Berlins Eldorado für Freunde der guten, alten, unsterblichen Klassik-Schallplatte liegt in Wilmersdorf. Man kann sich im „Café Horenstein“ die Finger wund wühlen, kann längst verloren geglaubte Schätze finden und zwischendurch auch noch einen erstklassigen Capuccino trinken. Wer immer dem Wahnsinn namens Vinyl verfiel, in der Fechnerstraße darf er ihn genüsslich ausleben, von einer Überraschung in die nächste getrieben. Das Staunen hört hier nimmer auf.
Manch einer staunt mehr als andere, unmäßig sogar. Alexander Goehr etwa, der Komponist aus England. Er findet das Ladenfenster mit mehreren Schallplatten eigener Werke dekoriert, und auch im Geschäft hingen sie, die Cover seiner Little Symphony, des Violinkonzerts und der Kafka-Lieder. „Das müssen wir fotografieren“, ruft Goehr, „sonst glaubt mir das zuhause niemand.“ Es glaubt auch niemand in Deutschland. Wolf Zube, der ‚Gründungsdirektor' des außergewöhnlichen Cafés, verfügt zwar über einen phänomenalen Fundus und pflegt einen Fimmel für skandinavisches und englisches Repertoire, aber die Goehr-Platten musste er sich bei Freunden leihen, es sind unverkäufliche Sammlerstücke.
Ruf des Radikalen
Alexander Goehr ist im britischen Musikleben seit Anbeginn ein Außenseiter, „an outcast of the islands“, um es mit Joseph Conrad zu sagen. Die auf der Insel vorherrschende neoklassische Tradition war nicht seine Tradition, er besuchte nach dem Krieg lieber die avantgardistischen Ferienkurse in Darmstadt, was ihm den Ruf eines Radikalen eintrug. Aber radikal war Goehr nur im Vergleich zu seinen britischen Kollegen. Boulez und viele andere neue Freunde vom Kontinent hielten ihn für einen Konservativen, und als Goehr 1963 dem damals schon berühmten Kollegen seine Little Symphony vorlegte, entschied der rigoros: „So etwas dirigiere ich nicht!“ So etwas, also eine Schönberg verpflichtete, aber niemals dogmatische oder gar brutale Ästhetik, hatte in der Epoche des Sado-Modernismus wenig Chancen.
Goehr war musikhistorisch viel zu gebildet, viel zu erfahren im Umgang mit Orchestern, um sich einem geschichtsblinden Fortschrittsglauben anzuschließen.
Folglich blieb er im Schatten der großen Modekomponisten, auch im Schatten seiner beiden Kommilitonen in Manchester, Peter Maxwell Davies und Harrison Birtwistle; selbst seine Schüler Thomas Adès und George Benjamin haben ihn, was die öffentliche Reputation anbelangt, längst überholt. Als Komponist freilich ist Alexander Goehr noch immer eine Klasse für sich, ein Mann des sensitiven Feinschliffs, der ausgefeilten Strukturen, einer, der niemals mit der Masse läuft, sondern in jedem Werk die eigenen Möglichkeiten neu erkundet. „Ich hasse die Konzeption von Stil“, kann er daher auch sagen. „Ein Künstler sollte immer nackt sein.“
Sein Erdenwandel begann 1932 in Berlin, doch wanderten Goehrs Eltern glücklicherweise schon im Jahr darauf nach England aus. Die Mutter Laelia, eine jüdische Pianistin aus Kiew, und der Vater Walter, ein jüdischer Dirigent aus Westpreußen, hatten sich auf einer Party des Regisseurs Billy Wilder kennen gelernt. Das Engagement bei der Londoner Grammophone Company (der späteren EMI) ermöglichte es dem Schönberg-Schüler Walter Goehr, Deutschland im letzten Moment legal zu verlassen. Er arbeitete vorzugsweise für den Rundfunk, förderte Benjamin Britten und Michael Tippett, sorgte für die englischen Erstaufführungen von Mahlers Sechster und Messians Turangalila-Symphonie. Alexander verbrachte seine Jugend vorzugsweise in den Tonstudios und den väterlichen Proben – daher seine außergewöhnlich filigrane Instrumentierungskunst.
Der Vater plante eine andere Berufslaufbahn für Alexander, aber dessen Drang zur Komposition war zu stark, um verdrängt werden zu können. Den Ausschlag gab Michael Tippett, ein häufiger Gast im Hause Goehr, der mit dem Oratorium „A child of our time“ die wesentliche Inspiration lieferte. Alexander Goehr studierte in Manchester, dann in Paris bei Messiaen. Seit Ende der 60er Jahre unterrichtete er selbst in Boston, Yale und Leeds, von 1976 bis 1999 in Cambridge. Namhafte Interpreten nahmen sich seiner Werke an, Haitink und Ozawa dirigierten ihn, ebenso Dohnányi und Rattle; Jacqueline du Pré, Barenboim und Midori traten als Solisten mit Goehr hervor.
Trotzdem gelangte er nie wirklich in die erste Reihe, dafür ist seine Musik zu unspektakulär, zu intim, und sein Auftreten als akademische Autorität, als Schönbergs Enkel, brachte ihm auch nicht gerade übermäßige Sympathien ein. „Ich mache furchtbare Schwierigkeiten“, gibt er unumwunden zu, „meine Stücke sind sehr schwer, ihre rhythmische Sprache ist nicht jedermann zugänglich. Leider kann ich es nicht einfacher machen.“
Porträt beim Festival Ultraschall
In Deutschland kennen ihn nur ein paar Experten. Umso verwunderter zeigt sich Alexander Goehr, dass jetzt die Berliner Akademie der Künste seine Werkmanuskripte archiviert und das Festival Ultraschall ein Komponistenporträt veranstaltete. An eine Trendwende glaubt es jedoch nicht. Goehr kennt die Branche genau, beobachtet sie mit spöttischer Skepsis; seine Anekdoten über Komponisten und Dirigenten haben literarisches Niveau.
Ein echter Außenseiter will niemals einem Kollektiv zugerechnet werden. Schulen, Systeme und Nationen bedeuten ihm nichts. Deutschland ist ihm fremd. Obwohl Goehr in England groß wurde und heute in Cambridge lebt, sofern er sich nicht mit seiner Frau in Jerusalem aufhält, steht er auch dem Land distanziert gegenüber. Man wende sich dort zunehmend von der Kultur ab, klagt er. Und als Israeli will er sich, nach seinen Erfahrungen mit der dortigen Politik, auch nicht fühlen.
Die Geschichte seiner osteuropäischen Vorfahren besitzt eine gewisse Bedeutung für ihn. In biografischer wie philosophischer Hinsicht. Die Goehrs nannten sich, bevor sie nach Deutschland kamen, eigentlich Gehrs, was im Hebräischen eine Bezeichnung der Fremden, der Ungläubigen ist. Auf dieses Wort legt Alexander größten Wert, deswegen hat er auch den 39. Psalm vertont; darin heißt es sinngemäß, Gott möge auch die Gehrs bewahren. Im Falle von Alexander Goehr ist ihm das immerhin schon 78 Jahre gelungen.





