Philharmonie

Cornelius Meister gibt sein Dirigentendebüt

Cornelius Meister ist Deutschlands jüngster Generalmusikdirektor. Er gibt derzeit sein Debüt in der Philharmonie. Dort saß er vor kurzem selbst noch im Publikum - eine Blitzkarriere, die sich aber ganz bestimmt fortsetzen wird.

Foto: Rosa Frank

Das größte Übel der heutigen Jugend besteht darin, dass man nicht mehr dazu gehört, stellte schon Salvador Dalí fest. Diesem Übel abzuhelfen, drehen ältere Herrschaften bekanntlich die putzigsten Pirouetten. Doch bedeutet Jugend mehr als Attraktivität und Sex Appeal, sie bedeutet auch Zukunft. Weswegen ihr gleich ganze Branchen verfallen. Zum Beispiel der Klassikbetrieb. Dort gibt es mehr Jugendarbeit als je zuvor, jeder erfolgreiche Musiker unter 25 gerät sofort in den Fokus der PR-Strategen. Und zwar völlig zu recht.

Während im Fernsehen unkontrollierter Jugendwahn herrscht und fast nur nach der Masse, also der Einschaltquote geschielt wird, versucht der Klassikbetrieb einigermaßen auf Niveau zu bleiben. Es geht darum, eine Musik am Leben zu erhalten, die mindestens genauso unterhaltsam ist wie Pop, aber viel komplizierter. Und da heutzutage Elternhaus und Schule als Förderinstanzen weitgehend ausfallen, müssen die Orchester und Plattenfirmen zu Selbsthilfemaßnahmen greifen. Damit helfen sie keineswegs nur sich selbst – klassische Musik ist seit über zwei Jahrhunderten ein Eckpfeiler der freiheitlich-bürgerlichen Gesellschaft. Bricht er weg, macht sich kulturelle Öde breit, das soziale Gefüge erodiert mehr und mehr.

„Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Künstler einen Bildungsauftrag haben“, sagt Cornelius Meister, der dieser Tage sein Dirigentendebüt in der Philharmonie gibt. „Man sollte sogar darüber nachdenken, Fördermittel auch aus dem Bildungsetat zur Verfügung zu stellen, damit die Orchester ihre enorme Arbeit an unseren Schulen fortsetzen können.“ Meister leitet das Sonntagskonzert des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin (DSO), am Montag folgt das Casual Concert: ungezwungene Atmosphäre, Alltagsklamotten, moderate Preise, es moderiert der Dirigent. Der Ansturm auf die Tickets und die frei zu wählenden Plätze ist groß.

Meister bringt ideale Voraussetzungen mit

Mit Cornelius Meister konnte ein Musiker verpflichtet werden, der ideale Voraussetzungen mitbringt. Er war gerade 25 Jahre alt, als ihn Heidelberg 2005 zum Generalmusikdirektor kürte – ein Altersrekord, den vor ihm selbst solche Frühentwickler wie Karajan oder Thielemann nicht aufstellen konnten. Meister arbeitete inzwischen mit namhaften Orchestern und Opernhäusern, wurde kürzlich Chefdirigent des RSO Wien. Dem Vater dreier Kinder liegen unkonventionelle Methoden der Musikvermittlung besonders am Herzen, wobei er sich an alle Altersgruppen wendet, bei ihm wirkten schon 80-Jährige mit. Sein Engagement sprach sich herum, sein Heidelberger Projekt „Das Neue Wunderhorn“ erhielt 2007 einen Preis des Netzwerks Junge Ohren. Dass die Sache zur Pädagogenposse gerät, steht nicht zu befürchten. Cornelius Meister sind die Grenzen erzieherischer Maßnahmen durchaus bekannt, er weiß, dass sich musikalische Würde und hermeneutischer Wortschwall nicht immer vertragen. „Es gibt Musik, die man erklären kann, und es gibt Musik, die keine Erklärung nötig hat, wo dergleichen sogar stört.“ Im Falle der 1. Symphonie von Bohuslav Martinù – ein während des 2. Weltkriegs im amerikanischen Exil geschriebenes, erschreckend heiteres Werk – hält er Erläuterungen jedoch für angebracht. „Martinù ist immer noch extrem unbekannt. Aber deswegen dirigiere ich ihn nicht. Er ist ein sehr aufführungswerter Komponist, seine an der Schwelle zwischen Spätromantik und Moderne angesiedelte Musik hat verblüffend viele Spieltechniken und Instrumentationsarten vorweggenommen. Reizvoll ist auch diese Rätselhaftigkeit, Verwunschenheit bei Martinù.“

Jugend allein reicht nicht für die Karriere

Solche Sätze verraten einen sehr klugen Musiker. Jugend allein reicht nicht für die Karriere. Cornelius Meister agiert vielmehr mit Bedacht, vermeidet die üblichen Fehler. Er spielte bereits in der Jugend, zusammen mit seinem Vater, dem Pianisten und Klavierprofessor Konrad Meister, vierhändig sämtliche Bruckner-Symphonien, wartete mit einer Aufführung jedoch bis zu seinem 30. Lebensjahr. Er sei kein Quereinsteiger, sagt er, habe keine Stufe übersprungen, sondern eine klassische Kapellmeisterlaufbahn absolviert: mit 17 Jahren Hospitant beim NDR-Symphonieorchester in Hannover, mit 20 Assistent am dortigen Opernhaus, dann Korrepetitor mit Dirigierverpflichtung in Erfurt.

Anschließend zog er nach Friedrichshain. „Das war vielleicht die letzte Zeit, wo ich mir meinen Wohnort noch frei aussuchen konnte. Deswegen ging ich für ein Jahr nach Berlin.“ Die Philharmonie war sein Hauptquartier. Jetzt sitzt er nicht mehr in Block B, sondern im Gastdirigentenzimmer. Und spricht ehrfürchtig darüber, wer alles schon vor ihm auf dem gleichen Sessel saß. Keine Frage: eine Blitzkarriere. Sie hat Cornelius Meister aber nicht geblendet. Sie wird sich fortsetzen.

Philharmonie, Herbert-von-Karajan-Str. 1, Tiergarten. Tel:20298711. Werke von Liszt, Haydn und Martinù am 13.2. (20 Uhr). Das Casual Concert findet am 14. Februar um 20.30 Uhr statt.

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