieb war nur Handlanger

Die Spezialeinheit GSG 9 rettete im Sommer in Berlin ein gestohlenes Caravaggio-Gemäldes. Nun findet in Berlin der Prozess gegen einen der vermeintlichen Täter statt. Doch er war wohl nur ein Handlanger.

Das wichtigste Beweismittel fehlte. Justizsenatorin Gisela von der Aue hatte das Gemälde „Die Festnahme Christi“, auch bekannt unter dem Namen „Der Judaskuss“, Ende August höchst persönlich an den ukrainischen Innenminister Anatoly Mogiliov zurückgegeben. So wurde im Saal B.306 des Moabiter Kriminalgerichts nur eine schnöde Fotokopie betrachtet. Und die war nicht einmal farbig, hatte also wenig zu tun mit der kostbaren Vorlage des italienischen Malers Michelangelo Merisi, genannt Caravaggio.

Letztlich spielte das aber auch keine Rolle. Der Diebstahl war unstrittig und der Angeklagte geständig: Sergy G., ein 35-jähriger Ukrainer ohne Pass und Staatsangehörigkeit. Dieser Status rettete ihn vor der Auslieferung in die Ukraine. Denn genau dort war am 30. Juli 2008 „Die Festnahme Christi“ aus dem Museum für westeuropäische und orientalische Kunst in der Hafenstadt Odessa gestohlen worden.

Die Staatsanwaltschaft geht in ihrer Anklage davon aus, dass Sergy G. als Mitglied einer ukrainischen Bande tätig wurde, die sich auf Einbruchsdiebstähle hochwertiger Gegenstände spezialisierte. Allerdings nur als eine Art Handlanger. So soll der Inhaber eines Logistikunternehmens die Wohnung zur Verfügung gestellt haben, in der das Gemälde versteckt worden war. Auch habe er ein Auto zur Verfügung gestellt und „als Ortskundiger“ den Komplizen dabei geholfen, sich in Berlin zurechtzufinden.

Sergy G. versucht, diese Vorwürfe in einer von seinem Verteidiger Peter Zuriel vorgetragenen Erklärung zu relativieren. So sei er eigentlich nur ein netter Gastgeber gewesen, der seinen Landsleuten ein wenig geholfen habe – aus „reiner Gefälligkeit“ und ohne „Gewinnerwartung“. Allerdings habe er, als er das Gemälde gesehen habe, schon vermutet, dass es sich um „Die Festnahme Christi“ handeln könne. Nie im Leben wäre er jedoch auf die Idee gekommen, „dass es hier um einen Wert von 100 Millionen US-Dollar geht“. So zumindest war es aus Odessa vermeldet worden.

Ukrainische Polizei fahndet nach den Kunsträubern

In der Ukraine sollen auch heute noch viele daran glauben, dass dieses Gemälde tatsächlich derart wertvoll ist. Adäquat war dann auch der Aufwand der ukrainischen Polizei. In der Anklage ist von verdeckten Ermittlern mit Tarnnamen wie „Architekt“ und „Advokat“ die Rede. Sie trafen sich mit Mitgliedern der Bande in verschiedenen europäischen Städten und verhandelten über den Verkauf des Gemäldes. Im Juni kam es in Berlin zu dem entscheidenden Zugriff. Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes und der Elitetruppe GSG 9 nahmen drei Ukrainer und einen Russen fest, als sie sich in der Nähe des Messegeländes in Charlottenburg mit einem Kaufinteressenten treffen wollten. Unter den Festgenommenen war Sergy G.

Die Beamten holten damals auch sofort einen Gutachter, um den Wert und den Zustand des Gemäldes einschätzen zu lassen. Der eigentlich zuständige Museumsfachmann sei im Urlaub gewesen, sagte der als Sachverständiger geladene Erich Schleier. Deswegen sei man auf ihn gekommen. Schleier ist 76 Jahre alt und seit zehn Jahren pensioniert. Der langjährige Kustos der italienischen und spanischen Sammlungen an der Berliner Gemäldegalerie hat aber immer noch den Ruf eines absoluten Experten. Seine Einschätzung war – zumindest für die Museumsleute aus Odessa – etwas niederschmetternd. Und das nicht nur wegen des miserablen Zustandes des Bildes. Die Diebe hatte es aus dem Rahmen heraus geschnitten und zusammen gefaltet.

Wert des gestohlenen Caravaggio: 20.000 bis 40.000 Euro

Nach Meinung von Schleier – das wiederholte er so auch vor Gericht – sei das Bild aber ohnehin nur die Kopie eines unbekannt gebliebenen zeitgenössischen Künstlers. Gemalt vermutlich wenige Jahre, nachdem Caravaggio das Original entworfen hatte. Den Wert der Kopie schätzte er auf „vielleicht 20.000 bis 40.000 Euro“. Der Wert der echten „Festnahme Christi indes sei „unschätzbar“; und könne durchaus im Bereich von 100 Millionen US-Dollar liegen. Es wird in Dublin in der National Galery of Ireland ausgestellt.

Für Sergy G. und seinen Prozess ist das jedoch von keinerlei Bedeutung. Da er zugegeben hatte, dass hinter einem Schrank versteckte Gemälde gesehen und auch für gestohlen gehalten zu haben, bleibt unterm Strich immer noch der Vorwurf einer versuchten Hehlerei. Bei Vorgesprächen zwischen dem Gericht, der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung war schon über eine Bewährungsstrafe verhandelt worden – falls Sergy G. ein Geständnis ablege. Ob das, was er sagte, nun tatsächlich als Geständnis gewertet wird, muss die Kammer entscheiden. Das Urteil soll am nächsten Montag verkündet werden.