Kino

Ritchies "Sherlock Holmes" ist wie "Da Vinci Code"

Radaukino für kleine Jungs: Im ersten "Sherlock Holmes"-Film des 21. Jahrhunderts haben Robert Downey jr. und Jude Law die Hauptrollen übernommen. Regisseur Guy Ritchie hat "Sherlock Holmes" als einen familienfreundlichen Spektakelfilm inszeniert, der teilweise an "Da Vinci Code" erinnert.

Genialität und soziale Unverträglichkeit gehen bei Sherlock Holmes Hand in Hand. Der Londoner Superdetektiv muss sein Gegenüber nur näher in Augenschein nehmen, hier ein Fussel am Ohr, dort eine interessante Halskette bemerken, und schon weiß er alles über dessen Herkunft, Hobbys und Liebesleben - was seine Umwelt mitunter wenig zu schätzen weiß.

Vermeidet er es allerdings, seine Mitmenschen als ein einziges Rätsel wahrzunehmen, das es umgehend zu lösen gilt, fällt Sherlock Holmes in sich zusammen. Dann wird er depressiv, trinkt zu viel, wäscht sich zu wenig und wirkt überhaupt einigermaßen verwahrlost.

Und nun, da auch noch sein Freund und Ermittlungspartner Dr. Watson aus dem gemeinsamen Eigenheim ausziehen will, um, man stelle sich vor, eine Frau zu heiraten, steht es gar nicht mehr gut um ihn. Zum Glück taucht da am Horizont ein besonders sinistrer Bösewicht auf, der Sherlock Holmes wenigstens vorübergehend auf andere Gedanken bringt.

Dass Regisseur Guy Ritchie in seinem "Sherlock Holmes"-Film dem beliebten Londoner Detektiv und seinem Freund Watson eine schwule Seite verpassen würde, sorgte bei Sherlock-Holmes-Liebhabern für einiges Entsetzen, was aber, wie sich zeigt, letztlich unangebracht war. Holmes und Watson sind nur süß, innig und liebevoll miteinander - wie ein altes Ehepaar, bei dem ein junges, hübsches Ding, wie Dr. Watson es zu heiraten gedenkt, letztlich nur stören würde.

Viel beunruhigender scheint der Umstand, dass Ritchie seinem Detektiv einen Gegner vorsetzt, der zumindest im Sherlock-Holmes-Kanon ein Novum ist. War das Unheil, das seine früheren Gegner bereiteten, noch rational erklärbar und geografisch überschaubar, hat er es jetzt mit einer Art Bela-Lugosi-Imitator namens Lord Blackwood zu tun, der scheinbar mit dem Werkzeugkasten der schwarzen Magie operiert, um die aufständische Kolonie Amerika wieder unter Kontrolle zu bringen - Planziel: Weltherrschaft.

Zu diesem Zweck hat er einen höchst komplizierten Plan mit rituellen Tötungen an historisch symbolträchtigen Orten, Wiederauferstehungen und seltsamen Apparaturen entwickelt, der selbst den Schriftsteller Dan Brown, bislang unbestrittener König unverständlich komplizierter Pläne, erblassen lassen würde.

Kurzum: Guy Ritchies "Sherlock Holmes" ist so etwas wie der "Da Vinci Code" () in London - bloß schneller. So schnell, dass man eigentlich nie genau weiß, was überhaupt passiert, warum alle plötzlich in die eine oder andere Richtung rennen, wieso gerade wieder etwas explodiert, was aber auch nicht weiter stört, weil ordentlich gerannt wird und Dinge explodieren.

Guy Ritchie hat sich ständig Dinge einfallen lassen, die wunderbar von der Handlung ablenken. Schön fotografierte Faustkämpfe etwa, die er mit Vorliebe meist zweimal nacheinander zeigt: einmal in Zeitlupe, damit man sieht, wohin sich die Gegner boxen und welche Knochen dabei zu Bruch gehen - und weil es so schön war, noch einmal in Echtzeit hinterher.

Es gibt eine Rauferei auf der noch im Bau befindlichen Tower Bridge, einen ungeplanten Stapellauf, einen riesigen, äußerst gewaltbereiten Mann, der nur französisch spricht, bunte Gaukler auf den Straßen Londons, gefiedelte irische Folkmusik, schlechte Zähne, einen lustigen dicken Hund und einen geheimnisvollen Mann, dessen Gesicht man aufgrund ungünstiger Lichtverhältnisse nie sieht.

Im Zentrum des Films ist dabei stets Robert Downey Jr. als Holmes, der sich als Amerikaner besonders große Mühe gibt, ganz besonders britisches Englisch zu sprechen, was seinem Auftritt etwas leicht Travestiehaftes verleiht. Da er aber mit seinen stets weit aufgerissenen Augen zu einem dauerhaft ironischen und irgendwie überexpressiven Spiel neigt, rundet die Sprechweise seine Holmes Charakterisierung letztlich wunderbar ab.

Jude Law gibt als Dr. Watson an seiner Seite den Ruhepol, der es versteht, ledernen Hosenträgern, großen Hüten und Schnurrbärten eine unerwartete modische Relevanz zu verleihen. Man könnte auch sagen: Laws Dr. Watson sieht vor allen Dingen ziemlich gut aus.

Vom visuellen Aspekt einmal abgesehen, scheint es seine Hauptaufgabe zu sein, Holmes zu Reinlichkeit zu animieren und dafür zu sorgen, dass er regelmäßig isst. Den übermäßigen Drogenkonsum hat er Holmes offenbar abgewöhnen können, jedenfalls verzichtet der Film-Holmes im Vergleich zu seiner literarischen Vorlage von Arthur Conan Doyle auf sein Kokain.

Aber wie Filmproduzent Joel Silver schon im Vorfeld ankündigte, war "Sherlock Holmes" von Anfang an als Familienfilm angelegt, in dem sich offenherziger Drogenkonsum von vornherein verbietet. Und da sich auch die allzu glamouröse Darstellung roher Gewalt verbietet, fragt man sich, wieso Joel Silver es für eine gute Idee hielt, ausgerechnet Guy Ritchie als Regisseur zu verpflichten, dessen überschaubares Talent vor allem darin besteht, rohe Gewalt ansprechend und cool zu inszenieren - und selbst darin meist grandios zu scheitern.

Auf die zwei recht unterhaltsamen Filme "Bube, Dame, König, Gras" und "Snatch - Schweine und Diamanten" folgten mit "Stürmische Liebe", "Revolver" und "Rock N Rolla" gleich drei Flops, von denen der letztgenannte in den USA nicht einmal sechs Millionen Dollar eingespielt hat.

Für den Dreh von "Sherlock Holmes" stellte man ihm dann rätselhafterweise 80 Millionen Dollar zur Verfügung. Nicht einmal Holmes könnte erklären wieso. Aber dafür offenbart "Sherlock Holmes" eine Fähigkeit Ritchies, die man von ihm so noch nicht kannte: nämlich einen durchaus unterhaltsamen Film zu drehen, den man schon während des Zuschauens vergisst.