Helge Schneider: "Ich habe mich nur zur Verfügung gestellt"

Der Entertainer fühlt sich nicht wohl in seiner Haut. Das mag daran liegen, dass er für Dani Levys Film „Mein Führer“ Adolf Hitler gespielt hat. Und sich dafür extra die Haare schneiden lassen musste. Morgenpost Online sprach mit dem Mann, der der Führer war.

Morgenpost Online: Herr Schneider, Dani Levy hat schon beim Drehbuchschreiben an Sie gedacht. Was macht Sie so Hitler-tauglich?

Helge Schneider: Vielleicht mein Gesicht; ich habe keine Ahnung. Er hat sogar noch nie zuvor eine Show oder einen Film von mir gesehen. Ich weiß nicht, was ihn da geritten hat.

Morgenpost Online: Wie war Ihre erste Reaktion auf das Angebot?

Schneider: Erst mal war die Frage, ob ich Zeit habe. Hatte ich eigentlich nicht. Die ließen aber nicht locker. Da habe ich das Drehbuch mal halbherzig gelesen. Da war so viel Text auswendig zu lernen, das ist ja gar nicht mein Ding. Dann hat mich aber der Dani zum Vorsprechen überredet, und dabei bekam ich einen solchen Spaß. Ich habe das gesehen wie ein Kind, das Theater spielt. Da sagt man: Ich bin jetzt Räuber Hotzenplotz, und in dem Moment ist man das. Ich habe trotzdem gehofft, dass sie mich nicht nehmen. Ich hatte auch keine Lust, meine Haare abzuschneiden. Ich bin ja deshalb nicht zur Bundeswehr damals, dafür habe ich Jahre gekämpft. Und dann soll ich die für so einen Heini opfern. Dann habe ich’s aber doch gemacht.

Morgenpost Online: Wie haben Sie sich vorbereitet. Kann man sich überhaupt bei so einer Rolle?

Schneider: Ne, kann man nicht. Das ist wie ein Sprung ins kalte Wasser.

Morgenpost Online: Aber wir alle haben doch unsere Vorstellungen im Kopf. Hitler ist doch omnipräsent.

Schneider: Ja. So wie David Hasselhoff.

Morgenpost Online: Vielleicht noch präsenter.

Schneider: Für mich nicht. Aber du hast recht: Man wird ja seit 20 Jahren bombardiert mit Fernsehberichten, Zeitdokumenten usw. Seit Leute wie der Knopp die Themen aufreiten. Heute machste die Glotze an und siehst so Leute marschieren. Ich weiß gar nicht, ob das gut ist. Diese Bilder prägen ja fast schon. Den Hitler kann ja jetzt schon jeder nachmachen.

Morgenpost Online: Sie müssen nicht nur eine monströse Figur spielen, sondern auch mit großen Schauspielern konkurrieren.

Schneider: Ja. Aber ich sehe da gar keinen Vergleich. Der Chaplin hat ihn ja auch nicht authentisch gespielt. Der hat sich den Bart angeklebt und ein paar Bewegungen überzogen, und fertig ist der Adolf. Und er hat erreicht, was er wollte.

Morgenpost Online: Wenn ein Deutscher Hitler parodiert, ist das vielleicht ein größerer Tabubruch.

Schneider: So ein Film ist ja komischerweise ein Hype. Ich muss jetzt aber mal sagen: Ich habe diese Rolle nebenbei gespielt, was ich als Hobby sehe – ich bin ja kein Schauspieler, ich bin Darsteller. Das ist auch der Grund, warum ich das so locker machen konnte: Ich habe da keinen Druck. Ich muss jetzt nicht von Hollywood entdeckt werden. Weil ich Musiker bin. Weil ich immer mein Käsebrot spiele und Katzeklo. Ich habe jetzt auch eine Platte gemacht, ein Buch, eine Tour, extra, um den Fokus etwas abzulenken. Denn ich habe den Film ja nicht gemacht, es ist nicht mein Film.

Morgenpost Online: Das klingt jetzt aber schon, als ob Sie sich vom Endprodukt distanzieren würden?

Schneider: Nicht von der Rolle, im Gegenteil. Aber, ganz klar, vom Machen des Films. Ich hab ihn ja nicht gemacht. Ich habe mich nur zur Verfügung gestellt, ich habe das auch gut gemacht, das weiß ich. Und es hat mir auch viel Spaß gemacht. Obwohl ich jeden Morgen um halb fünf in der Maske sitzen musste drei, vier Stunden da gesessen und mich gefragt habe, was mich da geritten hat.

Morgenpost Online: Haben Sie den fertigen Film schon gesehen?

Schneider: Ich habe mal fragmentarisch was gesehen.

Morgenpost Online: Und?

Schneider: Ich bin nicht befugt, jetzt eine Wertung abzugeben. Filme entstehen und werden dann umgeschnitten. Die können deine Rolle ganz groß machen oder schneiden dich ganz raus – wie ich das selbst schon in meinen Filmen getan habe. Aber beim Zuschauer entsteht dann noch mal ein ganz anderer Film. Kann sein, dass der zu harmlos daherkommt oder die Leute total schockiert sind. Aber das sind alles Sachen, die muss der Regisseur verantworten oder die Produktion. Wenn mich jemand fragt: Helge, wie findest du den Film?, dann sage ich: Ich finde den nicht. Weil ich keinen Abstand dazu habe.

Morgenpost Online: Bei Ihnen erwartet man immer eine Witzfigur. Jetzt bestehen Sie aber im Presseheft darauf, mit Hitler eine ernsthafte Figur darzustellen.

Schneider: Vielleicht ist das ein wenig falsch erläutert da. Als ich in den Siebzigern erstmals eine Schallplatte gehört habe, „Hitlers Reden“, haben wir uns total kaputtgelacht. Das ist ja eigentlich eine Witz-, eine Schießbudenfigur, wenn man sie aus der Historie löst. Deshalb meinte ich, wenn ich Hitler spiele, dann nicht als gespielter Witz, wie man das so von der Comedy im Fernsehen kennt, – sondern so, wie er war. Das ist ja noch viel witziger.

Ulrich Mühe: [In diesem Moment tritt Schneiders Filmpartner aus dem Nebenzimmer herein:] Sei nicht zu ernst!

Schneider: [kurz perplex] Ich habe den Hitler jedenfalls so gespielt, wie ich’s kann. Ich kann’s vielleicht nicht so gut wie¿

Morgenpost Online: ¿ Bruno Ganz?

Schneider: ¿ wie Hitler selber.

Morgenpost Online: Sie spielen ihn aber durchaus nicht nur als Schießbudenfigur. Es gibt ja richtig melodramatische Momente.

Schneider: Ja klar. Aber das ist das Drehbuch. Da bin ich nur der Darsteller, der den Text abnudelt. Alles andere, wo nicht gesprochen wird, das bin ich. Ich habe nix am Text verändert, ich bin dafür nicht zuständig. Ich hätte ihn auch anders dargestellt.

Morgenpost Online: Nicht als mitleiderregendes Würstchen?

Schneider: Meiner Meinung nach kann man das ruhig tun. Wenn man ihn so zeigt, wie er gewesen ist, wie Bruno Ganz es auch schon gemacht hat, dann zeigt man ja nur ein bisschen mehr Mensch als die Karikatur. Was den Text in „Mein Führer“ angeht, wenn er sagt, sein Vater habe ihn geschlagen, da muss ich sagen: Das ist ziemlich platt. Ich habe mir noch nie Gedanken gemacht, über Hitler einen Film zu machen; aber hätte ich’s getan, dann würde ich nur die Figur nehmen und in die heutige Zeit adaptieren, damit das auch irgendwie brisant ist. So ist das alles – naja.

Morgenpost Online: Sie wollten aber auch nicht mit Dani Levy über Änderungen am Film diskutieren?

Schneider: Nö. Das bringt nix. Das geht nicht.

Morgenpost Online: Würden Sie als Regisseur auch nicht zulassen?

Schneider: Genau. So muss man das sehen. Wenn Dani sich den Film ausgedacht hat und ich spiele da eine Rolle, habe ich gar kleinen Überblick. Und wenn etwas nicht glaubwürdig ist, dann kann man das auch nicht überhöhen, dann greift, dann er-greift das nicht.

Morgenpost Online: Entschuldigung, aber das klingt wie die Klischee-Ausrede aller Nazi-Mitläufer: Ich habe ja nur gespielt¿

Schneider: Naja, das ist jetzt ein bisschen übertrieben. Ich finde die Frage völlig fehl am Platz. Ich habe Hitler dargestellt für einen jüdischen Regisseur, dem ich mich anvertraut habe. Und was er daraus macht, dazu brauch ich eigentlich gar nicht gefragt zu werden. Nicht wie ich den Film finde und nicht, was daraus geworden ist. Wenn ein Regisseur einen Film dreht, kann der Darsteller doch nicht sagen: Ich stehe und falle mit ihm. Das ist doch völlig absurd.

Morgenpost Online: Es gibt genug Darsteller, die ihrem Regisseur gern ins Handwerk pfuschen¿

Schneider: Natürlich gibt es genug Schauspieler, die so sind. Ich nicht. Klar hätte ich den ganzen Betrieb aufhalten können, wie Klaus Maria Brandauer das am ersten Tag gemacht hat. Ich finde es auch schade, dass er dann gar nicht mitgemacht hat. Wenn ich einen Film zusage, erkläre ich mich auch dazu bereit. Wenn der Regisseur aber etwas daraus macht, was ich nicht gut finde, sag ich doch nicht: Jetzt ändere den Film mal. Ist doch Quatsch.

Morgenpost Online: Sie haben Adolf Hitler schon einmal gespielt, in „Menü total“.

Schneider: Ja, mit Christoph Schlingensief, vor 25 Jahren. Das ist auch gut geworden. Da habe ich auch die Musik dazu gemacht. Und das ist auch eine gute Auseinandersetzung damit. Das ist aber lange her.

Morgenpost Online: Eine bessere Auseinandersetzung als „Mein Führer“?

Schneider: Wenn „Mein Führer“ ins Kino kommt, wird das Publikum entscheiden, ob er ihm etwas sagt oder nicht. Ich bin, das, wir können da ganz ehrlich drüber reden, ganz unsicher. Ich weiß nicht so genau, was daraus wird.

Morgenpost Online: Wir haben das Gefühl, bei Dani Levy sei das genauso.

Schneider: Allein die Rechtfertigung, ob man über Hitler lachen darf, finde ich völlig fehl am Platz. Was soll das? Ich habe den Film mal ganz kurz auf dem Monitor durchgespult. Da habe ich Szenen gesehen, die sind ganz anders geworden als im Drehbuch. Und eine, wo ich mit Katja Riemann im Bett liege, war eigentlich rausgeschnitten, da frage ich mich, warum ist die jetzt wieder drin. Ich sage Sätze wie: „Ja, mein Vater schlug mich.“ Aber all die anderen Sätze, die auch gesagt wurden, die das relativieren, die fehlen jetzt. Aber das ist halt Dani. Dani hat versucht, dem jungen Publikum mit ganz schlichten Mitteln zu sagen: Leute, seid besser zu euren Kindern. Das war seine Intention. Ich hätte das nicht gemacht. Ich habe immer gesagt, so viele Leute wurden von ihren Eltern geschlagen, die sind aber trotzdem keine Hitler geworden.

Das Gespräch führte Peter Zander