Morgenpost Online : Herr Levy, hat Ihnen „Der Untergang“ gefallen?

Dani Levy : Ich schäme mich ein bisschen, weil ich ihn lieber gut gefunden hätte. Aber nein, er hat mir nicht gefallen. Ich hatte als Filmemacher zwar großen Respekt vor der Arbeit, der Regie, den Darstellern, auch vom Vorhaben als solches. Aber in seinem verbiesterten Ernst, seinem unbedingten Anspruch, authentisch zu sein, die absolute Wahrheit zu zeigen, fand ich ihn irgendwann lächerlich, unfreiwillig komisch. Und auch ärgerlich.

Morgenpost Online : Und deshalb Ihr Film, die „wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler?

Levy : Als ich hörte, Oliver Hirschbiegel dreht einen Film über die letzten Tage des „Führers“, hatte ich die Lust und ein Jucken im Finger, einen Gegenfilm zu machen. Bevor ich den Film gesehen habe! Es hätte sogar so sein müssen, dass ich mit meinem Film früher fertig gewesen wäre. Wie John Carpenter, als er von Kubricks „2001“ hörte und „Dark Star“ drehte. Ich liebe es, wenn zwischen Filmen ein Austausch stattfindet, und hätte diese Tradition gern fortgesetzt. Aber durch „Alles auf Zucker!“ hatte ich keine Zeit mehr. Ich bin auch einfach zu langsam für so was, leider, und habe den Plan fallen gelassen. Aber „Mein Führer“ ist keine Antwort auf den „Untergang“. Dafür ist er doch zu individuell fantasiert als Komödie, die ich schon lange machen wollte.

Morgenpost Online : Dennoch wirkt Ihr Film wie das Antidot. Zumal „Der Untergang“ darin erstarrte, dass jedes Wort, das fiel, überliefert sein musste.

Levy : Ach, das war doch schon immer so, mit Filmen wie„Schindlers Liste“, „Speer & Er“. Und all diese Guido-Knopp-Dokumentationen. Es war ein ganzes Sammelsurium von einer deutschen Haltung zum Nationalsozialismus und der so genannten Erforschung desselben, die mich immer mehr fast geärgert, auf jeden Fall aber... naja gelangweilt hat. Das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Geschichte wird gar nicht wirklich geprüft. Eigentlich geht es nur darum, unsere Wunden zu lecken. Wirklich etwas über die moralischen, sozialen Vorgänge jener Zeit aus der heutigen Perspektive zu diskutieren, dafür eignet sich die Komödie meiner Meinung nach sehr gut. Dann wurde „Der Untergang“ ein großer Erfolg, das plättet einen ja auch. Mir hat dann aber Gero von Boehm in einer Talkshow gesagt: Machen Sie doch trotzdem Ihren Film. Und dann dachte ich, vielleicht ist das jetzt, mit all den Preisen für „Zucker!“ auch die Gunst der Stunde, eine Komödie über Hitler überhaupt finanziert zu bekommen.

Morgenpost Online : Es gibt schon viele Komödien über Hitler, aber noch nie kam eine aus Deutschland. Hatten Sie da mit Widerständen zu tun?

Levy : Ja, natürlich. Vor allem mit inneren. Wenn man über den Nationalsozialismus eine Komödie machen will, ist man ganz schnell in einem Gewissenskonflikt. Hat das schlechte Gefühl, zu verharmlosen, zu entschuldigen, zu diskreditieren. Natürlich schafft die Komödie Erleichterung, auch im Scherz. Das ist per se eine ihrer Aufgaben. Es gab Menschen im KZ, die danach sagten, ohne einen Funken Humor auf ihrem Todesweg hätten sie nicht überlebt. Ich glaube, dass Humor zum Schmerz gehört und zur Wunde. Und der Nationalsozialismus ist eine deutsche Wunde.

Morgenpost Online : Hatten Sie, der Sie aus der Schweiz kommen, auch Angst, als Nestbeschmutzer zu gelten?

Levy : Nein, diese Skrupel waren gering. Meine Mutter war ja Berlinerin und wurde 1939 als Jüdin herausgeschmuggelt (bevor die Schweiz die Grenze dicht gemacht hat, Klammer zu). Ich komme nach Deutschland, nach Berlin und finde mich wieder in einer ungebremsten Auseinandersetzung mit der Geschichte und akzeptiere auch die Rolle, dass ich nicht fertig damit bin. Ich könnte ja auch, wie andere Juden hier, Comedy machen, oder verleugnen, dass ich jüdisch bin, wie Hugo Egon Balder. Aber so bin ich nicht. Ich habe meinen Mut zusammen genommen. Deshalb habe ich den Film auch so schnell gemacht; man hätte mich schon abbringen können, wenn jemand aus meinem engsten Kreis, meine Frau oder meine Ex-Freundin, Bedenken geäußert hätten.

Morgenpost Online :... oder Ihre Mutter...?

Levy : Nein, sie wahrscheinlich nicht. Aber ich folgte meiner inneren Stimme. Das platzte richtig aus mir heraus; mit einer Komödie einen neuen Blick zu wagen. Mit dem vagen Bewusstsein, auch zu verunsichern.

Morgenpost Online : Dennoch: Hatten Sie manchmal auch selbst eine Schere im Kopf?

Levy : Die Vorbereitungszeit ging verdammt schnell; da schiebt man alles beiseite, was einen bremsen könnte. Dann dreht man, da kommt viel Energie von allen Beteiligten. Die nächste Phase der Auseinandersetzung war erst wieder beim Schnitt, und das war diesmal, ich muss es wirklich gestehen, ganz hart. Ich habe vieles rein- und wieder rausgenommen, habe mich immer wieder gefragt: Kann man das bringen? Ist das nicht geschmacklos? Da hat mich das alles wieder eingeholt.

Morgenpost Online : Und haben Sie dann noch radikale Revisionen vorgenommen?

Levy : Es gab zum Beispiel einen kleinen Seitenstrang: die völlig unwahre, aber als Annahme interessante Geschichte, dass Eva Braun eine Liebesbeziehung mit Joseph Goebbels hatte. Und der instrumentalisiert sie, Hitler wieder aufzubauen. Die Szenen habe ich schweren Herzens rausgenommen, weil ich Angst hatte, der Film zerfleddert zu sehr. Die eine Liebesszene zwischen Hitler und Eva habe ich erst vor ein, zwei Wochen wieder reingenommen.

Morgenpost Online : Und warum dann doch?

Levy : Erstens, weil ich die Szene sehr mag, und zweitens, weil ich den Kontext Sexualität und Macht dann doch sehr interessant finde.

Morgenpost Online : Hatten Sie auch Skrupel vor sich selbst? Wären Sie gern noch etwas böser gewesen?

Levy : Nein. Natürlich hätte man es noch härter machen können. Aber ich finde es schon böse und drastisch genug. Ich bin das bei „Alles auf Zucker!“ auch gefragt worden. Ich kann nicht den fünften Schritt vor dem ersten machen. Dies ist die erste Komödie über Hitler aus Deutschland. Und vielleicht öffnet das ja die Tür für noch Böseres, das fände ich auch gut. Aber dafür wäre ich dann nicht der Geeignete, dafür bin ich doch zu sehr Romantiker, bin ich auch in der Komödie zu sehr Humanist. Ich will die Geschmacksnerven der Zuschauer strapazieren, aber nicht überstrapazieren.

Morgenpost Online : Sie haben mit „Alles auf Zucker!“ dem deutschen Film den jüdischen Humor zurückgeschenkt. Jetzt haben Sie auch noch die erste deutsche Hitler-Komödie gedreht. Sind Sie da jetzt in eine ganz eigene Nische geraten?

Levy : Ja, ins Abseits wahrscheinlich. (lacht) Ich habe mit „Zucker!“ meine Heimat in der Komödie wiedergefunden. Und war überrascht, dass der Film funktionierte. Ich dachte, das ist ein weiterer Flop in der Flop-Karriere von Dani Levy in Deutschland. Vielleicht bin ich ja wirklich ein Kultur-Alien, das gibt’s ja immer wieder. Leute, die ihre Kunst machen, aber einfach nicht verstanden werden. Nach „Zucker!“ hat sich das radikal umgedreht. Vielleicht wächst doch zusammen, was einmal zusammen gehörte, nämlich das Jüdische und das Deutsche. Und ich dachte: Setz noch eins drauf. Ich hatte jetzt die historische Chance, das Vertrauen der Filmförderungen war viel größer als vorher. Und ich wusste schon, dass ein Drehbuch wie dieses nicht so einfach durchrutscht. Ich wäre auch unfähig gewesen, nach „Zucker!“ auf ein sicheres Pferd zu setzen.

Morgenpost Online : Wie kamen Sie eigentlich auf Helge Schneider als Hitler?

Levy : Er hat sich förmlich vor meinem inneren Auge hineingedrängt, die Sau (grinst). Ich kannte sein Werk gar nicht, vielleicht wäre ich sonst nie darauf gekommen. Und ich fragte mich immer, warum ich an ihn denke. Ich hatte letztlich von ihm nur eine entfernte Ahnung, so wie ich auch von jener Zeit nur eine entfernte Ahnung habe. Das war einfach so ein Instinkt. Helge ist für mich und den Film ein absoluter Glücksfall. Wahrscheinlich haben sich da zwei Eigenbrötler getroffen, die beide auf eine ganz unterschiedliche Art starrköpfig ihre eigenartige Kunst verfolgen und sich nicht unterkriegen lassen. Aber es ist schon ein kleines Wunder, dass das funktioniert hat, das muss ich zugeben.

Das Gespräch führte Peter Zander .