Debatte über Sanierung

Warum man das Pergamonmuseum nicht retten muss

Das Pergamonmuseum auf der Berliner Museumsinsel soll saniert werden. Doch der Umbau ruft Kritiker auf den Plan, sie rufen gar zur Rettung des Hauses auf. Wer die besseren Argumente hat.

Der monumentale Pergamonaltar mit seinem Hochrelief, das dramatisch den Kampf zwischen Göttern und Giganten ins Bild setzt; das babylonische Ischtar-Tor mit seinen Stieren und Drachen auf blau glasierten Kacheln; das römische Stadttor von Milet; die Fassade eines umayadischen Winterlagers aus der jordanischen Wüste, „Mschatta“ genannt – diese Weltwunder altorientalischer, antiker und frühislamischer Architektur sind es, die jährlich mehr als eine Million Besucher ins Pergamonmuseum auf der Museumsinsel locken. Während im vergangenen Jahrzehnt das Augenmerk der Öffentlichkeit dort vor allem auf jene Häuser gerichtet war, die im Zuge des Masterplans restauriert und wieder eröffnet wurden – Alte Nationalgalerie, Bodemuseum, Neues Museum –, ging im Pergamonmuseum der Massenbetrieb ungerührt weiter. Vergangene Woche nun machte die „Zeit“ ihren Kulturteil mit der Schlagzeile "Rettet das Pergamonmuseum!" auf. Da müsste der Kulturnation eigentlich der Schrecken in die Glieder fahren. Was hat es mit diesem Alarmruf auf sich?

Das Pergamonmuseum entstand als letztes Haus auf der Museumsinsel. Anfang des vorigen Jahrhunderts begann der Architekt Alfred Messel mit der Planung, ausgeführt wurde der Bau zwischen 1910 und 1930, in einer Zeit also, die von tiefen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Brüchen gekennzeichnet war.

Die Sanierung und der teilweise Umbau des Pergamonmuseums gehören zu den letzten großen Bauvorhaben auf der Museumsinsel. 385 Millionen Euro hat der Bundestag dafür bewilligt. Die Arbeiten, die voraussichtlich 2013 beginnen, werden sich über etwa 15 Jahre hinziehen. Sie sind kompliziert, und sie sollen bei laufendem Betrieb ausgeführt werden. Die Planungen dafür stammen von dem 2007 verstorbenen Kölner Architekten Oswald Mathias Ungers, der im Jahr 2000 den vom Bund ausgeschriebenen Wettbewerb gewann. Wieder also werden dreißig Jahre vergehen, bis das „neue“ Pergamonmuseum fertig ist. Dem Haus scheinen die Zähigkeit und der gemächliche Stoffwechsel eines uralten Reptils eigen. Warum sollte es rettungsbedürftig sein?

Autor des alarmistischen „Zeit“-Artikels ist der Journalist und Architekturhistoriker Nikolaus Bernau. Wahrscheinlich gibt es kaum jemanden, der die Baugeschichte des Pergamonmuseums besser kennt als er. Bernau, der auch Mitglied des Landesdenkmalrates ist, gehen die geplanten Umbauten zu weit. Er fürchtet, dass durch sie das Haus für den „Massentourismus“ zugerichtet und als historisches Erbe zerstört werde. Ein Streit mit der Unesco, die die gesamte Museumsinsel 1999 in die Liste des Weltkulturerbes aufnahm, sei unausweichlich. Noch sei Zeit, das Steuer herum zu reißen, bevor „in diesen Tagen“ die grundlegenden Entscheidungen fielen.

Das erscheint nun doch einigermaßen verwirrend. Die grundlegenden Entscheidungen fielen schon vor Jahren. 2006 segneten Denkmalamt und Denkmalrat die Pläne ab, auch die Unesco erhob keine Einwände. Der Bundestag stellte das Geld zur Verfügung. In der Stiftung Preußischer Kulturbesitz weiß man nichts von unmittelbar bevorstehenden Grundentscheidungen. Ihr Präsident Hermann Parzinger ist darum bemüht, jegliche Schärfe aus der Diskussion zu nehmen. Die denkmalschützerischen Bedenken Bernaus seien ernst zu nehmen. Aber bei der Entwicklung eines Museums sei der Denkmalschutz nicht der einzige zu berücksichtigende Gesichtspunkt. Museen seien lebende Organismen, die sich veränderten Bedingungen anpassen müssten.

Für Bernau ist das Pergamonmuseum, das seine achtzigjährige Geschichte weitgehend im Originalzustand überdauert hat, ein exemplarischer Bau der modernen Museumsgeschichte: „In keinem anderen Museumsbau kann man heute noch so viel sehen von jenen richtungweisenden Reformen, die die deutschen Museen bis lange nach dem Zweiten Weltkrieg weltweit zum Vorbild werden ließen. Die Inszenierung des Pergamonaltars zum Beispiel inspirierte in den dreißiger Jahren die Neuaufstellung der Londoner Parthenon-Skulpturen. Und mit den kalkweißen Sälen des heutigen Museums für Islamische Kunst entstand hier 1933 das erste große ,White Cube'-Museum für Hohe Kunst.“ Durch die geplanten Umbauten, das Verschieben von Wänden, den Einbau von Aufzügen und Treppen werde dieses einzigartige Monument der Museumsgeschichte bis zur Unkenntlichkeit verändert. Keine Gnade findet vor Bernau vor allem der Plan, die Mschatta-Fassade vom Südflügel in den Nordflügel zu verlagern, der künftig vollständig dem Museum für Islamische Kunst zur Verfügung stehen soll. Sie wird jene Fensterfront zur S-Bahn hin verdecken, die dem „Stadtbahnsaal“ heute seinen besonderen Charakter gibt. An ihm entzündete sich der „Berliner Museumsstreit“. Denn ursprünglich war im Nordflügel das „Deutsche Museum“ untergebracht und dieser Saal den Museumsauffassungen der Zeit entsprechend mit romanischen und gotischen Gewölben ausgestattet. Erst 1926 wurde er weiß und nüchtern und wies in die Zukunft.

Doch dies ist nun auch schon Vergangenheit, und es stellt sich die Frage, ob solche museumsgeschichtlichen Momente für alle Zeiten konserviert werden müssen. Das Beispiel des Stadtbahnsaales zeigt ja gerade, dass im Pergamonmuseum die Veränderungen im Inneren schon losgingen, bevor der Gesamtbau fertig gestellt war. Warum also sollte man jetzt Abstriche bei einer logischen und effektvollen Inszenierung der Ausstellungsobjekte machen, nur weil dadurch das Haus als Museum seiner selbst beschädigt würde? Darauf aber liefe Bernaus Forderung einer konservativen Sanierung hinaus.

Sie verkennt auch, dass selbst nach den ursprünglichen Planungen das Pergamonmuseum bei weitem nicht fertig und also ein work in progress ist. Der von Messel geplante vierte Flügel, der den Ehrenhof zum Kupfergraben hin abschließt, wurde nie realisiert. Jetzt wird er kommen, nicht in antikisierender Weise, sondern als ein Stück moderner Architektur, das sich in die Gesamtanlage einfügt. Natürlich wird dadurch das vertraute Bild des Pergamonmuseums radikal verändert. Funktional aber wird der Hof aufgewertet. Von hier aus kann sich der Besucher zu einem dann geschlossenen Rundgang durch das Haus aufmachen, der ihn von den frühen Hochkulturen Vorderasiens über die griechisch-römische Antike bis zum frühen Islam führt. Von hier aus findet er außerdem Anschluss an die „archäologische Promenade“, die ihm die gesamte Museumsinsel erschließt. Ist es nicht die höchste Pflicht von Museumsleuten, die Schätze, die sie hüten, dem Publikum so zu präsentieren, dass sie eine Geschichte erzählen? Hermann Parzinger sagt, er nehme denkmalschützerische Bedenken ernst. Vorschläge, wie ihnen besser Rechnung getragen werden könne, seien willkommen. Doch auf Abstriche bei der Präsentation werde er sich nicht einlassen.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.