Wer gesunde Ohren hat, kann auf der Zitadelle noch die Uhr vom Spandauer Kirchturm hören. Sie schlägt acht Uhr abends, und Josh Homme betritt die Bühne. Lachend stellt er sich ans Mikrophon, ein rothaariger Riese aus der Wüste Kaliforniens. Seinen 8000 Besuchern wünscht er einen schönen Nachmittag. Vermutlich steht er sonst erst auf um diese Zeit und macht sich fertig für den Dienst im Steinbruch der Musik.
Aber er preist den Ort: Die Festungsmauern frieden den Krawall ein und beschützen seine Band vor den Beschwerden hellhöriger Anwohner. Solange er vor zehn Uhr fertig wird, dann soll in Spandau alles stille sein. Queens Of The Stone Age, Hommes Band, zählt zu den Lautesten, weshalb ihre Konzerte meistens nur erahnen lassen, wozu sie bei lockeren Emissionsvorschriften fähig wäre. Homme spielt gern Gitarre in der Wüste, nackt und nachts unter dem Sternenzelt.
Den Strom liefert ein rostiger Dieselgenerator. Auch auf Reisen sieht er sich nach ursprünglichen Plätzen um. Zuletzt gastierte seine Band im Salzbergwerk von Sondershausen, wo man allerdings auf die Gefahren unter Tage Rücksicht nehmen musste. Damals herrschte Helmpflicht. Heute darf der Pegel höher sein als je zuvor in einer deutschen Grube oder einer Mehrzweckhalle.
Der Genießer wagt sich vor die Bühne und die Boxentürme; überwiegend ältere Gäste gehen dorthin, wo der Abendwind den Donner etwas dämpft. Es wird ja regelmäßig darauf hingewiesen, dass vor allem Rockmusik zu Hörverlusten führt. Seit man Musik für iPods komprimiert, wird vor der angehobenen Lautstärke gewarnt. Und heißt das beste Album von Queens Of The Stone Age nicht „Songs For The Deaf“? Man darf Musik aber auch nicht zu leise hören, schon wegen der interessanten Obertöne, und um zu vermeiden, dass Musik keine Musik mehr ist, sondern ein klingendes Narkotikum.
Es schadet dabei nichts, ein Naturell zu haben wie Josh Homme. Er tänzelt wie ein Ringer, die Gitarre sieht in seinen Pranken aus wie eine Ukulele, hin und wieder rempelt er seinen Bassisten an. Er hat Bands überlebt wie Kyuss und die Screaming Trees. Die Stücke fangen in der Regel mit bemerkenswerten Störgeräuschen an. Der Schlagzeuger prügelt mit Nachdruck einen Rhythmus, der vom Publikum sofort begeistert einem Titel zugeordnet wird. Der Rest ist überwältigender Lärm. Josh Homme spricht zu anwesenden Sicherheitsbeamten wie zu schwerhörigen Damen: „Sollte jemand auf die Schultern eines anderen steigen wollen, lasst ihn bitte. Es ist ein Konzert.“ Michael Pilz




