Neu auf CD

R.E.M. & Co. – Rockstars auf Abwegen

| Lesedauer: 6 Minuten
Michael Pilz

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Eine neue Supergruppe, ein Vermächtnis, ein unverbrauchtes Talent und Gitarre extrem - das bieten die CDs der Woche.

Tired Pony: The Place We Ran From (Fiction)

Vor vier Wochen, beim Konzert von Pearl Jam in Berlin, stand plötzlich Peter Buck, der Gitarrist von R.E.M., mit auf der Bühne, um beim Klassiker "Kick Out The Jams" von MC5 zu helfen. Auf den Rängen wurde debattiert: Wo kommt denn der jetzt her? Entsteht hier eine weitere Supergruppe? Und was sagt der Rest von R.E.M. dazu? Es war der Tag, als Peter Buck Berlin besuchte, um in Interviews auf Tired Pony aufmerksam zu machen, seine neue Supergruppe, die der Rest von R.E.M. genehmigt hatte.

Nun ist auch das Album dazu da. Die Band besteht im Wesentlichen aus den Briten Snow Patrol, vertreten durch den Sänger Gary Lightbody, und R.E.M. mit den Gesandten Peter Buck und Scott McCaughey. Ferner wirken Gäste mit von den Editors, Belle & Sebastian und das Duo She & Him. Aber warum eine neue Supergruppe? Vielleicht ist die Branchenkrise schuld, vielleicht die allgemeine Rockstar-Dämmerung.

Verwegene musikalische Gedanken können es kaum sein in Anbetracht der Alben, die von einschlägigen Supergruppen stammen. Auch "The Place We Ran From", das Debüt von Tired Pony, reiht sich unauffällig ein. Westerngitarren (Peter Buck) und traurige Gesänge (Gary Lightbody) beherrschen die zehn Stücke, die von toten Dichtern und von guten Büchern handeln. Hin und wieder meldet sich eine elektrische Gitarre oder eine Geige. Es ist ländliche Musik, die weniger prominent besetzte Bands wie Wilco, Lambchop und Calexico schon aufregender aufgenommen haben. Sie klingt wie ein müdes Zwerglastpferd. Note: 2

The Magic Numbers: The Runaway (Heavenly)

Im Herbst 2009 starb Robert Kirby, jener kahlköpfige, bärtige Mann, der für Nick Drake und Vashti Bunyan die Streicher und die Stücke arrangierte, in den frühen Siebzigern, und so dem BritFolk eine exquisite Note gab. Vollenden konnte Kirby zuletzt noch das dritte Album des Quartetts The Magic Numbers. Die Geschwisterpaare Michele und Romeo Stodart sowie Angela und Sean Gannon musizieren zwar am Londoner Westend. Dabei fühlen sie sich allerdings weit westlicher daheim, in Kalifornien, wo der Westen endet. Ihre ersten Alben schwelgten in den Sechzigern, im sonnigen Folkpop, um nun folgerichtig in die Siebzigerjahre einzutreten und, Dank Robert Kirby, wie die mittleren Fleetwood Mac zu klingen. Note: 4

Lissie: Catching A Tiger (Columbia)

Das neue Projekt von Stevie Flicks der sonst bei Fleetwood Mac den Ton angibt:. Lissie, stammt aus Illinois und hat sich vom Problemkind zu einer bemerkenswerten Sängerin entwickelt, die mit eigenen Liedern (und der Hilfe von Bill Reynolds, ihres Freundes von der Band of Horses) ausprobiert, wie breit der Mainstream heute ist. Sehr breit. Note: 3

Lee Ritenour: 6 String Theory (Concord)

Man weiß nicht, wie viele Gitarrengruppen und Gitarrenplatten existieren mit der Stringtheorie im Namen. Nie hat es etwas mit Quanten und Elementarteilchen zu tun, mit physikalischen Modellen, aber immer einiges mit dem Humor von Gitarristen. Als Lee Ritenour als 16-jähriger in Kalifornien bei The Mamas & The Papas aushalf, nannten sie ihn "Captain Fingers". Später war er der Ghostgitarrist von David Gilmour. Die "6 String Theorie" nach Ritenour besagt: Ein Gitarrist muss alles spielen können, jede Art Musik, und deshalb zeigt er an der Seite von John Scofield, dass er sowohl Jazz beherrscht als auch den Blues mit B.B. King, mit Slash den Rock und mit Vince Gill den Bluegrass. Mit dem 16-jährigen Shon Boublil, dem Gewinner des Lee-Ritenour-Gitarrenwettbewerbes spielt er zwei Capriccios um die Wette. Gitarristen sind die Nerds der Popmusik. Note: 3

R.E.M.: Murmur; Reckoning; Fables of the Reconstruction (I.R.S.)

Zurück zu R.E.M.: Die planen eine Resteverwertung ihrer schon geschaffenen Werke und wollen ihre drei ersten Album wieder veröffentlichen. Auf "Murmur" hört man Michael Stipe als lockigen Narziss mit Schmollmund greinen, und man hört Mike Mills und seinen Bass. Der damalige Plattenhändler Peter Buck ist mit seiner Gitarre kaum zu hören. Im Unterschied zur Erstveröffentlichung liegt dem Album heute ein Konzertmitschnitt vom Juli 1983 bei, das Schlagzeug rumpelt häufig unbeholfen hinterher, und die Begeisterung des Publikums hält sich in Grenzen.

Auch bei "There She Goes Again" von Velvet Underground. Ein Jahr danach, nach Auftritten bei David Letterman und nach "Reckoning", jenem von Stipe mit einer doppelköpfigen Schlange selbst bemalten zweiten Album, klingen R.E.M. schon anders: Im Juli 1984 kennt die Euphorie bei einem Auftritt in Chicago keine Grenzen, diesmal gibt es "Femme Fatale" von Velvet Underground.

Für "Fables of the Reconstruction", 1985, flog der Londoner Produzent Joe Boyd nach Athens. Boyd hatte den Folkrock Großbritanniens geprägt, den Klang von Bands wie Fairport Convention und Fotheringay, bei R.E.M. nahm er den Bass zurück, schob die Gitarren luftiger nach vorn, womit der Markensound der Band bereits vollendet war. Das dritte Album wird heute in einer Schmuckkassette ausgeliefert, mit einem Plakat und Kunstdrucken der Fotoaufnahmen von damals. 25 Jahre später ist es keine angejahrte Platte mehr, sondern ein Heiligtum. Note: 3