Filmfestspiele Cannes

Eitelkeiten, Politik und etwas Kino an der Croisette

Erste Zwischenbilanz des größten und wichtigsten europäischen Festivals: Die Filme spielen eigentlich nur eine Nebenrolle.

Cannes. Noch bevor eine „Leinwandgöttin“ einen Louboutin-Schuh auf den roten Teppich setzen konnte, kam eine Riesenwelle und riss – so sah es zumindest im Fernsehen aus – die halbe Stadt mit. Musste das nicht irgendetwas zu bedeuten haben? Eine Warnung von ganz oben? Europa stand wieder mal oder immer noch am – genau: Abgrund. Aber wir haben Wichtigeres zu tun: Filmfestspiele. Nur dieser isländische Vulkan, den die Franzosen noch ulkiger aussprechen als alle anderen, spuckte anreisewilligen Hollywoodstars unverschämter Weise in die Einflugschneise.

Die Welle, die Krise, der Vulkan – der Vorspann zu den 63. Filmfestspielen von Cannes klang in diesem Jahr wie eine Sammlung vager Drehbuchideen für einen Katastrophenfilm, aber dann rettete Super-Sarkozy vorübergehend Europa („It’s My Way, or the Highway, Angela“), die Bürger von Cannes räumten rasend rasch den Strand auf, Eyjafjallajokull hatte ein Einsehen – und die Festspiele begannen so, wie sie immer beginnen: Es wurde erst einmal laut über das Programm gemeckert, das noch keiner gesehen hatte.

Vorausschauend enttäuschend fanden es die „Cineasten“ etwa, dass der sagenumwobene amerikanische Regisseur Terrence Malick sein neues Opus „The Tree of Life“ mit Sean Penn und Brad Pitt nicht rechtzeitig für das Festival fertig geschnitten hat. Dabei hätte dies Kenner von Malicks Arbeitsmethoden nicht überraschen dürfen, denn Malick hat für die fünf Filme, die er bislang gedreht hat, insgesamt vierzig Jahre gebraucht. Weil Malick nicht fertig sei, so wurde genörgelt, fehlten die großen Stars. Zugleich aber wurde beklagt, dass der Eröffnungsfilm – Ridley Scotts „Robin Hood“, der immerhin Russell Crowe und Cate Blanchett nach Cannes brachte – das Festival besonders schamlos als Werbeplattform nutze.

Der Film lief nämlich schon vor der offiziellen Festivaleröffnung am Mittwochabend in den Kinos an. Nun ist das Dilemma bei Filmfestspielen schwer zu lösen: entweder man bekommt Werbung – oder keine Stars. Russel Crowe bewies jedenfalls am Eröffnungs-Mittwoch bereits, weshalb es sich auf jeden Fall lohnt, echten Stars den Teppich auszurollen. Auch wenn die Filme, die sie mitbringen, ein bisschen nach verschwitztem Kettenhemd riechen. Zum „Photo Call“ nach der Robin Hood-Pressevorführung erschien er standesgemäß verkatert.

Grund: die Party in Antibes am Abend zuvor. Und mit verspiegelter Sonnenbrille. Auf der Pressekonferenz amüsierte er sich über erstaunlich bescheuerte Journalistenfragen („Ist es Absicht, dass Robin Hood die Figur eines Rugby-Spielers hat?“), und analysierte ausführlich die Chancen Australiens bei der bevorstehenden Fußballweltmeisterschaft in Südafrika („Unschlagbar.“) Was Cate Blanchett betrifft – sie guckte spöttisch und sah bezaubernd aus. Letzteres tut sie ja immer, selbst wenn man sie in einen Jutesack steckt und ihr eine Lateinamerikanistik-Studentinnen-Frisur verpasst wie in diesem Film.

Eigentlich war es also gar nicht so schlecht losgegangen in Cannes, aber draußen, in den Zeitungen und im Radio auf France Culture, wurde trotzdem weiter gemeckert: darüber, dass der neue Film von Emmanuelle Béart und ihrem Gatten Michel Cohen – „Ça commence par la fin“, eine Art gehobener Heim-Porno – nicht eingeladen wurde, weil er selbst den Juroren zu heiß war. Und das in Frankreich!

Beklagt wurde des Weiteren, dass zu viele Filme dabei seien, die eigentlich gar keine richtigen Kino-Filme seien: Olivier Assayas’ fünfeinhalbstündiges Epos über den Terroristen Carlos ist eigentlich eine Fernsehserie, und Altmeister Jean-Luc Godard stellt seinen „Film: Socialisme“ noch am Tag der Premiere als verteilungskritische Maßnahme zum Downloaden ins Internet.

Und überhaupt, es sei alles zu politisch – fand insbesondere der bis dahin weltweit eher unbekannte italienische Kulturminister Sandro Bondi, der verkündete, er werde die Filmfestspiele nicht mit seiner Anwesenheit beehren, da dort der Film der italienischen Satirikerin Sandra Guzzanti laufe – „Draquila –Italien zittert.“ Der Film sei ein „Propogandafilm“, der „die Wahrheit und das italienische Volk“ beleidigt, schimpfte Signore Bondi. Der Film, der nicht im Wettbewerb läuft, war in Wahrheit einer der ersten Höhepunkte des Festivals, weil er ziemlich unaufgeregt zeigt, was für ein grotesker Staat Italien unter Berlusconi geworden ist, dessen Propagandamaschine die Wahrheit und das italienische Volk ununterbrochen beleidigt.

Guzzanti erzählt, wie Berlusconi die Erdbebenkatastrophe von Aquila genutzt hat, um sich selbst pausenlos als Retter der Opfer zu inszenieren, nachdem er mit einer subtilen Gesetzesänderung den staatlichen Zivilschutz in ein korruptes General-Bauunternehmen der Exekutive verwandelt hat. Demokratische Mitbestimmung der Betroffenen wird so ausgehebelt, die Opfer dürfen ihre Häuser in der beschädigten Innenstadt Aquilas nicht renovieren und beziehen.

"Italien ist eine Diktatur durch Scheiße"

Stattdessen hält man sie in Lagern und stopft sie schließlich in eilig hochgezogene Retorten-Wohnblocks an der Peripherie – wo die von Berlusconi spendierte Flasche Spumante schon im Kühlschrank wartet. Italien, so sieht es in „Draquila“ aus, besteht heute zu fünfzig Prozent aus gehirngewaschenen Berlusconi-Bewunderen und zu 50 Prozent aus resignierten Oppositionellen. Wäre er 25, würde er sicher das Land verlassen, sagt einer dieser Melancholiker am Ende des Films. Und dann korrigiert er sich: nein, wahrscheinlich würde er doch nicht gehen. Das sei schließlich „keine Diktatur durch Folter“, sondern nur „eine Diktatur durch Scheiße.“

Etwas hoffnungsfroher verlässt man einen anderen kleinen, aber feinen, politischen Film, der die „Semaine de la Critique“ eröffnete: „Le Nom des Gens“ von Michel Leclerc, eine stark an Woody Allen erinnernde, witzige Komödie über das, was Nachnamen bedeuten und verbergen – und zugleich vielleicht der geistreichste Beitrag zur identitätspolitischen Debatte, die Frankreich seit gut einem Jahr auf Trab hält. Der Film erschließt sich aber offenbar nicht jedem. „Da kommt man gar nicht rein“, beklagte ein deutscher Kinobetreiber nach der Vorführung, in der die französischen Besucher Tränen lachten – unter anderem über einen umwerfend komischen und bewundernswert selbstironischen Gastauftritt des ehemaligen Präsidentschaftskandidaten der französischen Sozialisten, Lionel Jospin.

In einer Suite des Hotels Martinez gab unterdessen ein rührend gealtert und melancholisch wirkender Woody Allen Interviews, in denen er beim Blick aus dem Fenster auf die glitzernde Croisette die Überzeugung äußerte, dass „all das eh sinnlos ist und irgendwann alles im Klo hinunter gespült wird.“ Wie um ihm Recht zu geben, stand draußen ein Lamborghini mit bulgarischem Kennzeichen vor der Tür. Das wirkte wie der knappest mögliche Kommentar zur Finanzkrise.

"Geld ist eine Schlampe, die nie schläft"

Zu letzterer äußert sich Oliver Stone in seiner Fortsetzung von „Wall Street“ ausführlicher, ohne dass dabei eine tiefere Erkenntnis zur Weltlage herausspringen würde, als die, dass inzwischen die Broker das Spiel nicht mehr bestimmen, sondern „ein Haufen Maschinen.“ Man freut sich trotzdem darüber, dass Gordon Gekko wieder da ist. Der Untertitel des Films auf den Plakaten „Geld schläft nie“ ist übrigens leicht bereinigt. Im Film heißt der Satz „Geld ist eine Schlampe, die nie schläft.“

Wer über die Hintergründe der Finanzkrise mehr wissen will, lernt in den Dokumentarfilmen „Inside Job“ von Charles Ferguson und „Cleveland contra Wall Street“ von Jean-Stéphane Bron mehr als bei Oliver Stone. Aber wer will das schon in Cannes? Am Samstag zeigte Mike Leigh einen Mike-Leigh-Film (Another year“) und die meisten waren sich einig, das sei ein hübscher Mike-Leigh-Film gewesen. Am Sonntag zeigte Bertrand Tavernier einen auch ganz hübschen Kostümfilm („La Princesse de Montpensier“) und einen richtigen Palmen-Favoriten gab es immer noch nicht. Aber am Montag käme ja zum Glück der Iñárritu mit „Biutiful“, das sei vielleicht einer, so hörte man.

Am kommenden Freitag wird es noch mal Ärger geben, dann läuft Rachid Boucharebs Algerien-Krieg-Drama „Hors la loi“, über das sich im Vorfeld bereits diverse konservative französische Politiker echauffierten – selbstverständlich ohne den Film gesehen zu haben. Am Samstag drauf gibt es noch mal Krieg, der zum Glück „umstrittene“ russische Regisseur– und Putin-Spezi – Nikita Mikhalkov zeigt die Fortsetzung seines Weltkriegs-Gemäldes „Die Sonne, die uns täuscht“. Und am Sonntag gibt es Palmen in Cannes, so oder so.