Wie so viele Klassiker hat auch Peter Stein als junger Rebell angefangen. Die letzten Bildungsbürger, die heute scharenweise in seinen "Wallenstein" pilgern, können sich wohl gar nicht vorstellen, dass ihresgleichen mal Stein verflucht hat. So war es aber u. a. als der Ex-Regie-Assistent von Fritz Kortner 1968 an den Münchner Kammerspielen Geld für den Vietcong sammeln ließ. Oder als er in Zürich ein Jahr später Edward Bonds "Trauer zu früh", ein Stück, in dem sich Queen Victoria und Florence Nightingale lesbisch liebten, mit hyperrealistischen Gewaltszenen auf die Bühne brachte.
Für Berlin war der Zürcher Skandal ein Glück, denn nicht zuletzt wegen der dortigen Verstimmungen gelang es dem damaligen Kultursenator Werner Stein, den Jungregisseur und seine Schauspielergefolgschaft (darunter Jutta Lampe, Edith Clever und Bruno Ganz) in die geteilte Stadt zu locken, wo sich der gebürtige Berliner Stein bald zur bestimmenden Kraft in der Schaubühne am Halleschen Ufer entwickelte.
Er verhalf der Schaubühne zu Ruhm
Dort verbeugte er sich mit ersten Inszenierungen wie "Die Mutter" und "Optimistische Tragödie" zwar vor dem linken Zeitgeist, aber langsam und sicher ging die Reise immer mehr in Richtung eines perfekten Literaturtheaters. Schon mit seinem Bremer "Tasso" hatte Stein 1969 beweisen wollen, dass niemand die Klassiker so gut versteht wie er - und diese Überzeugung hat sich bei dem Regisseur, der heute 70 Jahre alt wird, seitdem immer mehr verfestigt.
Keineswegs zu Unrecht: Stein-Inszenierungen wie "Sommergäste", "Der Prinz von Homburg" oder diverse Uraufführungen des vom Dramaturgen zum Hausautor gewachsenen Botho Strauß machten die Schaubühne in den Siebziger- und Achtzigerjahren zum unbestritten besten Theater der Welt. Die Stadt Berlin honorierte das, indem sie ihr ein neues Haus am Kurfürstendamm spendierte, das 1980 mit der "Orestie" eröffnet wurde.
Doch all die menschlichen Verwüstungen, die der unbedingte künstlerische Gefolgschaft verlangende Stein anrichtete, wurden 1985 offenbar, als er überraschend seinen Leitungsposten niederlegte - aber weiter im Haus inszenierte. Endgültig trennte man sich erst 1992, weil die Schaubühne Steins monumentales "Faust"-Projekt ablehnte.
Inszenierungen werden seltener
Deshalb kam der "einzige Weltmeister des Theaters" (kein Stein-Porträt ohne dieses Zitat des Kollegen Claus Peymann) in den Neunzigern Deutschland abhanden: Stattdessen war er u. a. Schauspielintendant der Salzburger Festspiele und inszenierte ein Remake seiner "Orestie" mit russischen Schauspielern in Moskau.
Die Rückkehr nach Deutschland war ein Knall: Dank der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover bekam Stein endlich genug Geld für die erstmalige Aufführung von Goethes vollständigem "Faust"-Text zusammen. Das zweitägige Spektakel wurde ein ständig ausverkauftes Wallfahrtsziel. Ähnliches gelang ihm 2007 noch einmal mit einem zehnstündigen "Wallenstein" in Berlin.
Die Zeit zwischen den immer seltener werdenden Inszenierungen vertreibt Stein sich vor allem mit drei Hobbys: Als Olivenzüchter auf seinem italienischen Landgut, mit atemberaubenden Klassikerlesungen und mit vulkanischen Pöbeleien gegen alle jüngeren Regisseurskollegen.
Letzteres ist zwar unterhaltsam, beweist aber vor allem, dass er gar nichts mehr mitbekommt. Darin ist Stein der Generation der Gründgens & Co, gegen die er einst aufbegehrte, zuletzt sehr ähnlich geworden. Aber das ist ein Klassikerschicksal.




