Solomon Burke: Nothing’s Impossible (E1)

Nichts sei unmöglich: Damit werben nicht nur die Japaner für ein störanfälliges Auto. Für die Amerikaner ist es eine Lebensweisheit. Und für Solomon Burke, den „Schwarzen Elvis“, heißt es, dass der Tod nur ein bedauerlicher Unfall sein kann auf der Straße in die Ewigkeit.

Der „King of Rock’n’Soul“, den Titel trägt er ebenfalls mit Würde, bietet neben der Musik auch Mietwagen, Bestattungen und Popcorn an. Zum 70. genehmigt er sich selbst ein weiteres Album. Gerade als es fertig war, bereits im Januar 2010, verstarb sein musikalischer Begleiter Willie Mitchell. Mitchell war der gute Geist von Hi Records in Memphis. Er hat in den Siebzigern den Soul zu einer härteren Musik gemacht, er wurde 81 Jahre alt.

Dass diese letzte von ihm produzierte Platte wie eine vertonte Grabrede klingt, so humor- wie hoffnungsvoll, liegt allerdings in der Natur von Soul und Country. Bis auf ein Stück stammen alle Songs von Mitchell, Burke oder von bei-den. Bis auf eines handeln alle Stücke von der Liebe auf der Erde und im Himmel. Dieses eine Lied, „You Needed Me“, ein Hit von Anne Murray von 1978, sagt, dass es kein Ende geben kann. Die Botschaft wird durch das Orchester und den Chor beglaubigt: Jeder ist unsterblich.

Ganz unmöglich scheint das alles nicht zu sein bei Solomon Burke. Mit zwölf war er schon Bischof der „House of God For All People Church of the Nazarene of Pasadena“, die von seiner Großmutter begründet worden war. Der Enkel war ihr, lange vor seiner Geburt, im Traum erschienen. Von klein auf ging er dem Vater bei Beerdigungen zur Hand und wusch die Kunden. Als Erwachsener sang er Klassiker wie „Everybody Needs Somebody To Love“ und „Cry To Me“. Er überraschte hochrangige Mitglieder es Klu-Klux-Clan, als er auf einem ihrer Feste, Countrylieder sang. Gelegentlich gibt er Konzerte von einem verzierten Thron herab, mit Krone, Reichsapfel und Zepter, während die Hermlinschleppe von einem Zwerg gehalten wird. Die Schar der Enkel soll inzwischen über hundert zählen. Ungefähr so viele Platten hat er aufgenommen, nun ist es noch eine mehr. Vier von fünf Sternen.

Big Boi: Sir Lucious Left Food – The Son of Chico Dusty (Def Jam)

Am Martin-Luther-King-Tag vor fünf Jahren fing das Duo Outkast an mit „Speakerboxxx/The Love Below“. Das Doppelalbum hat den HipHop aus seinen erstarrten Formen lösen können. Dass es keine einfache Geburt war, machten die zwei Platten deutlich: „Speaker-boxxx“ stammte von Big Boi und „The Love Below“, von André Benjamin, der nicht mehr wie ein Rapper aussah, sondern wie ein Herr aus einem Roman von F. Scott Fitzgerald.

Jede der zwei Platten klang nach ihrem Schöpfer. Big Boi sieht noch heute aus wie Big Boi, wie ein Rapper also. Zwei Jahre nach „Speakerboxxx“ und ebenfalls am Martin-Luther-King-Tag hatte Big Boi bereits den Entschluss gefasst, ein eigenes Album aufzunehmen. Als Sir Lucious Left Food. Jetzt ist es vollbracht: Es unterlegt den Rap mit wohligen Pianoläufen oder eleganten Beats, die allerdings von André Benjamin geliefert werden mussten. Eingeladen wurden Janelle Monáe, Sleepy Brown und Jamie Foxx. Zitiert wird „Back To Life“ von Soul II Soul von 1989. Und das Album handelt von den Genen Chico Dustys, Big Bois Vater, einem todesmutigen, verstorbenen Soldaten der Marine. Big Boi rappt, dass er das Erbe deutlich in sich spüre. Dabei kann ihm aber nichts passieren. Zwei von fünf Sternen.

The Roots: How I Got Over (Def Jam)

Auf der Bühne hat sich HipHop so oft selbst entzaubert, dass man froh sein darf über die Roots. Die Bühnenband aus Philadelphia wagt sich nun noch einen Schritt weiter. Questlove stellt sein Schlagzeug zwischen blasse Folksänger wie Bright Eyes und Joanna Newsom. Und es kümmert ihn nicht im Geringsten, ob der HipHop davon Kenntnis nimmt, und ob die Roots dann endgültig vom offiziellen HipHop ausgeschlossen werden. Vier von fünf Sternen.

Marc Almond: Varieté (Cherry Red)

Mitunter lohnt es sich, bei Wikipedia vorbei zu schauen. Bei Marc Almond findet sich der aufmerksame Eintrag: „Er bezeichnet sich als homosexuell, möchte aber nicht homosexueller Künstler genannt werden, da das seiner Ansicht nach so aufgefasst werden könne, dass sein Werk nur für Homosexuelle interessant sei.“ Wer das Wirken Almonds zuletzt noch verfolgt hat, wird erstaunt bemerkt haben, wie schnell ein schwuler Popstar in der Schwulenszene abtaucht, wenn er um die Liebe Aller bettelt.

In den Nullerjahren nahm er russische Folklore auf und Songs von Brecht und Weill. Er überlebte einen schweren Autounfall und beschrieb sich selbst als Orpheus im Exil. Mit „Varieté“ kehrt er zurück, indem er so Persönliches besingt wie seinen Lidstrich. Er betet Vaslav Nijinski an, den Tänzer, singt von seinen Sünden, seinem Wahnsinn und von einem Jungen aus Sand. Ob das den 50-jährigen Angestellten interessiert, dem Almonds Duo Soft Cell in den Achtzigerjahren half, sich Mädchen anzunähern? Gibt es schwule Popmusik? Darüber schweigt sich sogar Wikipedia aus. Zwei von fünf Sternen.

2raumwohnung: Lasso-Remixe (It Sounds)

Das Überzeugendste am letzten Album des Berliner Paares 2raumwohnung war der angehängte Remix von Paul Kalkbrenner. Man könnte heute sogar sagen: Erst im Remix unter den geschickten Händen von Blake Baxter (düster), Westbam (stumpf), Moritz von Oswald (esoterisch) und Paul Kalkbrenner (berlinisch boden-ständig) kommen Inga Humpe und Tommi Eckart endlich an in einer Stadt, die nie so harmlos sein möchte wie ein beliebiges Lied von 2raumwohnung. Kein einziger Stern.

Ben Sidran: Dylan Different (Bonsai)

Eigentlich hört sich Bob Dylan immer anders an. Es ist der Vorsatz, aus dem Dylan seinen Ehrgeiz schöpft, Bob Dylan zu sein und niemals damit aufzuhören. Das ewig Andere treibt allerdings auch andere Sänger an, komplette Alben mit Bob Dylans Liedern auf-zunehmen. Heute ist Ben Sidran an der Reihe. Was der Pianist und Sänger aus dem Jazzfach über weite Strecken seine Albums „Dylan Different“ mit den Gassenhauern anstellt, unterscheidet sich nur in Nuancen von den üblichen Versuchen. Seine Bläser aber haben für Bob Dylan offenbar so wenig übrig, dass ihnen das Andere in Ansätzen durchaus gelingt. Kein einziger Stern.

Kongo: Roots of OK Jazz. Congo Classics 1955 – 1956 (Okeh)

Vor 50 Jahren feierte der Kongo seine Unabhängigkeit. Die einflussreichsten Musiker des Landes hatten mit der belgischen Musik schon in den Fünfzigern gebrochen. Allen voran Lokanga La Ndju Pene Luambo Makiadi, den die Kongolesen Franco nannten oder schlicht Grand Maître. Als der Große Meister 1989 starb wurden verzweifelt Nachrufe auf den „Balzac der afrikanischen Musik“ verfasst. Die Lebensleistung Francos und seines Almighty Kinshasa Jazz Orchesters bestand darin, die kubanische Musik wieder ins Mutterland zurück geführt zu haben. Es gab eigenwilligen Rumba-Rock und ungestümen Mambo-Jazz. Die Platten wurden nicht in Belgien gepresst, sondern in Griechenland. Die minderjährigen An-hänger nannten sich „Yankees“, und als sie erwachsen waren, riefen sie die Republik aus. Fünf von fünf Sternen.