Brücke-Museum

Maler Schmidt-Rottluff sehnte sich nach dem Meer

Warum in die Ferne schweifen? Die Küste liegt so nah. Das Berliner Brücke-Museum zeigt Gemälde und Zeichnungen, die während der zahlreichen Ostseereisen des Malers Karl Schmidt-Rottluff entstanden.

Foto: © VG Bild-Kunst, Bonn 2010; Foto: Christoph Irrgang / © VG Bild-Kunst, Bonn 2010; Foto: Christoph Irrgang/Barlach-Haus

Die Sehnsucht hat viele Facetten, Fernweh gehört auch dazu. Für Paul Gauguin beispielsweise war die Südsee künstlerischer Zufluchtsort, hier glaubte er das verlorene Paradies zu finden. Das bedeutete für ihn wie auch für viele andere Künstler der Moderne Schönheit, Ursprünglichkeit und Wahrheit. Die Einheit von Kunst und Leben. Auf Tahiti fand er sie, zumindest temporär – und vor allem in Gestalt der schönen Südsee-Frauen.

Doch nicht alle zog es so weit weg wie den französischen Maler; die deutschen Künstler waren da bescheidener. Manchmal liegt das Ferne so nah. Auch wenn man hier auf das Exotische verzichten muss, einen Vorteil gibt es, von Berlin aus ist die See in nur wenigen Stunden zu erreichen. Für die „Brücke“-Künstler waren die Ost- und die Nordsee mit Wasser, Sonne, Buchten, Felsformationen und das raue Klima, aber auch der offene Horizont Ziel ihrer künstlerischen Träume. Damals war die Küstenlandschaft noch vom Tourismus unberührte Natur. Die Reisen dorthin symbolisierten die Suche nach neuen, unverbrauchten Motiven, gleichzeitig auch Rückzug und Einfühlung in die Landschaft mit ihren vielfältigen Erscheinungsformen. Sogar Lyonel Feininger, der 1937 in die USA emigriert war, liebte die Ostsee, wie er an Schmidt-Rottluff schrieb: „Ich kann mit den Amerikanischen Motiven sehr wenig anfangen… Es gibt hier gar keinen Ersatz (die Ostsee) dafür.“ Ein „Vorreiter“ für die Entdeckung der Ostsee als Motiv für die ideale Landschaftsmalerei war übrigens Caspar David Friedrich.

Sehnsucht nach Natürlichkeit

Die „Brücke“-Maler einte also das Faible für die Ostsee, mehrere Wochen, ja Monate verbrachten diese Künstler fernab Dresdens und später Berlins am Meer. Erich Heckel liebäugelte mit dem Darß und Hiddensee, später fand er sein Domizil in Osterholz/Angeln an der Lübecker Bucht. Max Pechstein bevorzugte Nidden und Lebasee und Ernst Ludwig Kirchner verbrachte seine Zeit am liebsten auf Fehmarn. Doch keiner hielt so wie Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976) dem Meer über so viel Jahrzehnte die Treue wie er, freilich mit wechselnden Orten und immerhin sieben unterschiedlichen Domizilen. Die Spannweite reichte von der Lübecker Bucht bis hin zu den Kurischen Nehrungen in Ostpreußen. Nach dem Krieg waren Aufenthalte dort nicht mehr möglich, fortan fand Schmidt-Rottluff seine zweite Heimat in Sierksdorf an der ihm bereits bekannten Lübecker Bucht.

Das Brücke-Museum präsentiert nun erstmals mit rund 100 Gemälden und Werken auf Papier die zahlreichen Motive seiner vielen Ostseereisen, weitgehend chronologisch präsentiert anhand der verschiedenen Stationen. Die Werke sind insofern repräsentativ, weil sich anhand der verschiedenen Aufenthalte nicht nur seine Lust am Experiment, sondern vor allem der stilistische Wandel des Künstlers über die Jahre nachvollziehen lässt. Von den abstrakten, farbprallen und konturlosen Bildern der Anfangszeit hin zu den flächigen, „härteren“ Gemälden der Spätphase um 1970. Oft hatte Schmidt-Rottluff keine Ölfarben, sondern arbeitete mit Tusche, Aquarell und Kreiden auf Papier, die er schlicht auf den Gartentisch gelegt hatte. Sein schmerzender Malerarm verhinderte die Malerei an der Staffelei.

Im Mai 1906 reiste Schmidt-Rottluff erstmals auf die Ostsee-Insel Ahlsen – er folgte einer Einladung des Ehepaares Ada und Emil Nolde, die dort ein kleines Fischerhaus bewohnten. Schmidt-Rottluff war begeistert von Noldes „Farbenstürmen“, der wiederum fand den „Brücke“-Maler in seiner euphorischen Aufbruchsstimmung wohl etwas befremdlich. „Ahlsen – Ruhe – inneres Gleichgewicht – Arbeit – diese Gedankenkette ist so fest, daß ich nun hin muß“, schrieb dieser Nolde im Vorfeld. Die Bilder, die dann entstanden, waren alles andere als ruhig – Schmidt-Rottluff entdeckt die Farbe und das Licht ganz neu. Grob und dicht setzt er die Pinselstriche dicht an dicht, Konturen gibt es nicht. Unübersehbar ist in Bildern wie „Das kleine Haus“ und „Landhaus in Osterholm“ der dynamisch-expressive Duktus van Goghs zu erkennen ebenso wie die Lichtwirkung der Impressionisten.

Und das sieht dann so aus: Bei Schmidt-Rottluff ist der Himmel blau, der Strand knallrot und die Bäume sind schwarz. Die beiden Häuser mit den roten Reetdächern lodern geradezu von Farbe. „Leuchtender Nachmittag“ verliert sich fast vollends in der Abstraktion, die Atmosphäre eines sonnigen Tages übersetzt der Maler in einen furiosen, pastosen Farbwirbel. Er arbeitet mit farblicher Übersteigerung und Dramatisierung, in dem er beispielsweise die Perspektiven ins Wanken bringt.

Kurios ist, dass das Meer ihn zu diesem Zeitpunkt offenbar weniger interessierte, das Ländliche an sich regt ihn an, die Fischer – und Bauernhäuser, die Windmühlen und Gärtnereien, die Wege zum Meer, Felder und Bäume.

Die Akte sind formale Studien

Er kommt spät zu den Akten, anders als beispielsweise Ernst Ludwig Kirchner. Es ist auch nicht das Erotische, die Lust am Spiel, das den Künstler reizt, im Vordergrund steht eindeutig das Formale, die Komposition – keinesfalls die künstlerische Verführung durch das Weibliche, das ewig lockt. Als Modelle boten sich badende Frauen und Töchter der Einheimischen an. Zu den herausragenden Bildnissen gehören die „Drei Akte“ von 1913 und „Akte in den Dünen“ aus demselben Jahr. Die Körper „zerlegte“ Schmidt-Rottluff regelrecht in Farbe, die Gesichter sind flächenhaft und reduziert, die einzelnen Partien wie mit dem Messer herausgeschnitten, von Individuum keine Spur.

Sein Lieblingsmotiv blieb also die freie Natur – und die Sonne, groß und hell strahlte sie auf das Wasser zurück. Auch wenn die Südsee vielleicht die abwechslungsreichere Ideallandschaft war, für Schmidt-Rottluff blieb die Ostsee das Paradies des Nordens.

Das Museum und seine Künstler

DIE BRÜCKE: Die Künstlergruppe „Brücke“ wurde 1905 in Dresden von den vier Architekturstudenten Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff gegründet. Ihr Ziel war es, neue Wege im künstlerischen Ausdruck zu finden und sich vom tradierten Stil der Akademie zu lösen. Damit ist die „Brücke“ eine der ältesten Vereinigungen, die auf die Entwicklung der klassischen Moderne entscheidenden Einfluss hatte.

ERÖFFNUNG: Brücke-Museum, Bussardsteig 9 in Berlin-Dahlem. Tgl. außer Di: 11-17 Uhr. Eröffnung: 10. Februar 2011, 19 Uhr. Bis 17. Juli 2011. Katalog: 24 Euro. Tel.: (030) 8312029. Das Museum besitzt rund 400 Gemälde der Brücke-Künstler.