"Inglourious Basterds"

Den neuen Tarantino muss man im Original sehen

Hier erreicht die Sprache ein neues Niveau: In Quentin Tarantinos Film "Inglourious Basterds" lauscht man nicht nur coolen Dialogen. Hier entscheidet die (Nicht-)Beherrschung einer Sprache sogar über Leben oder Tod. Wer keiner Fremdsprache mächtig ist, sollte unbedingt auf das Original mit Untertiteln ausweichen.

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Ein Mann mit Gewehr streift durch die Wälder bei Berchtesgaden. Er schwenkt die Waffe - bis im Suchfernrohr plötzlich Hitler auftaucht. Der Mann drückt den Abzug, ein Klicken ertönt, aber kein Schuss; das Magazin war leer. Der Schütze überlegt ein paar Sekunden, dann lädt er scharfe Munition und hebt seine Waffe erneut. In diesem Moment brechen SS-Wachen hervor und verhaften ihn.

"Man Hunt" wurde 1941 von dem deutschen Exilanten Fritz Lang in Hollywood gedreht, als sich Deutschland und die Vereinigten Staaten noch gar nicht im Krieg befanden, und dürfte die früheste filmische Phantasie gewesen sein, den Diktator zu töten und so Millionen von Leben zu retten. Das Kino hat seitdem stets aufs Neue dazu angesetzt, Hitler per Anschlag aus der Welt zu schaffen, von historischen Attentätern erzählt und von erfundenen - ist aber letztlich davor zurück geschreckt, den Lauf der Geschichte zu verändern. Die Bleilast des Geschehenen wog zu schwer.

Auch in "Inglourious Basterds" geht es letztlich darum, das Monster zu beseitigen, lange vor seinem tatsächlichen Ende im Bunker. Allerdings ist dies fast ein Nebengedanke, der sich erst gegen Schluss nach vorne schiebt. Quentin Tarantinos Film hegt lange Zeit gar nicht die Hoffnung, den großen Weltenverderber richten zu können, sondern er praktiziert kleine Rachen.

Das US-Oberkommando setzt eine Art Guerillatruppe über dem deutsch besetzten Frankreich ab, mit dem Auftrag, einen jeden, den sie in Naziuniform antrifft, ohne viel Federlesens umzubringen (ah ja, und ihn zu skalpieren). Militärisch unbedeutend, ist dies eher ein Akt der psychologischen Kriegsführung, und es ist die Erfüllung von Rachephantasien, denn einige der "Basterds" sind Juden und deutsche Hitlerfeinde.

Tarantino hat die Anekdote erzählt, wie ihn sein Produzent nach der Lektüre des Drehbuchs gefragt habe, in welchem Studio er "Basterds" denn drehen wolle - und wie er, Tarantino, spontan geantwortet habe: "Natürlich nur in Babelsberg!" Das könnte eines der zweckbestimmten Komplimente gewesen sein, wie man es bei Premieren gern verteilt, aber die Wahrscheinlichkeit eines wahren Kerns ist hoch. Durch Tarantino, der mindestens so sehr in der Filmgeschichte lebt wie in der Filmgegenwart, muss ein Schauer der Erregung gerieselt sein, als er "seinen" Propagandaminister in exakt denselben Räumen inszeniert hat, in denen vor 70 Jahren der echte Goebbels das deutsche Filmwesen dirigierte.

Goebbels wird von Sylvester Groth gespielt (wie schon in "Mein Führer") und Hitler von Martin Wuttke (wie schon in "Arturo Ui" am Berliner Ensemble), und der deutsche Kriegsheld Fredrick Zoller von Daniel Brühl. Wir sehen Diane Krüger als Teutonen-Filmstar und Doppelagentin Bridget von Hammersmarck, August Diehl als SS-Major Hellstrom sowie Til Schweiger und Gedeon Burkhard als deutschstämmige Basterds; darüber hinaus Ken Duken, Christian Berkel, Jana Pallaske, Sönke Möhring, Richard Sammel, Alexander Fehling und ein Dutzend weitere heimische Gesichter.

Das ist, zunächst, seit 50 Jahren gängige Hollywood-Praxis: Wenn die Traumfabrik im Ausland dreht, engagiert sie gern die Crème der Schauspielerschaft ihres Gastgeberlandes - verschwendet sie aber in untergeordneten Rollen. Um in deren Heimatländern Zuschauer zu locken, sind sie gut genug, aber die Starparts bleiben dem Hollywood-Gewächs vorbehalten.

Das hätte auch bei "Inglourious Basterds" geschehen können. Neben Brad Pitt als Ober-Bastard war Leonardo DiCaprio als sein deutscher Gegenspieler, SS-Oberst Landa, im Gespräch. Dass Christoph Waltz erwählt wurde, hat mit dessen Sprachtalent zu tun (Landa parliert in fließendem Englisch, Französisch und Italienisch), aber dass sein Regisseur ihm den Film praktisch zu Füßen legt und Brad Pitt die zweite Geige reicht, stellt eine neue Qualität dar.

Der Name Tarantino mag seit "Pulp Fiction" für Gewaltexzesse stehen, doch im Grunde wird bei ihm zu 80 Prozent gequasselt und höchstens zu 20 Prozent massakriert. Das ist auch hier der Fall (was jüngere Actionfans enttäuscht zur Kenntnis nehmen werden und manche Kritiker mit angeblichen "Längen im Mittelteil" verwechseln), aber es unterstreicht die Wichtigkeit, die Sprache für ihn besitzt.

In den "Basterds" hebt er deren Bedeutung auf ein ganz neues Niveau. Man lauscht nicht nur unvergleichlich coolen Dialogen, sondern wiederholt entscheidet die (Nicht-)Beherrschung einer Sprache sogar über Leben oder Tod. Sie entscheidet auch in erheblichem Maße darüber, wie viel Vergnügen man hat, und deshalb ist vom Besuch der deutsch durchsynchronisierten Fassung dringend abzuraten. Wer keiner Fremdsprache mächtig ist, sollte - sofern erreichbar - auf das Original mit Untertiteln ausweichen. Die Lesearbeit ist gar nicht so anstrengend; einzigartig für einen amerikanischen Mainstreamfilm wird so viel Deutsch wie Englisch gesprochen, plus Französisch und Italienisch.

Tarantino hätte diese Zugeständnisse an die außer-angloamerikanischen Kulturkreise nicht zu machen brauchen; den Weinsteins, seinen US-Verleihern, wäre es vermutlich lieber gewesen, er hätte sich auf ewig im US-Popkulturzirkel gedreht. Stattdessen haut er den Amis Namen um den Kopf, bei denen sie nur "Bahnhof" verstehen: Wer ist dieser Winnetou? Wo liegt der Piz Palü? Den deutschen Popcorn-Mampfern dürfte es nicht anders gehen: Was schwafelt Tarantino von einem G.W. Pabst? Und wer waren Emil Jannings und Brigitte Horney?

Tarantinos unersättliche, vorurteilsfreie Neugier auf das Abgelegene macht ihn zu einem vorbildlichen Globalisierer: Verbreitet nicht die immergleichen Marken in die abgelegensten Winkel, sondern umarmt das Fremde, Unbekannte! Im Fall "Inglourious Basterds" profitiert die deutsche (und, generell, europäische) Popkultur.

Die "Basterds" sind ein weiteres Beispiel für Tarantinos intelligente Zitierwut und reichen - für uns Deutsche - doch darüber hinaus: Sie wirken wie ein Exorzismus an jenem Ort, wo zwölf Jahre der Teufel herrschte. Das deutsche Kino besaß Weltgeltung, bis die Nazis ihm Borniertheit aufzwangen. Die hiesige Popkultur nach dem Krieg blieb ein kümmerliches Pflänzchen, nahm ihr doch eine unheilige Allianz aus deutschem Bildungsdünkel und US-Kulturimperialismus die Luft zum Atmen. Einheimische Schauspieler schätzten sich glücklich, wenn sie ihre Nase für 'nen Appel und 'n Ei in einer Hollywood-Großproduktion zeigen durften.

Nun wandert der Beleg auf Zelluloid um die Welt: In Babelsberg entstehen Filme auf höchstem technischen Niveau. Ein Waltz vermag einem Pitt die Schau zu stehlen. Der Winnetou ist so popkulturtauglich wie der mit dem Wolf tanzt.

Und dann vollbringt Pater Quentin natürlich die größte Exorzismusleistung von allen: Er schafft es endlich, diesen Hitler auf andere Weise als durch Selbstmord zum Teufel zu schicken. Dessen selbstgewählter Bunkerinszenierung setzt Tarantino eine eigene entgegen, ein Höllenfeuer. Historische Exaktheit ist eine Tugend, aber erst Phantasie bringt Befreiung.