Klassiker-Fortsetzung

"Wall Street 2" verkommt zu Murdoch-Mainstream

In den 80er-Jahren war Michael Douglas als Gordon Gekko der Inbegriff des skrupellosen Spekulanten. Jetzt kehrt er in "Wall Street 2 zurück. Doch Regisseur Oliver Stone hat sich verzettelt. Er verwässert seine Kapitalismus-Anklage durch Mainstream-Zugeständnisse. Sein Auftraggeber ist schließlich Rupert Murdoch.

"Gier – ein besseres Wort fällt mir nicht ein – ist gut. Gier funktioniert. Gier klärt die Dinge, schneidet mitten hindurch und verkörpert die Essenz des Geistes der Evolution. Gier in allen seinen Formen – nach Leben, Geld, Liebe, Wissen – war unentbehrlich für den Aufstieg der Menschheit.“

Dies ist eine der berühmtesten Ansprachen der Filmgeschichte, gehalten von Michael Douglas in „Wall Street“, vor fast einem Vierteljahrhundert, als die Markt-„Reformen“ von Reagan und Thatcher die Börsen zum ersten Mal auf Speed setzten.

Zwanzig Jahre später hält Michael Douglas’ Finanzhai Gordon Gekko wieder eine Rede. Er kommt aus dem Gefängnis, wo er wegen Insidergeschäften einsaß, er hat bei der Entlassung seine Habseligkeiten zurückbekommen (darunter ein Monstrum von Mobiltelefon) und ist am Tor von Sing Sing nicht abgeholt worden. In die Stretchlimousine, die vorfährt, steigt ein Rapper.

Gekko tut, was einem bleibt, wenn einem nichts geblieben ist als ein anrüchiger Name: Er schreibt ein Buch, Titel „Ist Gier gut?“ Er geht auf PR-Tournee und hält Vorträge. „Ihr gehört zur Ninja-Generation“, ruft er seinem verunsichert lachenden jungen Publikum zu. „No income, no job or assets.“ Die Spekulation sei eine Massenvernichtungswaffe, eine weltweite Krankheit, ein Krebs. Klare Worte für das Jahr 2007. Oliver Stones „Wall Street“-Fortsetzung, die jetzt außer Konkurrenz in Cannes Premiere hatte, beginnt, als die Blase noch nicht geplatzt ist.

Zu soviel Klarheit wird der Film nie mehr zurückfinden, denn nun beginnen die Gesetze des Mainstreamfilms zu greifen, welche die Gesetze des Marktes sind. Dem Mittsechziger Michael Douglas wird ein Jungstar zur Seite gestellt, Shia LaBeouf, der einen Börsier der neuen Generation spielt; im Gegensatz zu den Finanzjongleuren handelt Jake mit „ethischen Papieren“ für grüne Energie.

Dieser moralische Aspekt macht ihn akzeptabel für seine Freundin Winnie (Carey Mulligan), der Börsianer eigentlich ein Gräuel sind. Winnie hört auch noch auf einen klingenden Nachnamen: Gekko heißt sie, ausgerechnet.

Eigentlich ist „Wall Street 2 – Geld schläft nie“ in jenem Moment gehirntot, in dem wir erfahren, dass Winnie Gordons Tochter ist. Von da an regieren die Regeln des familiären Melodramas, und die Krise verkommt zeitweise zur Kulisse. Die Tochter ist dem Vater gram, weil er aus dem Gefängnis nicht verhindert hat, dass ihr Bruder sich zu Tode fixte; das ist ein ähnlicher Popanz, wie ihn der chinesische Wettbewerbsfilm „Chongqing Blues“ aufbaut, wo ein Mann seine Frau verlässt und für alles verantwortlich gemacht wird, was der Sohn fünfzehn Jahre später anstellt.

Das amerikanische Kino hat die häufig nützliche, hier aber fatale Tendenz, alle Konflikte aufs Familiäre herunterzubrechen. Das Gebilde Börse jedoch wird von Profitinteressen regiert, von mathematischen Formeln und Computerprogrammen. Ein Film, der versucht, dem Phänomen Spekulation mit Vater/Tochter/Schwiegersohn-Rührseligkeit beizukommen, kann nur scheitern; am Schluss bemühen die Autoren Allan Loeb und Stephen Schiff auch noch eine Schwangerschaft, bekanntlich die Bankrotterklärung eines jeden Skriptes, das nicht mehr weiter weiß.

Zwei Seelen scheinen in der „Wall Street 2“ Brust zu wohnen – die des klarsichtigen Analytikers Oliver Stone, und die des Rupert-Murdoch-Konzerns News Corp, der auch mal gern einen Film über die Krise ins Kino bringt, solange der mehr unterhält als anklagt. Diese Gespaltenheit zieht sich durch den gesamten Film, bis hin zur Kamera, welche die Wolkenkratzer-Skyline so unvermindert ikonisch in Szene setzt, als seien diese Geldtürme nie zusammengesackt.

Am Donnerstag lief in Cannes der Film „Housemaid“ des Koreaners Im Sangsoo; ein reicher Geschäftsmann regiert daheim, wie es ihm gefällt, und die Frauen des Hauses zerfleischen sich gegenseitig. Wir haben keine Ahnung, welche Geschäfte er tätigt, aber er könnte problemlos von Beruf ein Börsenmagnat sein: „Er hat nie Grenzen gezeigt bekommen. Er bekam stets alles, was er wollte“, beschreibt ihn der Majordomus.

Das ist, in Kürze, auch die jüngere Geschichte der Wall Street, von Gordon Gekko und seinem Nachfolger als Oberschurken, dem Investmentbanker Bretton James, den Oliver Stone von Josh Brolin spielen lässt; eine listige Besetzung, verkörperte Brolin in „W.“ für Stone doch auch schon George W. Bush.

Stones Original-„Wall Street“ wurde zum Erfolg, weil sich die Achtziger in dem „Es ist cool, für Profit auch über Leichen zu gehen“-Lebensgefühl mit perverser Faszination wieder erkannten. „Wall Street 2“ obliegt die viel schwierigere Aufgabe, den Katzenjammer danach zu reflektieren.

Der neue Stone tut das, in all seiner Unentschlossenheit und Verwässertheit, vielleicht erfolgreicher, als wir das wahrhaben wollen. Die Politik ist, zwei Jahre nach dem Platzen der Blase, noch keinen Schritt bei der Zähmung der Bestie Markt weiter gekommen.

Und wir, die Sparer, haben dieses Wirtschaften gründlich satt und klammern uns doch an die Hoffnung, es könne weitergehen wie bisher – Kleinausgaben der guten Winnie Gekko, die eine linke Webseite betreibt, aber zur Sicherheit noch hundert illegale Millionen ihres Vaters auf einem Schweizer Konto lagern weiß.