Die Abstände werden größer. Bis 1982 gastierte Kurt Masur (83) regelmäßig an der Komischen Oper, deren Chefdirigent er von 1960 bis 1964 war. In Leipzig wurde er als Held der Wende zum Weltstar. Er pendelte zwischen dem Gewandhausorchester Leipzig und dem New York Philharmonic und kam erst wieder 1998 nach Berlin. Zwölf Jahre später dirigiert er dort nun Griegs Bühnenmusik zu Ibsens „Peer Gynt“. Wie viel vom Geist des Gründers und langjährigen Intendanten Walter Felsenstein noch an der Komischen Oper zu finden ist, darüber gab Kurt Masur Auskunft.
Morgenpost Online: Sind Sie jetzt gern ans Pult in die Komische Oper zurückgekommen?
Kurt Masur: Natürlich. Wobei ich genau wusste, was ich wollte – kein herkömmliches Sinfoniekonzert, sondern ein Werk, das die theatralischen Qualitäten dieses Orchesters nutzt und fordert. Das hat sich – zumindest in den Proben – bisher auf das Schönste erfüllt. Es macht Spaß, wieder mal da zu sein.
Morgenpost Online: Wie ist das Orchester drauf? Ist es heute besser als einst unter Ihnen?
Kurt Masur: Es ist anders, flexibler, selbstbewusster. Hier ist in den letzten Jahren musikalisch wunderbare Arbeit geleistet worden. Das Orchester hat da offenbar vieles gierig aufgesaugt.
Morgenpost Online: Wie viel weht noch vom Geist Walter Felsensteins?
Kurt Masur: Man muss dessen unruhigen, nie zufriedenen Geist ein wenig mit der Lupe suchen, aber doch, ich spüre ihn noch.
Morgenpost Online: Inwieweit?
Kurt Masur: Zwei der Musiker kenne ich und einen der Inspizienten. Der war jetzt natürlich auch da, wir haben unseren alten Witz gerissen. „Ich soll sie schön grüßen“, sagt er. „Von Möbel Hübner“, muss ich antworten. Den ollen Wessi-Werbespruch spielen wir seit Jahrzehnten. Damals kannten wir das ja nur aus dem Radio.
Morgenpost Online: Und sonst?
Kurt Masur: Es ist eine andere Zeit. Das Richtungsweisende von Felsenstein, diesen Absolutheitsanspruch, den finde ich hier nicht mehr, obwohl heute alle um Bedeutung und Aufmerksamkeit ringen. Natürlich lag hier weiterhin beim Begriff „Musiktheater“ die Betonung auf der zweiten Silbe, aber ähnlich einzigartig war es nicht mehr. Vielleicht bin ich sentimental, vielleicht hat die Oper an Bedeutung in der Gesellschaft verloren, aber damals war es sehr relevant, was wir machten.
Morgenpost Online: Aber würden Sie heute noch unter einem so diktatorischen Intendanten arbeiten?
Kurt Masur: Oh ja, mit großer Freunde. Das wusste ich aber erst hinterher zu schätzen. Er war unbequem, wir stritten uns heftig, aber ich habe dabei unheimlich viel gelernt, auch wie man die Belange der Musik verteidigt. In diesem irren Probenethos waren wir alle gleich, es war ein Geben und Nehmen. Er forderte unendlich viel, konnte aber stets genau erklären, warum er was wollte. Das habe ich an ihm immer am meisten bewundert. Bei uns wäre keiner aus dem Takt gekommen und wenn er auf dem Kopf hätte singen müssen. Als ich dann doch im Zorn gegangen bin, hat er mir später gesagt: „Mir fehlt ihr Widerspruchsgeist.“ Und mich für die „Otello“-Wiederaufnahme eingeladen, die er mit niemand anderem machen wollte. „Das geht nicht ohne Sie“, hat er gesagt. Das muss ihn ungeheuer viel Überwindung gekostet haben. Jedes Mal, wenn ich später eine Vorstellung gesehen habe, dachte ich: Wer einmal da drin gesessen hat, der weiß, dass ein solches Theater unvergesslich ist.
Morgenpost Online: Wie sind Sie 1960 angetreten? Ihr Vorgänger Vaclav Neumann musste gehen, die Mauer wurde gebaut…
Kurt Masur: Es war eine wahnsinnige Zeit. Zudem waren meine Ambitionen als Dirigent eigentlich nie auf die Komische Oper ausgerichtet – ich bewegte mich ja in der Linie Halle, Erfurt, Schwerin. Erst in Berlin lernte ich dann, zu artikulieren, wo ich hin wollte. Felsenstein hat mich in einer Weise geprägt, die ich eigentlich erst im Alter begreife. Jetzt, bei den „Peer Gynt“-Proben, wo es mit Theater und Dramaturgie zu tun hat, hatte ich ein paar Mal das Gefühl, er sitzt mir im Nacken. Ich erinnere mich voller Dankbarkeit an ihn. Außerdem kümmerte er sich wirklich um seine Mitarbeiter, er war der strenge Vater der Kompanie. Der selbst den Klofrauen noch persönlich unterschriebene Geburtstagskarten schicken ließ.
Morgenpost Online: Welche Bedeutung hatte damals die musikalische Seite?
Kurt Masur: Eine sehr große. Das wird immer untertrieben. An welchem Haus hätte ich allein für die drei Damen in der „Zauberflöte“ für eine Wiederaufnahme 25 Klavierproben erhalten? Als Ballettfan und Verehrer der Ballerina Hannelore Bey haben ich mir später Prokofjews „Romeo und Julia“ gewünscht und es bekommen. Früher habe ich das Orchester aber auch mal mit Strawinskys „Sacre“ überfordert. Da gab es dann Spannungen. Ich war ambitioniert. Aber es war vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt. Der Komponist war in Russland verpönt, die Musiker waren nicht so brillant wie heute – und ich hatte das Stück nicht wirklich drauf.
Morgenpost Online: Wie viele Proben hatten Sie dafür?
Kurt Masur: Zu wenig!
Morgenpost Online: Wie wählen Sie heute Ihr Repertoire aus?
Kurt Masur: Ich muss die Musik mögen. Zu manchem kehre ich jetzt als Jugendliebe zurück. Von mir will man immer Bruckner Brahms, Beethoven! Ich schätze aber auch Schumanns „Genoveva“, habe gern Mendelssohns „Walpurgisnacht“ ins Programm genommen. Und jetzt wundern sich alle, dass ich die Ouvertüre zu Nicolais „Die lustigen Weiber von Windsor“ dirigiere. Seit meiner Zeit in Halle habe ich dieses charmante Stück nicht mehr machen können.
Die Konzerte: Komische Oper, Behrenstraße 55-57, Berlin-Mitte. Tel.: (030) 47997400. Termine: 4. und 5. November 2010, 20 Uhr. Mitwirkende in Griegs „Peer Gynt“-Bühnenmusik. Peer Gynt: Thomas Limpinsel, Solveig: Marlin Byström, Anitra: Jördis Triebel.
dpa/jw





