Gleich an ihrem ersten Probentag im Schiller-Theater blieb sie im Fahrstuhl stecken. Abends um 21 Uhr, eine Dreiviertelstunde lang. „Alle anderen liefen an mir vorbei die Treppe runter“, erinnert sich Anna Prohaska, „aber ich musste ja unbedingt den Aufzug nehmen“. Sie hat um Hilfe geschrien, die Notklingel gedrückt. Aber jenseits gern belächelter Horrorfilme glaubt im Leben eh kaum einer, dass solche technischen Pannen passieren. Irgendwann rief eine Pförtnerin die Aufzugsfirma an. Und was tat die 27-Jährige? „Ich habe gleich auf Facebook gepostet und Unterstützungsnachrichten bekommen. Eigentlich war's ganz lustig“, sagt sie. Dennoch hat sie sich ein wenig geärgert: „Zwei starke Herren hätten locker die Tür aufreißen können.“ Aber man wollte im gerade erst umgebauten Theater nicht gleich den Aufzug kaputt machen. Also musste sie dann ausharren. Und während sie davon erzählt, ist in ihren Augen ein aufbegehrendes, fast wütendes Blitzen zu sehen.

Anna Prohaska ist das angesagte Glamourgirl in der Berliner Klassikszene. Sie hat an der Eisler-Musikhochschule studiert, wird als ein Ziehkind von Stardirigent Daniel Barenboim an der Staatsoper gesehen. Seit 2006 gehört sie zum Solistenensemble, sang und sah blendend aus als Poppea in den Kostümen von Christian Lacroix in Händels „Agrippina“ in der alten Staatsoper und verführte als Anne Trulove in Strawinskys „The Rake's Progress“ im neuen Schiller-Theater. Um nur zwei Partien zu nennen. Sie ist längst kreuz und quer durch die Stadt in Aufführungen und Projekten zu erleben. Im Mai soll ihr erstes eigenes Lieder-Album bei der Deutschen Grammophon erscheinen.

Die umschwärmte Sängerin

Anna Prohaska ist eine rundum attraktive Sängerin, sie ist umschwärmt. Sie ist voller Fröhlichkeit und Energie. Und irgendwie immer unterwegs. „Ich liebe das Gefühl“, sagt sie selbst, „wenn man im Flughafen auf einer Rolltreppe steht, die Lichter rauschen an einem vorbei, und im Kopfhörer hört man ein mitreißendes Lied. Da fühlt man sich wie in einem Musikvideo, passt die Schritte dem Rhythmus an. Das macht das ganze Gereise witzig.“ Der Musikgeschmack der jungen Opernsängerin mag auf den ersten Blick verwundern. Am liebsten höre sie Folk, sagt sie, am liebsten aus Europa, Skandinavien, die keltische Richtung. „Jetzt habe ich ein bisschen reingeschnuppert in afrikanische Rhythmen. Ich höre gerne Weltmusik, aber nicht die Weichgespülte, sondern gemixt mit Metal oder HipHop.“

Wobei sie sich weniger – aber auch – von der aggressiven Seite dieser Musik angezogen fühle. Es sei eher die Melancholie. „Gerade in der Folkmusik empfinde ich diese Traurigkeit, das Lamentohafte – was ich im echten Leben gar nicht habe. Vielleicht ist es meine zweite Seite, in der ich mich ein bisschen verlieren kann“, sagt sie: „Das ist ja auch nicht schlimm, schließlich ist nur die Musik traurig, aber nicht man selbst.“ Eigentlich will sie ihre Melancholie nicht eingestehen.

Dabei gehört sie zu den Künstlern, die bemerkenswert offen über sich und ihre Arbeit reden. Die, wie man gerne sagt, authentisch sind. Genau genommen ist das bezeichnend für diese neue Generation von Opernsängerinnen, die sich nicht mehr zur Primadonna stilisieren müssen, um anerkannt zu sein. Offenheit sei eine ihrer wichtigsten Eigenschaften, sagt sie. Und fügt hinzu, dass man damit aber auch verletzlich wird. Darüber hinaus sei sie vielseitig interessiert, ob an Film oder an Sprachen. Umherreisende Künstler, gerade Sänger, sind oft sprachbegabt. Anna Prohaska spricht von Hause aus Englisch und Deutsch, dazu kommen Italienisch und Französisch. Derzeit liebäugelt sie noch mit Russisch oder auch Tschechisch, um das slawische Repertoire besser singen zu können. Nicht zuletzt weiß sie um ihre Leidenschaften, die Besessenheit. Eine unstillbare Neugierde hatte sie schon als Kind, sagt sie. Zeitweilig brannte sie für die griechische Sagenwelt, dann saß sie bei ihrem Onkel im Wiener Kunsthistorischen Museum und malte die Stammbäume der Götterwelt.

Lauter Künstler in der Familie

Die Sängerin ist ein künstlerisches Vielvölkergemisch. Der Vater, ein Regisseur, ist österreichisch-tschechisch geprägt, die Mutter, eine Sängerin, englisch-irisch. Sie selbst ist größtenteils in Deutschland aufgewachsen. Von den Eltern habe sie vor allem gelernt, dass man als Künstler „nie abheben darf.“ Aber das ginge in ihrer Familie auch gar nicht, weil es völlig normal ist, dass jemand einen künstlerischen Beruf ausübe. In ihrer Familie sind es Sänger, Dirigenten, Regisseure, Komponisten.

Die Sängerin lebt wie viele junge Künstler im Prenzlauer Berg, in einer Altbauwohnung. Aber als ihr wichtigstes Zuhause bezeichnet sie das Ferienhaus ihrer Familie in Salzburg. „Es ist ein ganz altes Haus aus dem 18. Jahrhundert. Das ist meine Heimat, da bin ich gerne auch alleine mit meinen Noten, um zu üben. Das ist mir lieber als ein Strandurlaub auf Teneriffa.“ In ihrer Berliner Wohnung hat sie vor einigen Jahren den Fernsehapparat abgeschafft, weil sie lieber wieder mehr lesen wollte.

Sie selber glaubt, auch ein Genussmensch zu sein. Dann denkt sie zuerst ans Essen, an gehobene Hausmannskost. Aber natürlich sage sie, die selber nicht gut kochen könne, nicht nein zu einem Gourmetessen. Gut finde sie, „wenn man viel gearbeitet hat und anschließend mit guten Freunden gut essen geht“. Dann dürfen viele verschiedene Sachen auf den Tisch kommen, außer Gorgonzola und Innereien. Dass sie weniger – im Gegensatz zu vielen Frauen – auf japanische Küche und Sushi steht, mag für Sängerinnen symptomatisch sein. Wenn auch gern über üppige Primadonnen auf den Opernbühnen gescherzt wird, in Wirklichkeit ist das professionelle Singen die totale Fettverbrennung. Leichte Kost passt irgendwie nicht zum schweren Operngesang. Als Genuss empfindet es Anna Prohaska auch, wenn sie „mitten in der Nacht ein spezielles Lied hören möchte“, sich Kopfhörer aufsetzt, weil sie ja niemanden stören möchte, und durch die Wohnung tanzt. „Wenn ich dagegen im Sinfoniekonzert sitze und eine Mahler-Sinfonie höre, dann ist es eine Mischung aus Leidenschaft und Transzendenz. Auch bei Wagner-Opern bin ich total weg.“ Von Einsamkeit will sie nichts hören. „Das Gefühl von einer Primadonna, die nach der Vorstellung allein im Hotelzimmer sitzt und Fernsehen guckt, das kenne ich nicht.“

Bei einer Oscar-Verleihung

Über den Begriff Glamourgirl muss sie herzhaft lachen. „Klamottentechnisch bin ich das leider gar nicht. Ich gehe total ungern einkaufen. Manchmal entdecke ich eine Laden, in dem ich dann ganz viel kaufe, weil ich danach wieder ein halbes Jahr lang Ruhe habe.“ Und Glamourgirl wäre sie nur dann gerne, wenn sie eine private Stylistin hätte und „fertig zum roten Teppich laufen könnte.“ Sie wüsste auch schon über welchen roten Teppich: Seit ihrer Kindheit wäre sie gerne einmal bei der zur Oscar-Verleihung dabei. Aber dann will sie das im Gespräch gar nicht so ernst gemeint haben. Irgendwie erinnert der Wunsch an alte Zeiten, als der Glamour von Film und Oper noch dichter zusammen gehörten. Die Popularität der russischen Sopranistin Anna Netrebko bleibt heute eine Ausnahme im Klassikmarkt. Die hehre Oper hat sich längst aus der medialen Welt der Illusionen in die bodenständigen Regionalitäten verabschiedet, dichter an ihr Publikum.

„Ich bin ein nun mal typisch Berliner Gewächs“, sagt Anna Prohaska und meint damit, dass sie lieber underdressed und locker sei. „In der Kleiderordnung sind sich Berlin und Amsterdam sehr ähnlich, aber bereits in Dresden darf man nicht mit Jeans in die Oper. Das Schöne an Berlin ist, dass man sich total zu Recht machen, aber auch in Jeans gehen kann.“ Vermutlich müssen die Operndiven der Zukunft so sein.