Erst war er 1000 Meter Bahnenschwimmen in seinem Hallenbad, dann in der Dampfsauna, wo er sich immer nass rasiert. Schwarzbrot, Tomate, wenig Butter, Kaffee zum Frühstück. Nun sitzt er in einem knallroten Ledersessel in seinem weißen Wohnzimmer in Zürich - schade, dass man ihn nicht sieht.

Aber eigentlich will man ja eh nur die Stimme von Udo Jürgens hören: großes Gefühlskino für die Ohren. "Tag, Jürgens" grüßt sie schon am Telefon.

Morgenpost Online: Herr Jürgens, Sie sind der deutschsprachige Elvis ... Sinatra ... Jacques Brel ... Mozart...

Jürgens: (zufriedenes Lachen): Hahaha!

Morgenpost Online: Nur dass Sie noch leben. Wie ist das, wenn man selbst erlebt, wie man museal verwertet wird?

Jürgens: Da passe ich schon auf. Was immer an Angeboten kommt, Filme, Modekollektionen, Promotiondienste für kroatische Feriendörfer, bespreche ich mit meinem Manager. Freddy, sag' ich dann, hast du nicht das Gefühl, dass hier eine Vermarktung stattfindet, nur weil ich schon so lange lebe und immer noch da bin? Nein, ich will nicht in die Wurstmaschine.

Morgenpost Online: Normalerweise stehen Sie auf der Bühne, jetzt singen andere Ihre Songs im Musical "Ich war noch niemals in New York". Schmeichelhaft oder zeigt es einem, wie alt man ist?

Jürgens: Bei den Proben hatte ich eine Träne im Auge. Ich habe gemerkt, dass die Musik auch mich total berühren kann. Dabei wird einem die Tatsache, dass man älter wird, schon auch bewusst. Man spürt es ständig: beim Aufstehen mit steifen Gliedern, dem morgendlichen Blick in den Spiegel. Und wer das nicht zugibt, ist ein Heuchler. Es ist ein schmerzlicher Prozess, den ich noch nicht voll im Griff habe. Ich bemühe mich. Wenn ich arbeite, geht's. Aber wenn ich dann nach Hause komme, beschleichen mich, sobald ich mich ins Bett lege, so komische Gedanken.

Morgenpost Online: Komische Gedanken?

Jürgens: Man fragt sich, wie werde ich damit umgehen, wenn ich tatsächlich schon bald pflegebedürftig sein sollte? Das sind Ängste. Noch bin ich fit. Aber ich fürchte, ich bin am Anfang des Endes.

Morgenpost Online: Sie sind ein Klassiker. Begreifen das die ganz Jungen überhaupt noch?

Jürgens: Für die bin ich, glaube ich, so etwas wie der nette Onkel, dem sie ihre Probleme anvertrauen würden. Heute sind andere Typen gefragt. Der Leadsänger von Tokio Hotel, Bill heißt er, glaube ich, der hat die Schönheit von Liz Taylor ...

Morgenpost Online: Sie sehen auch noch gut aus.

Jürgens: Danke, aber ich bin, glaube ich, als Mann deutlich erkennbar. Und darin liegt genau das Geheimnis von Sängern wie Michael Jackson, die ihr Geschlecht eben nicht offenbaren, sondern Mädchen wie Junge sein könnten: Deren weibliche Fans fühlen sich nicht bedroht von einer männlichen Aggressivität, sondern hingezogen.

Morgenpost Online: Sind Sie gern Schlagersänger?

Jürgens: Dieses Wort hat mich früher geärgert, sehr sogar.

Morgenpost Online: Sie sind also gar nicht, was Sie sind?

Jürgens: Ich glaubte immer, etwas Besseres zu sein. Heute habe ich den Komplex überwunden.

Morgenpost Online: Udo Jürgens hat Tabus gebrochen: über Ehebruch, Scheidung gesungen.

Jürgens: Ich war auch ein sehr politischer Sänger, habe unbequeme Wahrheiten gewagt. Selbst die politischen Liedermacher der 68er sind nicht so weit gegangen wie ich. Nur durch meine ästhetische Verpackung hat man meine Texte nicht gleich wahrgenommen. Sie sind tief, auch ohne Presslufthammer.

Morgenpost Online: Kann ein Song die Welt verändern?

Jürgens: Er kann ein Baustein zum Umdenken sein. Meine Lieder wurden extrem in der DDR, im Osten gehört. Der Mauerfall hat ohne Frage sehr viel mit der Musik zu tun.

Morgenpost Online: Sie meinen, "Ich war noch niemals in New York" hat die Wiedervereinigung gebracht?

Jürgens: Dazu mitverholfen, schon möglich. Ich hab' damals "Atlantis sind wir" im Friedrichstadtpalast gesungen, da heißt es: "Der Riss durch Berlin, der lautlose Schrei in die Welt hinaus". Das Publikum ist aufgesprungen! Und in der ersten Reihe saß die gesamte Politprominenz, Mielke, Wolff. Machtlos.

Morgenpost Online: Die gängigste Tätigkeit Ihrer Fans zu Ihrer Musik: Putzen, Knutschen?

Jürgens: Ich weiß, dass meine Lieder im zwischenmenschlichen Bereich durchaus hilfreich sind ...

Morgenpost Online: Der beste Frauen-Verführsong?

Jürgens: "Merci Cherie". Der Lovesong par Excellence.

Morgenpost Online: Kriegt er heute noch Frauen rum?

Jürgens: Pardon, aber wer sich heute einbildet, eine Frau aufreißen zu können, der ist ein großer Dummkopf. Wenn überhaupt, kriegen die Frauen die Männer rum: Du kriegst ein Signal durch einen Blick, das ist dann die Aufforderung, vielleicht ein Gespräch anzufangen. Aber die Frau allein entscheidet, was passiert. Dumme Sprüche wie "Hallo, darf ich Sie zum Drink einladen" haben bis zu den 68ern funktioniert. Aber dann war Schluss.

Morgenpost Online: Immer noch cool, deutsch zu singen?

Jürgens: Das Coolste überhaupt. Die neue Generation wie Tokio Hotel hat unsere Sprache wieder belebt. Auf einmal überwindet sich der Schrecken der Vergangenheit. Die Jungen werden sich nicht mehr in Schuld grämen, sie werden deutsch sein, deutsch fühlen, deutsch singen. Jüdische Autoren kehren wieder zurück, in der Musik-, in der Filmbranche. Ich liebe Deutsch, weil es so präzise ist, obwohl sich Englisch leichter spricht: Da fällt die Sprache von selbst aus dem Mund. Das Wort "Looove" rollt doch nur so heraus.

Morgenpost Online: Wie viele Bademäntel haben Sie bis heute auf der Bühne verbraucht?

Jürgens: Auf jeder Tournee etwa zehn. Alle zehn Tage schmeiß' ich einen ins Publikum. Insgesamt waren es vielleicht 1600.

Morgenpost Online: Lassen Sie die nach Maß anfertigen?

Jürgens: Nein, ein Bademantel muss rumschlabbern. Ich bestelle meine immer in einer Bademantelfabrik, mal da, mal dort, wer das bessere Angebot macht. In Weiß. Links wird mein Name gestickt.

Morgenpost Online: Stehen Frauen so auf Bademäntel?

Jürgens: Es war in Hamburg, mein erstes Konzert. Nach 20 Minuten rief mich das Publikum noch mal raus, ich war bereits umgezogen. "Komm, zieh einfach den Bademantel über", hat mein Manager gesagt, "und geh noch mal raus, verbeug dich." Die Leute haben so getobt, als sie mich so sahen, dass ich mich noch mal ans Klavier gesetzt habe. "Das war so genial", hat mein Manager danach gesagt, "das solltest du immer machen." Heute ist die Frottee-Nummer Kult.

Morgenpost Online: Stimmt es, dass alle Frauen Mütter sein wollen?

Jürgens: Meist. Sie suchen den, der ihnen ruhig in die Augen schaut.

Morgenpost Online: Und was wollen kleine Mädchen?

Jürgens: Tanzen und Spaß.

Morgenpost Online: Vatergefühle für Britney Spears?

Jürgens: Mitleid. Sie hatte hübsche Lieder, war unglaublich süß anzusehen. Was ihr passiert ist, kenn' ich ein wenig: Mit 35 war ich in einer Krise. Ich kam mit dieser Karriere, die plötzlich weltweit begann, nicht klar - mit meiner Vergnügungssucht. Fast jeden Abend saß ich mit meinen Musikern in einer Bar. Wir haben unglaublich gebechert, Kette geraucht und all diese Dinge.

Morgenpost Online: Mädels aufgerissen wie Bierdosen ...

Jürgens: Die uns! Ich bin kein Aufreißer. Ich habe mein ganzes Leben noch keine Frau angesprochen.

Morgenpost Online: Herr Jürgens, bitte!

Jürgens: Nein, ich würde immer erst auf ein Signal von ihr warten. Aber das Signal kommt ...

Morgenpost Online: Udo Jürgens' längste Zeit im Bett?

Jürgens: Bin kein Betttyp: zwölf Stunden, weder krank noch allein.

Morgenpost Online: Mal ehrlich, was macht mit 73 Jahren mehr Spaß: Sex oder Essen?

Jürgens: Man muss zugeben, dass das Verlangen nach körperlicher Liebe im Alter schwächer wird, erst recht bei Männern. Der Mann muss ja eine ganz andere Leistung bringen als die Frau, das ist viel anstrengender. Mit 40 hatte ich

immer Angst, dass im Alter gar nichts mehr klappt. Es ist anders: Der Wunsch lässt nach, so ab 60. Aber wenn er da ist, ist es nach wie vor ein herrliches Gefühl. Ich habe heute nicht mehr Lust wie früher, ständig in irgendeiner Form Körperlichkeit zu erleben. Mit 73 lese ich genauso gern ein Buch. Wichtig ist, dass man sich pflegt! Und Sex nie ganz vergisst, sonst schläft alles ein.