Filmfestspiele

Cannes wartet auf Robin Hood und Ceausescu

Beachtlicher Star-Auflauf in Cannes: Michael Douglas, Russell Crowe und Cate Blanchett werden den Roten Teppich schmücken.

Im Astor am Berliner Kurfürstendamm beginnt ein interessantes Experiment. Das Luxus-Kino - mit Lounge-Sesseln und Catering an den Plätzen - überträgt die Eröffnung der Festspiele von Cannes, roter Teppich und Zeremonie inbegriffen. Im Anschluss bekommen die Zahlenden im Astor das Gleiche zu sehen wie die Geladenen im Filmpalast an der Croisette: "Robin Hood".

Das Astor-Experiment ist mehrfach bemerkenswert. Da besetzt das Kino dank seiner neuen Digitaltechnologie plötzlich ein Feld, das für immer seinem Rivalen, dem Fernsehen, vorbehalten schien, nämlich das der Live-Übertragung. Da versetzt Cannes dem alten Festivalrivalen Berlinale an dessen Heimatstandort einen kleinen, bösen Nadelstich.

Und da erprobt sich der Wert einer Marke: Außer Cannes besitzt wohl kein Filmfestival das Selbstbewusstsein (oder die Hybris), darauf zu vertrauen, seine Eröffnungszeremonie könnte im Ausland ein Publikum ins Kino locken.

Der Kern der "Marke" besteht in dem Prinzip, dass Glamour und Kunst sich gegenseitig befruchten - im Idealfall. Thierry Frémaux, der Festivaldirektor, hat allerdings schon zugegeben, die Auswahl sei dieses Jahr schwieriger als sonst gewesen - eine Konsequenz der Krise von 2008, die sich im Kino erst jetzt auswirke, weil Kinofilme eine lange Vorlaufzeit haben.

Ein Blick auf den Wettbewerb stimmt leicht skeptisch. Es gibt viele Wettbewerbs-Routiniers: den Iraner Abbas Kiarostami (aber ohne aktuellen Stoff aus seiner Heimat, sondern mit Romanze aus der Toskana), den Franzosen Bertrand Tavernier, den Mexikaner Alejandro González Inárritu, den Japaner Takeshi Kitano, den Russen Nikita Michalkow, den Briten Mike Leigh.

Einem Film - "Die Sonne, die uns täuscht 2" von Michalkow - eilt aus seinem Heimatland ein schlechter Ruf voraus. Andere Filme - wie Mike Leighs "Another Year" - klingen in der Zusammenfassung wie aufgewärmte Leib- und Magengerichte aus der Küche des Regisseurs: "Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Familie und Freundschaft. Liebe und Wärme. Freude und Traurigkeit. Hoffnung und Verzweiflung. Kameradschaft. Einsamkeit. Eine Geburt. Ein Todesfall. Die Zeit vergeht ..." Doch urteilen wir nicht vorschnell. Gerade Mike Leigh hat mit seinem vorhergegangenen Film "Happy-go-Lucky" alle überrascht.

Wie dünn die Filme mit Wettbewerbsqualität gesät gewesen sein müssen, lässt sich an der Bekanntgabepolitik ablesen. Normalerweise steht das Feld bei der Programmpressekonferenz drei Wochen vor Festivalbeginn felsenfest. Diesmal kündigte Frémaux ausdrücklich an, mit Nachmeldungen sei zu rechnen.

Die trafen auch ein, zuletzt noch vor zwei Tagen "Route Irish", Ken Loachs Abrechnung mit dem Irakkrieg. Solche Ankömmlinge in letzter Minute sind in Cannes höchst ungewöhnlich, wenn auch nicht beispiellos: Yilmaz Güneys "Die Mauer", Andrej Wajdas "Mann aus Eisen" und Abbas Kiarostamis "Der Geschmack der Kirsche" kamen kurz vor Toresschluss - und gewannen die Goldene Palme.

Für den Meisterwarteten ist es allerdings definitiv zu spät: Terrence Malicks dem Vernehmen nach epochenumspannender "Tree of Life" mit Brad Pitt und Sean Penn, auf den Cannes lange gehofft hatte, wird nicht rechtzeitig fertig.

Wenn schon nicht Brad Pitt, so erwartet der Rote Teppich immerhin Michael Douglas und Shia LaBeouf (für Oliver Stones "Wall Street"-Fortsetzung, in der Finanzier Gordon Gekko an die Märkte zurückkehrt), Antonio Banderas und Anthony Hopkins (in der Woody Allen-Romanze "You will meet a tall dark Stranger") und natürlich "Robin Hood" Russell Crowe und seine Jungfer Marion Cate Blanchett.

Sean Penn wird, wenn schon nicht für "Tree of Life", so doch für "Fair Game" anwesend sein, der wahren Geschichte der CIA-Agentin Valerie Plame, die von der Regierung Bush verraten wurde, weil ihr Mann aufgedeckt hatte, dass die Begründung für den Irakkrieg eine Lüge war.

Die (vorhersehbaren) Events liegen eher außerhalb des Wettbewerbs. Da wäre zunächst das Fünfeinhalb-Stunden-Epos von Oliver Assayas über den Terroristen "Carlos", das mit Ausnahme der Titelrolle von deutschen Schauspielern dominiert wird: Alexander Scheer, Nora von Waldstätten, Christoph Bach, Julia Hummer.

Aus einem der aufregendsten Filmländer der letzten Jahre, aus Rumänien, kommt "Die Autobiografie von Nicolae Ceausescu", worin Andrej Ujica mit Hilfe dokumentarischer Aufnahmen ein Porträt des Diktators montiert. Und das eher schwach vertretene deutsche Kino setzt seine Hoffnungen auf Christoph Hochhäuslers "Unter dir die Stadt" - möglicherweise der Parallelfilm zu "Wall Street": Ein Frankfurter Banker schafft einen Untergebenen aus dem Weg, damit er eine Affäre mit dessen Frau beginnen kann.

Nostalgiker können sich in Cannes auch den Director's Cut der "Blechtrommel" ansehen, mit dem Volker Schlöndorff endlich dem Drängen von Mario Adorf nachgegeben hat, seine damals arg beschnittene Rolle wiederherzustellen.