Thriller - Live

Die Wiederkehr des King of Pop in Berlin

"Thriller - Live" ist weder Double-Shownoch Musical. Es ist eine Hommage an Michael Jackson, die schon zu seinen Lebzeiten startete und heute als Beschwörung dient, auch im Berliner Admiralspalast.

Ein dünner, blasser Mann steigt aus der U-Bahn, er ist stark geschminkt, trägt einen Hut, eine bestickte Jacke und Gamaschen. Vor dem Admiralspalast treten die Raucher amüsiert zur Seite. Als er seinen Platz einnimmt, winkt ihm ein Mädchen zu. Der Mann hebt seine Rechte, die in einem Glitzerhandschuh steckt. Dann sieht er zu, wie Michael Jackson auf der Bühne von diversen Darstellern verkörpert wird. Von Sängern, Tänzern, sogar von einem blonden Hünen, der die die Brust reckt und „She’s Out Of My Life“ anstimmt wie eine Rockballade. „Michael!“, ruft jemand im dunklen Saal, da lacht der Admiralspalast.

Wer „Thriller – Live“ besucht, muss wissen, was er tut. Es ist kein Musical, das Michael Jacksons Hits in einer hanebüchenen Handlung aneinanderreiht. Es geht nicht um die Illusion der Doppelgänger-Show. Es handelt sich um einen originell gesungenen, getanzten Nachruf. Ursprünglich war das so nicht beabsichtigt. Die Vorgeschichte reicht zurück bis 1988, in die Zeit, als Jackson in der Blüte seines Schaffens stand. Der Brite Adrian Grant hatte in London einen Fanclub einberufen, 1991 lud ihn Jackson ein nach Neverland und segnete eine Tributschau ab, die Grant später in „Thriller – Live“ verwandelte. Auch dafür wünschte ihm der Star viel Glück. Im Januar 2009 fand die Premiere statt, am Londoner Westend, die bis zum Mai lief. In London fieberte man damals Michael Jacksons Wiederkehr entgegen, dem leibhaftigen Comeback in der O2-Arena, 50 Auftritten in einem halben Jahr. Während der Vorbereitungen verstarb der Künstler.

Und „Thriller – Live“ ging auf die Reise. Eine Band, die originalgetreu die Stücke spielt, die Sänger und Tänzer und die Bühnentreppe. In den oberen Etagen des Musikgeschäfts wird gerade Jacksons Nachlass filetiert und unwürdig gestritten über sein Vermächtnis. Immer wieder wird seine Geschichte medienübergreifend nacherzählt, als Farce oder Heldenepos. Wer den Musiker zu schätzen wusste, freut sich heute einfach, wenn er im Theater sitzt und jungen Leuten dabei zusieht, wie sie seine Lieder neu mit Leben füllen.

Der 12-jährige MJ Mytton-Sanneh kräht in Schlaghosen die Kinderlieder „ABC“ und „I’ll Be There“ der Jackson Five. Dass der frühe Michael Jackson streng dem Zeitgeist unterworfen war, beweisen Breakdancer in bunter Trainingskleidung, projizierte Spiegelkugeln und die Discomusik anderer Sänger. Wie er selbst zum Zeitgeist wurde, wird bei „Wanna Be Startin’ Somethin’“ illustriert mit kreisenden Zahnrädern aus Chaplins „Modernen Zeiten“. Bis hin zu „Billie Jean“, wo dann doch ein Doppelgänger einsam auf der Bühne den Moonwalk tanzt, sich in den Schritt greift und wie ein Roboter wirkt, den man als Michael Jackson programmiert hat. Was so lustig wie traurig wirkt.

Dieser „Michael Jackson“ ist kein Freak, nur eine seltsame Persönlichkeit. „Man In The Mirror“ wird von allen Sängern vorgetragen, von dem rockenden Wikinger und der zarten schwarzen Frau, die Jacksons Stimme noch am nächsten kommt. Der Dritte trifft die hohen Lagen leichter, der Vierte schafft den besten Schluckauf. Tanzfiguren werden überwiegend in der Gruppe ausgeführt, der fünffache Moonwalk und der schräge Stand im schweren Sturm zu sechst. Unsterblich bleibt der Popkönig als kollektive Fantasie. Das weiß man spätestens seit „Thriller“, dem Ballett der Untoten, das auch im Admiralspalast durch das Finale wankt wie im Musikvideo seit 29 Jahren.

Die Revue dient als Beschwörung: Unablässig werden Weltrekorde aufgesagt, Millionen und Musikpreise. Und in der Ahnengalerie der guten Menschen findet Michael Jackson seinen Platz zwischen John Lennon, John F. Kennedy und Martin Luther King. Auch Bono und Barack Obama sind schon da im Bühnenbild. Der Mann, der sich als Michael Jackson kostümiert hat für den Abend, trinkt am Ausgang noch ein Bier.

Admiralspalast, Friedrichstr. 101, Mitte. Tel. 32533130. Noch einmal Sonntag, 14 Uhr.