Deutscher Chanson

Udo Jürgens tröstet jetzt mit Protestsongs

Mit über 66 Jahren hat das Leben immer noch Neues zu bieten: Nachdem er sich lange gegen das Etikett "Schlager" gewehrt hat, ist Udo Jürgens bei sich selbst angekommen. "Einfach ich", heißt sein neues Album. Darauf kleidet er politische Themen in schöne Melodien – und tanzt gekonnt auf dem Vulkan.

Foto: SonyBMG

"Schlager" zählt nicht zu den schönsten deutschen Wörtern. Nicht erst seit dem ähnlich hässlich klingenden Bannfluch Theodor W. Adornos: "Schlager beliefern die zwischen Betrieb und Reproduktion der Arbeitskraft Eingespannten mit Ersatz für Gefühle überhaupt, von denen ihr zeitgemäß revidiertes Ich-Ideal sagt, sie müssten sie haben." Bäh. Wer möchte da noch etwas Schönes hören?

Schlicht kadenzierte, deutschsprachige Lieder beispielsweise? Womit wir bei Udo Jürgens wären. Udo Jürgens spielt in seinem langjährigen Kleinkrieg gegen das Wort Schlager "deutsches Chanson". Franzosen unterteilen in gehaltvolle Chansons und anspruchslosere Variétés. "Und ich spür' manche Nacht/ Warum denken traurig macht", singt Udo Jürgens auf dem Album "Einfach ich"; er strahlt auf der CD und spiegelt sich in seinem Flügel. Vielleicht war Adorno einfach traurig. Nicht nur kritisch-theoretisch und kulturindustriell

Weniger Trucker und mehr Studenten unter den Zuhörern

Mit 73 zieht der beste lebende Schlagersänger, den die deutsche Sprache vorzuweisen hat, Bilanz. Es gibt das Musical "Ich war noch niemals in New York" über eine verliebte Altenheim-Bewohnerin. Es gibt nun auch das Altersalbum "Einfach ich". Schon mit 40 hatte Jürgens sich in "Irgendwann" aufs Altern vorbereitet. Schließlich hat er in seinem bejahenden "Mit 66 Jahren" nicht nur alle demoskopischen Vorhersagen vorweggenommen, sondern auch sich selber überholt.


Fast hat sich Udo Jürgens sogar mit dem Schlager arrangiert. "Sicher, ich fühl mich missverstanden", sagt er. "Heute ist's mir wurscht. Die meisten meiner Lieder sind nun mal im Schlager angekommen." Dabei klingt er wie jemand, der erklärt, sein Lebensziel mit Absicht knapp verpasst zu haben. "Ich habe unter meinen Zuhörern Studenten, Akademiker und Rechtsanwälte. Die Lastwagenfahrer sind weniger stark vertreten."

Protestlieder umrahmt von tröstlicher Musik

Zuletzt hat sich Udo Jürgens zu einer CD hinreißen lassen, auf der Bastian Sick, der unsägliche Sprachpedant, die Lieder lobte. Während Sick sich allerdings gegen das verbal nicht sattelfeste Volk verschwört, hat Jürgens nie belehrt. Sondern gesungen, unterhalten und gebildet und am Ende den weißen Bademantel unters Volk geworfen.

Selbst offene Protestlieder wie "Tanz auf dem Vulkan", "Völlig vernetzt" und "Fehlbilanz" erscheinen in so tröstliche Musik gebettet und umrahmt von Liebesliedern, dass sich niemand grämen und zur "Minima Moralia" greifen muss. "In den Liedern findet sich nur eine Kurzform des philosophischen Denkens", sagt Udo Jürgens. "Wenn ich Gedanken vertiefen will, muss ich darüber schreiben." Das Vertiefen war noch nie der Sinn des Schlagers. Schönheit aber heißt, sich seiner Möglichkeiten sicher und bewusst zu sein.

Udo Jürgens: Einfach Ich (Ariola)

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Weitere neue CDs in dieser Woche:

Get Well Soon: Rest Now Weary Head You Will (City Slang)

Legion Of The Damned: Feel The Blade (Massacre)