Kino

Bruno Ganz und sein Kampf mit Hitler

Der Schauspieler Bruno Ganz faszinierte als Hitler in "Der Untergang". Der Nationalsozialismus ist auch in seinem neuen Film "Jugend ohne Jugend" ein Thema. Nun steht er auf der anderen Seite. Im Gespräch mit Morgenpost Online spricht er über Francis Ford Coppola und erzählt, warum er Hitler nicht los wird.

Foto: pa/dpa

Bruno Ganz wurde am 22. März 1941 als Sohn eines Schweizers und einer Norditalienerin in Zürich-Seebach geboren. Schon als Schüler beschloss er, Schauspieler zu werden. Am Theater wie im Kino spielte er unter großen Regisseuren wie Peter Stein, Wim Wenders, Volker Schlöndorff und Werner Herzog. Hoch gelobt wurde er für die Hauptrolle in „Die Ewigkeit und ein Tag“ von Theo Angelopoulos. Auch seine Adolf-Hitler-Darstellung in „Der Untergang“ 2004 war beeindruckend und wurde mit einem Bambi ausgezeichnet. Nun kommt er mit „Jugend ohne Jugend“ von Francis Ford Coppola in die Kinos.

Morgenpost Online: Wie muss man sich das vorstellen, wenn Francis Ford Coppola, der Großmeister des Kinos, Kontakt zu einem aufnimmt? Der ruft sicher nicht persönlich an.

Bruno Ganz: Doch, das tut er. Eines Tages klingelt das Telefon: „Hi Bruno – This is Francis“.

Morgenpost Online: Und Sie waren nicht ein wenig abgeschreckt von den schlechten Filmen, die er in der letzten Zeit gedreht hat?

Ganz: Nein, nein, das ist schon ein großer Meister. Man darf nicht vergessen, einen Film wie „Apocalypse Now“ kann man nicht mehr toppen. Oder „Der Pate“ – Wahnsinn! Wenn einen so einer fragt, ob man mit ihm arbeiten mag, dann ist das schon eine Ehre.

Morgenpost Online: Sie haben zugesagt, ohne das Buch zu kennen?

Ganz: Selbstverständlich. Solche Gelegenheiten kommen nicht allzu oft. Zumal er mir gleich am Telefon gesagt hatte, dass es da drei Rollen gäbe und ich solle mir eine davon aussuchen.

Morgenpost Online: Die Verehrung für den Meister ist das eine. Aber wie war dann die Zusammenarbeit?

Ganz: Ich hatte Angst vor ihm und war erstaunt über seine Milde und seine Freundlichkeit. Aber ich wusste natürlich auch, dass dahinter etwas anderes lauert. Einen Film wie „Apocalypse Now“ kann man nur machen, wenn man auch sehr böse werden kann. Ich habe darauf gewartet, dass es aus ihm ausbricht.

Morgenpost Online: Und ist es ausgebrochen?

Ganz: Na ja, mir kommt das ein wenig wie Petzen vor, weil ich es nur am Rande erlebt habe. Eines Tages ist es wirklich passiert. Jemand vom Team hatte einen Fehler gemacht und Coppola war der Ansicht, dass es ein schlimmer Fehler war. Also hat er die Person mit einem derartigen Feuer, mit einer solchen Verachtung behandelt, dass alle anderen die Luft angehalten haben. Aber mir gegenüber hat er diese wütende Seite nicht gezeigt.


Morgenpost Online: Es ist schon eine merkwürdige Vorstellung: Der große Bruno Ganz kommt zum Set und ist ganz vorsichtig, ganz verhalten.

Ganz: Entschuldigung! Da trifft man auf einen Mann, der mit Leuten zusammengearbeitet hat, die man für das größte hält. Mit den Besten der Besten. Wenn ich nur an Marlon Brando denke. Man hat da sehr viel Respekt. Mir geht es so, dass ich in solchen Momenten dann sehr eingeschüchtert bin. Da fühle ich mich sehr klein. Genau so ist es mir mit Theo Angelopoulos gegangen, als ich mit ihm gedreht habe. Das sind solche Meister ihres Faches. Mir kommt es immer so vor, als könnte ich da noch richtig viel lernen. Die anderen sind die Meister, ich bin der Schüler. Eine schöne Situation.

Morgenpost Online: Mit Angelopoulos haben Sie erst gerade wieder gearbeitet. Auch Alexandra Maria Lara war mit dabei, einer der Stars aus Coppolas Film „Jugend ohne Jugend“. Können Sie sich erklären, was die alten Regiemeister in ihr sehen?

Ganz: Mal abgesehen davon, dass sie eine der reizendsten jungen Menschen ist, mit denen man heutzutage arbeiten kann. Und das sage ich als ihr Kollege. Daneben gibt es noch einen anderen Grund, den ich mir vorstellen kann. Leute wie Coppola und Angelopoulos sehen, dass man in dieses schöne Gesicht hineintun kann, was immer man will. Und Alexandra spielt es. Ein großes Talent.

Morgenpost Online: Eine Zeit lang waren Sie dem Film beinahe abhanden gekommen, da hatten Sie sich dem Theater ganz und gar verschrieben. Dann kam der Bruch, und Sie sind seitdem wieder im Fernsehen und – für Ihre Verhältnisse – viel im Kino zu sehen.

Ganz: Daran wird sich wohl so schnell auch nichts ändern. Das deutsche Theater ist derzeit in einem Zustand, dem mag ich mich mit wenigen Ausnahmen nicht nähern. Wissen Sie, wenn es darauf ankäme, würde ich mich auch auf einen 16-Jährigen einlassen. Aber ich merke deutlich, dass mich das deutsche Theater nicht braucht. Was momentan da abläuft, das ist nicht meine Veranstaltung.

Morgenpost Online: Stattdessen waren Sie letztens wieder mal in einem Film zur besten Sendezeit im Ersten zu sehen - in Xaver Schwarzenbergers „Copacabana“.

Ganz: Warum denn bitte nicht?! Warum nicht mal Fernsehen? In der Praxis ist das doch schon lange nicht mehr so, dass nur das Kino die großen Geschichten erzählt und das Fernsehen die kleinen. Das mag mal so gewesen sein. Hat sich aber geändert.

Morgenpost Online: Es war sicher auch einer der entscheidenden Punkte, dass diese Produktion nicht auf Sie allein zugeschnitten war.

Ganz: Genau. Ich hatte richtig Lust, was in einer Gruppe zu machen. Dass nicht alles auf mir ruht. Wenn man sieben oder acht Personen hat, dann verteilt sich die Last auf mehrere Schultern. Zur Abwechslung war das mal sehr angenehm. Man hat mehr Zeit, auf die anderen zu achten. Man ist nicht ständig gefordert. Zudem hatte ich Gelegenheit, einige sehr gute Nachwuchsschauspieler kennen zu lernen, mit denen ich noch nie gearbeitet hatte.

Morgenpost Online: Können Sie eigentlich Filme, wenn Sie gedreht worden sind, abhaken und weghängen wie ein Kleidungsstück?

Ganz: Na ja, es geschieht, was geschieht. Was soll ich sagen. Manches bleibt länger. Wie das letzte große Ding. Damit bin ich immer noch nicht fertig.

Morgenpost Online: Das heißt, Hitler spukt Ihnen immer noch im Kopf herum?

Ganz: Natürlich. Ich wusste ja, dass mir dieses Ding lange anhängen würde. Aber wie lange, das war mir nicht klar, als ich das Angebot angenommen hatte.

Morgenpost Online: Hätten Sie doch auf Ihren Sohn hören sollen, der Ihnen abgeraten hatte?

Ganz: Und mich dann für den Rest meines Lebens ärgern sollen, dass ich es nicht getan habe? Nein, auf keinen Fall. Oder mich ärgern, wenn ich gesehen hätte, dass ein anderer es spielt? Auf seine Weise. Aber nicht so wie ich es mir gedacht hätte. Nein, das musste ich machen. Und ich muss auch jetzt durch die Aufarbeitung.

Morgenpost Online: Was genau macht es Ihnen so schwer, sich von Hitler zu lösen?

Ganz: Es geht um die Einschätzung dieses Menschen nach dem Jahr 1945. Wenn Hitler 1938 gestorben wäre, würden wir heute noch Denkmale sehen. Da bin ich mir sicher. Wie die Nazis an die Macht gekommen sind, das verblüfft immer noch. Welche Kräfte mögen da gewirkt haben? Was war das für ein Typ? Welche Faszination ist wirklich von ihm ausgegangen? Der Adolf Hitler, den ich da im „Untergang“ spiele, hat ja mit dem Adolf Hitler Anfang der 30er Jahre kaum noch etwas gemein. Von dem Menschen, der die Massen fesselt, ist der da weit entfernt. Welchen Weg ist er gegangen? All das und noch viel mehr geht mir im Kopf herum.

Morgenpost Online: Und wird es besser mit der Zeit, wenn man immer und immer wieder darüber nachdenkt?

Ganz: Ein wenig, vielleicht. Aber es wird immer ein Rätsel bleiben. Wissen Sie, was mich beschäftigt: Wenn man sich eine Weile nur auf die Täter-Seite begibt, den Hitler ohne Vorbehalte spielt, dann sieht es so aus, wie es auf der Leinwand ausgesehen hat. Aber es ist auch eine gefährliche Einfühlung. Eine Einfühlung in den Menschen Hitler und dieses verteufelte System, dem ein ganzes Land verfallen ist.

Morgenpost Online: Es gibt ja das Wort vom Teufel, den man mit dem Beelzebub austreiben kann. Oder das vielleicht versucht?

Ganz: Sie meinen, dass ich noch einmal einen der Nazigrößen spielen müsste, um all das besser zu verstehen? Nein, das Thema hat sich schauspielerisch für mich erledigt. Ein für alle Mal.