Musik

Schlussverkauf bei Berliner Orchestern

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Volker Blech und Stefan Kirschner

Deutschlandradio-Intendant Willi Steul will die Trägergesellschaft der Rundfunk-Orchester und -Chöre auflösen und die vier Ensembles aufteilen. Der RBB ist dafür - weil in der Region so Wenige GEZ-Gebühren bezahlen. Der Sender hofft, Geld sparen zu können. Ein Spiel voller Halbwahrheiten ist in Gang.

Sein Vorschlag einer Orchesterfusion war im Dezember auf den Tisch gekommen, hatte für einen Aufschrei im Berliner Musikbetrieb gesorgt und war sofort von den Gesellschaftern zurückgezogen worden. Aber Willi Steul gibt keine Ruhe: Am Montag plädierte der Intendant des Deutschlandradios als Alternative gleich für die Auflösung der Berliner Rundfunk-Orchester und –Chöre GmbH (ROC). Die vier Klangkörper sollen demnach an die Gesellschafter verteilt werden. Konkret schlug Steul vor, dass sein Deutschlandradio das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) und den Rias-Kammerchor übernimmt. Das Land Berlin könnte sich künftig in Eigenregie um den Rundfunkchor Berlin kümmern. Und der Bund um das Deutsche Symphonie-Orchester (DSO), das möglicherweise unter das Dach der Deutschen Welle schlüpft.

Einen Aufschrei wird es diesmal wohl nicht geben, weil der auf den ersten Blick griffige Plan zum gegenwärtigen Zeitpunkt undurchsichtig bleibt. Es ginge um die langfristige Sicherung aller vier Klangkörper, wird mehrfach betont, Steul spricht schmeichelnd von vier Weltklasse-Ensembles. Das klang im Dezember noch anders. Das Ganze ist wieder ein Spiel voller Halbwahrheiten.

Ensembles betreiben Eigenwerbung

Einen offenen Verbündeten hat Intendant Steul auf jeden Fall: den finanzklammen RBB. Unklar blieben am Montag bei der Anhörung vor dem Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses die Vorstellungen der beiden anderen Gesellschafter: Während Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sich taktisch geschickt zurückhielt und die Position des Landes offen ließ, war ein Vertreter des Bundes, der immerhin 35 Prozent an der GmbH hält, erst gar nicht zur Anhörung erschienen. Schließlich hatte erst in der vergangenen Woche der Haushaltsausschuss die bereits von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) zugesagte Erhöhung des Bundeszuschusses für die ROC um zwei Millionen Euro auf Eis gelegt. Das Geld fließt jetzt erst, wenn ein Konzept für die Zukunft der zwei Orchester und zwei Chöre vorliegt. Dies nährt jene Spekulationen, wonach der Bund die Strukturveränderungen insgeheim befeuere. Der Gesamtzuschuss der vier Gesellschafter soll ab diesem Jahr auf rund 35 Millionen Euro steigen.

Sechs Herren und eine Dame saßen am langen Anhörungstisch – der Regierende Bürgermeister blieb auf der anderen Seite, dort, wo im Kulturausschuss traditionell sein Platz ist. Von den sieben Gästen bestritten aber nur drei die Anhörung, die anderen vier, allesamt Vertreter der künstlerischen Ensembles, beschränkten sich auf ein kurzes Statement. Es waren allerdings mehr Eigenwerbungen als Plädoyers für oder gegen die Trägergesellschaft. Es herrscht eine Abwartehaltung. Der neue Vorstoß folgt allerdings auch dem Prinzip „Teile und herrsche!“ Steul verspricht Marek Janowskis Rundfunk-Sinfonikern unter dem Dach des Deutschlandradios eine goldene Zukunft. Intern ist bereits von einer Umbenennung in Deutschlandradio-Orchester die Rede. Aus Marketing-Sicht mag das ein Zugewinn sein. Wackelkandidat des neuen Modells dürfte der Rundfunkchor Berlin sein – Berlin gilt als unzuverlässiger Partner.

ROC-Intendant ist dagegen

Nachdem im Dezember die Pläne einer Fusion des Deutschen Symphonie-Orchesters (DSO) hin zum Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) gescheitert waren, beschlossen die vier Gesellschafter in der vorigen Woche, die zweite Variante durch ein Gutachten prüfen zu lassen: Es geht um die Zerschlagung der Trägergesellschaft. Willi Steul drückt das natürlich freundlicher aus. Er spricht von einer „klaren Zuordnung“ und „Verantwortung“. Alle vier Gesellschafter stünden hinter diesem Prüfauftrag, betont Steul. „Die Probleme der ROC GmbH sind seit Jahren Legion. Jeder Intendant hatte de facto eine Mission impossible.“

Auf der Anhörungsbank bekommt Steul, der aus rein finanziellen Gründen auf eine schnelle Entscheidung drängt, weil der ROC ab 2012 eine strukturelle Unterfinanzierung drohe, Unterstützung von Reinhart Binder, der RBB-Intendantin Dagmar Reim vertrat. Das Erschreckendste an der haushälterischen Begründung des RBB-Mannes war die düstere Vision des kulturell-medialen Niedergangs der Region. Hier gäbe es prozentual deutlich weniger Gebührenzahler als anderswo in Deutschland, und es werden immer weniger Zahlungsfähige. Mehr geht nicht – so Binders Botschaft an den Kulturausschuss. Insofern rechnet sich für den RBB, mit fünf Prozent kleinster Gesellschafter, die Zerschlagung und Neuverteilung: der Sender könnte seinen Anteil sogar komplett einsparen.

Die Gegenposition bei der Anhörung vertrat ROC-Intendant Gernot Rehrl, dessen Vertrag im August 2011 ausläuft – und dessen Posten bei der Aufsplittung eingespart würde. Rehrl beharrt auf dem Status Quo und begründet das mit dem drohenden Verlust von gewachsenen Synergie-Effekten. „Letztendlich hat sich hier etwas geformt, was mehr ist als die Summe seiner Einzelteile.“

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