"Everybody's Fine"

Robert De Niro spielt wie ein blinder Stier

Robert De Niro gilt in Hollywood als leicht zu haben. Mit dem Familiendrama "Everybody's fine" hat er sich keinen Gefallen getan. Selbst bei den dramatischen Szenen schafft er nicht mehr als ein paar kleine Gesten und einen leicht melancholischem Unterton. Der Film ist aber auch nicht besser.

Die Fabrik und die Familie, das war immer Frank Goodes ganzes Leben. Jahrzehnte lang hat er tagein, tagaus in einem Werk geschuftet, in dem Ummantelungen von Telefonleitungen hergestellt werden, und sich dabei seine Lungen ruiniert.

Aber das hat ihn nie interessiert. Seinen vier Kindern sollte es einmal besser gehen, das war alles, was er im Sinn hatte. Mittlerweile ist Frank 66 Jahre alt und im Ruhestand. Die Kinder sind schon lange aus dem Haus; und vor acht Monaten ist seine Frau verstorben. Nun lebt er allein in seinem alten Haus und wartet sehnsüchtig darauf, dass ihn seine Kinder einmal besuchen.

Schon in den ersten Minuten von „Everybody’s Fine“ straft Kirk Jones’ Remake von Giuseppe Tornatores Tragikomödie „Allen geht’s gut“ seinen Titel Lügen. Dem von Robert De Niro gespielten Witwer geht es alles andere als gut.

Dabei sind die Folgenschäden seiner früheren Arbeit, die seinem Arzt so viele Sorgen bereiten, noch sein kleinstes Problem. Seit dem Tod seiner Frau füllt Frank seine Tage nur noch mit mechanischen Tätigkeiten aus. Den Kontakt zur Außenwelt hat er schon mehr oder weniger verloren, und der zu seinen Kindern reißt auch immer weiter ab.

Als sie wieder einmal ein von ihm geplantes Familientreffen kurzfristig absagen, beschließt er, sie überraschend zu besuchen. Also macht er sich zu einer Reise auf, die per Zug und per Bus zunächst nach Manhattan, dann über Chicago nach Denver und schließlich nach Las Vegas führt.

Die Struktur wie auch die Konfliktlinien dieses Schienen- und Straßenfilms waren dem Briten Kirk Jones klar vorgegeben. Auf der einen Seite gab es die Vorlage, eine sentimentale Gratwanderung zwischen volkstümlicher Komik und alltäglicher Tragik.

Auf der anderen musste er typische Hollywood-Erwartungen erfüllen. Es muss sich also niemand Sorgen darüber machen, ob Frank Goode am Ende so dasteht wie zu Beginn. Natürlich endet alles mit einem Fest im Kreis einer dann allerdings ziemlich bunt zusammen gewürfelten Familie Goode.

Aber die Reise, die Frank und mit ihm auch der Film zu diesem konventionell-kitschigen Familien-Happy-End führt, hält neben den im Drehbuch angelegten Wendungen auch einige echte Überraschungen bereit.

Das Amerika, das Frank durchquert, scheint sich wie er selbst verloren zu haben. Nahezu jede der extrem scharfen und klaren Aufnahmen, die der Kameramann Henry Braham unter Einsatz einer hochmodernen HD-Digitalkamera gemacht hat, zeugt von Vereinsamung und Zersplitterung.

Die leere Weite des Landes und die neon-erleuchtete Enge der Städte sind dabei die zwei Seiten einer Medaille. Damit wandeln Jones und Braham konsequent auf den Pfaden von Edward Hopper und Wim Wenders. Nur wirken ihre digitalen Bilder noch realer und entwickeln gerade dadurch eine ganz neue mythische Qualität.

So zurückhaltend wie in der Rolle des aufrechten Arbeiters Frank Goode hat Robert De Niro bisher kaum einmal agiert. Nichts scheint ihn aus der Ruhe bringen zu können.

Selbst in den Momenten, in denen Frank erkennt, dass ihm jedes seiner Kinder nur etwas vorgespielt hat, dass sie längst nicht so perfekt und so erfolgreich sind, wie er es sich erträumt hatte, verliert De Niro nicht die Kontrolle.

Nichts außer ein paar kleinen Gesten und einem leicht melancholischen Unterton weist auf die inneren Erschütterungen dieses Mannes hin, der all seine Wünsche und Hoffnungen auf seine vier Kinder projeziert hat.

Im Grunde passt der aus einfachen Verhältnissen stammende Frank Goode durchaus in die Reihe der Figuren, die Robert De Niro in den Filmen Martin Scorseses gespielt hat. Wie Johnny Boy in „Hexenkessel“ oder Jake La Motta in „Wie ein wilder Stier“ ist auch er einer, dem nie etwas geschenkt wurde, der für die Erfüllung seiner Träume alles andere opfern musste.

Zugleich ist er aber auch ein Gegenentwurf zu diesen aufbrausenden Charakteren, deren Aggressionen sich letztlich immer gegen sie selbst wenden mussten. Frank Goode hat sich jede Form von Aggressivität versagt.

Sein Kampf war ein ewiges Streben nach Anpassung. Er hat sich selbst zu einem Rädchen im großen Getriebe gemacht, damit seine vier Kinder, Amy (Kate Beckinsale) und Rosie (Drew Barrymore), Robert (Sam Rockwell) und der abwesend bleibende David, einmal mehr als nur Rädchen sein können.