Nana Mouskouri

"Sänger dürfen ihre Macht nicht missbrauchen"

Schwarzes Haar, dunkles Kassengestell: Nana Mouskouri ist unverwechselbar und unterschätzt. Ihre Platten mit Schlagern und Jazz wurden 250 Millionen Mal verkauft. Im Gespräch mit Morgenpost Online erzählt sie von den Sehnsüchten der Griechen – und wie Bob Dylan einmal ein Lied für sie schrieb.

Morgenpost Online: Als wohl berühmteste Griechin leben Sie seit 48 Jahren außerhalb Ihrer Heimat. Wo fühlen Sie sich zu Hause?

Nana Mouskouri: Ja, wo fühle ich mich zu Hause? Hier. Im Hotel. Und, sie ahnen es, auf der Bühne. Als mir vor Jahren die Idee kam, ein Buch über mein Leben zu schreiben, hat mir das Buch gewissermaßen nahe legt, mich von der Bühne zu verabschieden mit einer letzten Tournee. Das ist nun also auch vorbei. Aber keine Sorge: Ich bin nicht nur in Flugzeugen und Hotels daheim. Ich besitze auch ein echtes, eigenes Haus und darin nun sogar Zeit für mich und meine Familie.

Morgenpost Online: Den Deutschen, deren Besatzung ihre Kindheit geprägt hat, scheinen sie nie Gram gewesen zu sein.

Mouskouri: Was war, ist nie entscheidend. Jeder muss sein Glück in der Gegenwart und in der Zukunft finden. Meine Kindheit war glücklich: Mein Vater war Filmvorführer, ich konnte jeden Tag ins Kino. Und ich konnte singen. Und träumen. Gesang ist Glück. Was jeder Mensch eigentlich sucht, sind Antworten. Auch in Deutschland habe ich Antworten gefunden. Und zwar auf die Fragen, wie es ist zum ersten Mal von zu Hause fort zu sein und für meinen Gesang von allen geliebt zu werden. Ich stamme ja ebenfalls aus einem extremen Land: Griechen wie Deutsche haben große Sehnsüchte und kleine Illusionen.

Morgenpost Online: Als Sie 1961 nach Berlin kamen, war das Studio, in dem sie „Weiße Rosen aus Athen“ aufnahmen, eine Ruine.

Mouskouri: Ich wurde plötzlich wieder an den Krieg erinnert. Wir Griechen hatten nach dem Krieg einen König, einen Bürgerkrieg, eine Art Demokratie, später die Militärdiktatur. Als ich in Berlin 1961 aufnahm, habe ich bereits die Fundamente der Berliner Mauer gesehen und die Traurigkeiten zwischen Brüdern und Schwestern. Ich habe einen Bürgerkrieg kommen sehen. Wie in Griechenland. Beide Völker wissen, was Schmerz und Unglück bedeuten. Da war es für mich einer der schönsten Momente, 1989 in Amerika vom Mauerfall zu hören. Ich habe geweint.

Morgenpost Online: Zuvor haben Sie im Ost-Berliner Friedrichstadtpalast das „Lied der Freiheit“ gesungen. Durften Sie das?

Mouskouri: Nicht ausdrücklich. Aber das Publikum war schon immer besonders im Osten. Es kommt mir heute noch romantischer vor, mit mehr Interesse an Gehaltvollem. Die Kommunikation dort war ja lange gestört, also hörte es aufmerksamer zu. Auch die Leute weinten. Das ist mir nicht oft passiert. Ich habe diesen Moment tief in meinem Herzen bewahrt. Man kann doch keine Völker teilen, das ist unrecht.

Morgenpost Online: 1974 sind viele Griechen aus dem Exil zurückgekehrt. Warum Sie nicht? Ihre Ehe ist sogar daran zerbrochen.

Mouskouri: Das war sehr schwierig für mich. Ich hatte zwei Kinder. Genf war die Heimat meiner Kinder. Ich bin immer gern nach Griechenland in den Urlaub zu fahren. Als ich Griechenland verließ, hatte ich weder geplant, für immer zu gehen noch vorübergehend. Es ist einfach passiert. Ich hatte zu tun. Ich habe gelebt. Irgendwann muss man entscheiden, wo man arbeitet und lebt. Ich hatte nie die Kraft, zurück zu gehen.

Morgenpost Online: Es hat noch einmal zehn Jahre gedauert, bis sie wieder in Griechenland gesungen haben. 1984, an der Akropolis.

Mouskouri: Zwanzig Jahre nach meinem Weggang, ja. Das Konzert fand zum zehnjährigen Jubiläum der Demokratie statt. Ein würdiger Anlass.

Morgenpost Online: Warum haben Sie sich während der Diktatur mit Kritik an Ihrer Heimat eher zurück gehalten. Verglichen mit Musikerkollegen wie Mikis Theodorakis?

Mouskouri: Man sollte Politik machen, wenn man weiß, was man tut und wenn man die Worte dafür hat. Ich war niemals so. Ich war Sängerin. Und ich war jung. Theodorakis ist Politiker, er macht immer Politik, auch wenn er Musik macht. Wer Politik macht, muss auf seine Stimme achten, darauf, was er sagt. Das hätte ich damals nicht gekonnt. Vor fünf Jahren saß ich allerdings im Europäischen Parlament, für Kulturarbeit und Frauen und die Kommunikation zwischen Europa und dem Osten. Das waren meine Themen. Aber Sänger sind nicht für Lösungen zuständig. Politiker schon.

Morgenpost Online: Jedes Land scheint in Ihnen eine andere Sängerin zu sehen. In Frankreich singen sie Chanson, in Deutschland Schlager, in Amerika Jazz und Folk.

Mouskouri: Die Leute glauben das, aber ich bin immer dieselbe. Meine Konzerte sind überall aus allen denkbaren Stilen zusammengesetzt. Aus leichterer und schwerer Kost. Ich singe auch in Deutschland Songs von Bob Dylan und Leonard Cohen. Und in Frankreich singe ich auch „Guten morgen, Sonne scheine“, auf Französisch.

Morgenpost Online: Wieso singen Sie so strikt in den jeweiligen Landessprachen? Weshalb heißt Bob Dylans „Every Grain Of Sand in Deutschland plötzlich „Jedes Körnchen Sand“?

Mouskouri: Ich möchte den Leuten Hoffnung, Liebe und gute Gedanken bringen. Ich möchte mit ihnen teilen. Jedes Körnchen Sand. Die Menschen sollen sich gegenseitig mögen und sich nichts antun.

Morgenpost Online: Sie schreiben, Bob Dylan hätte den Song für Sie verfasst.

Mouskouri: Ich hatte „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ gesungen, und es hat ihm sehr gefallen, als er mich das erste Mal live gesehen hatte. Wir trafen uns. Zwei Tage später rief er mich an, um mir mitzuteilen, dass er ein Lied für mich geschrieben habe. Vielleicht hat er auch einfach nur gedacht, dass der Song zu mir passen würde. Was weiß ich.

Morgenpost Online: Müssen Musiker harmoniesüchtig sein und daran glauben, dass Musik die Menschen besser macht?

Mouskouri: Ich glaube, ja. Es passiert bei mir: Ich singe und sehe in der Halle, wie sich die Menschen verändern. Sie werden Freunde. Durch die Lieder. Weil sie dieselben Lieder mögen. Heute singen auf der Welt sogar dieselben jungen Leute dieselben Lieder. Aber kein Sänger sollte seine Macht missbrauchen, wie es viele jüngere Popsänger tun, und sich lieber an Harry Belafonte erinnern. Musik ist nicht dazu da, Geld zu verdienen. Sondern für unseren Gefühlshaushalt.

Morgenpost Online: Ihr erstes erfolgreiches Lied waren die „Weißen Rosen aus Athen“. Auf der Hülle der Single waren nicht Sie zu sehen, sondern ein Rosenmädchen. Hat Sie das beleidigt?

Mouskouri: Nun, ich war nicht so attraktiv. Man hatte entschieden, eine hübsche junge Frau zu zeigen.

Morgenpost Online: Es lag an der Brille?

Mouskouri: Richtig. Die Frau trug keine Brille. Und meine Brille war damals noch kein Look, sondern eine Sehhilfe. Ich bin kurzsichtig.

Morgenpost Online: Aber später wurde es ein Look.

Mouskouri: Oh ja. Die Leute haben begonnen, sich dafür zu interessieren. Also haben sich auch die Plattenfirmen dafür interessiert. Und ich habe auch gelernt, dass man sich Mühe geben muss, fürs Publikum besser auszusehen. Ich habe gelernt, abzunehmen und mich anzuziehen. Am Anfang dachte ich noch, am wichtigste sei das Singen. Das stimmt natürlich immer noch. Man kann sich aber auch mit allem anderen Mühe geben.

Morgenpost Online: Und die Welt hat gelernt, eine singende Brillenträgerin zu akzeptieren.

Mouskouri: Vor allem ich habe gelernt, eine singende Brillenträgerin zu akzeptieren. Man sieht heute überhaupt mehr Menschen mit Brille in der Öffentlichkeit.

Nana Mouskouri: Stimme der Sehnsucht. Meine Erinnerungen. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin, 528 S., 19,90 Euro.