Rock meets Classic

Alt-Rocker versinken im Kunstnebel der Erinnerung

In den 70er-Jahren feierten sie ihre größten Erolge, die Herren von Deep Purple, Nazareth oder Foreigner. In Berlin lieferten sie mit großem Orchester Klassiker der Rockgeschichte XXL-Format ab. Mit Klassik hatte das allerdings wenig zu tun.

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Es riecht ein wenig muffig im Tempodrom. Das liegt nicht so sehr am etwas abgelagerten Programm, das die Besucher gleich erwartet. Sondern an den kurz vor Konzertbeginn aufwabernden Kunstnebelschwaden, die nur aus der Entfernung an klebrige Spinnweben erinnern. "Rock meets Classic" nennt sich eine Tournee-Show, die mit Dan McCafferty, Lou Gramm, Les Holroyd und Ian Gillan einige der prägendsten Stimmen des 70er-Jahre-Rock zu einem bunten Abend der Erinnerung vereint. Und die am Sonntagabend in Berlin vor gut zweidrittel gefüllter Konzerthalle ihr großes Finale feiert.

Zunächst nimmt das Bohemian Symphony Orchestra Prag unter Leitung von Philipp Maier die Bühne in Beschlag, gefolgt von einer Rockband, die von Mat Sinner angeführt wird, Bassist und Produzent der deutschen Heavy-Metal-Band Primal Fear. "Child's Anthem", stets der Konzertopener der US-Stadionrock-Truppe Toto, eröffnet in einer großorchestral wuchtigen Version als Ouvertüre diese die Vergangenheit beschwörende Revue.

Die hat freilich außer der Tatsache, dass hier eine Rockband durch ein komplettes Sinfonieorchester verstärkt wird, nicht allzuviel mit Klassik, oder - wie man hierzulande gern sagt - mit E-Musik zu tun. Denn es sind vor allem Klassiker der Rockgeschichte, die hier im Breitwandformat arrangiert werden, ohne sich allzu weit vom Original zu entfernen. Wie die über die Jahre von der Kuschelrockfraktion vereinnahmte Ballade "Dream On" der 1968 gegründeten und immer noch aktiven schottischen Rockband Nazareth. Deren Sänger Dan McCafferty (64) ist der erste, der in den Ring steigt und untermauert, dass er seine emotionsgeladen grellraue Stimme auch im Alter zu pflegen weiß.

Sympathisch und kumpelhaft steht er da im à la Ed Hardy mit Totenköpfen und Herzen verzierten schwarzen Hemd, wohl wissend, dass er in den wilden frühen Jahren Schindluder mit seinen Stimmbändern getrieben hat. Und doch schafft er es bei Nazareth-Hits wie "Love Hurts" oder "This Flight Tonight" noch in überraschend hohe Lagen. Stehend applaudiert ihm ein Publikum, bei dem alles, was unter dreißig ist, sich entweder verlaufen hat oder mit den Eltern zum Konzert musste. Damit es dann doch etwas Klassik gibt, wirft sich das Orchester im Anschluss in Maurice Ravels "Bolero", den es bewundernswert in Klassikradio-tauglichen sechs Minuten meistert.

Zweiter Star des Abends ist eines der tragischen Schicksale des Kräfte verschleißenden Rockgeschäfts. Für Lou Gramm (60), einst Stimme der US-Rockband Foreigner, bedeutete ein Gehirntumor Ende der 90er Jahre das Ende der Karriere. Zwar wurde der Tumor nach langjähriger Behandlung erfolgreich entfernt, doch gesundheitlich angeschlagen und von Medikamenten aufgeschwemmt musste er die Zusammenarbeit mit Foreigner aufkündigen. Die sind weiterhin unterwegs, waren im Sommer 2009 mit neuem Sänger auch in der Spandauer Zitadelle zu erleben, während Lou Gramm mit zweien seiner Brüder als Lou Gramm Band sporadisch durch die amerikanischen Klubs tourt. Umso herzlicher wird er nun im Tempodrom empfangen und dankbar überhört man die stimmlichen Schwächen bei Foreigner-Erfolgen wie "Cold As Ice", "I Wanna Know What Love Is" oder "Jukebox Hero", denen der großorchestrale Mantel schwer auf den Schultern liegt.

Nach der Pause wird es etwas sämig. Eigentlich sollte auch Steve Lee, Sänger der Schweizer Metalband Gotthard, an der "Classic meets Rock"-Tournee teilnehmen. Doch Ende vergangenen Jahres starb der Musiker nach einem Mororradunfall in den USA. Als Ersatz wurde Les Holroyd (62) von der britischen Gruppe Barclay James Harvest verpflichtet, der nun mit seinen Prog-Rock-Schnulzen den Weichspülgang einlegt. Immerhin hat er die besten Erinnerungen an Berlin. Hier spielte er im August 1980 vor 175 000 Menschen mit Barclay James Harvest auf dem Platz der Republik beim als Doppelalbum verewigten "Concert For The People" vor dem Reichstag. Damals wie heute gibt es ausschweifende Balladen wie "Mockingbird", "Live ist for Living" und natürlich "Hymn". Das Tempodrom singt mit.

Mit Ian Gillan, im vergangenen August 65 geworden, schließt sich der Kreis. Als er 1973 zum ersten Mal Deep Purple verlassen hatte, sollte Dan McCafferty sein Nachfolger werden. Doch der lehnte ab und machte den Weg frei für David Coverdale. Überhaupt, Deep Purple. Die sind an allem Schuld. Die Band hat Ende der 60er Jahre erstmals ernsthaft Elemente der klassischen Musik mit zeitgenössischem Hardrock verkuppelt, spielte Jon Lords "Concerto for Group and Orchestra" und später die Suite "April" mit großem Sinfonieorchester ein, was unzählige andere Bands zu Orchesterexperimenten verleitete. Erst als Ian Gillan neuer Sänger der Band wurde, kam mit "Deep Purple in Rock" 1970 die Wende. Schlaksig und durchtrainiert gibt er nun den Rock-'n'Roll-Entertainer, der Purple-Klassiker im großorchestralen Arrangement in den Saal shoutet, nach stimmlichen Schwierigkeiten beim aufwühlenden "Highway Star" wird er zunehmend sicherer. Die Ballade "When A Blind Man Cries" widmet er dem früh gestorbenen Steve Lee, "Perfect Strangers" beschreibt seine Rückkehr zu Deep Purple - mit denen er im vergangenen Jahr in der Max-Schmeling-Halle zu erleben war - und mit einem furiosen "Black Night" geht diese nostalgieselige Rocknacht in ihr Finale.

Aber natürlich: eine Zugabe gibt es noch. Gemeinsam mit den Kollegen McCafferty, Gramm und Holroyd singt Ian Gillan den Deep-Purple-Klassiker schlechthin: "Smoke On The Water". Das Orchester hat die schwarzen Jacken und Jackets abgelegt und lässt Celli und Kontrabässe 360 Grad um sich selbst wirbeln. Noch einmal erklingt lautstark der Chor der Erinnerung. Es riecht immer noch ein bisschen muffig. Es gibt schon wieder Bühnennebel. Der Applaus, der den Rock-Veteranen entgegenbrandet, ist zufrieden und langanhaltend.