Carolina Agüero ist eine selbstbewusste junge Frau. Als Tänzerin vermag sie sich dennoch sehr gut in die Rolle der Emilia zu versetzen, die in emotionaler Abhängigkeit von Jago alles tut, um diesem Mann zu gefallen und schließlich einen verhängnisvollen Verrat begeht. „Interessant“ findet Agüero die Beweggründe der Figur, die zwar innerhalb der Dreiecksbeziehung von Desdemona, Othello, Jago eine Außenseiterposition einnimmt, die vielschichtige Psychologie in John Neumeiers Interpretation von Shakespeares tödlich endendem Eifersuchtsdrama „Othello“ aber entscheidend beeinflusst.

In zwei Aufführungen, am 29. Februar und am 3. März, wird die aparte Argentinierin mit den großen dunklen Augen in der Wiederaufnahme von Neumeiers „Othello“-Ballett auf Kampnagel als Emilia zu sehen sein. Ihr Jago ist Alexandre Riabko. „Sie liebt ihn. Sie braucht ihn. Obwohl er sie schlecht behandelt. Ich denke, es gibt viele Menschen auf der Welt, die für ihren Partner alles tun würden.“ Sie selbst, sagt sie, habe das Glück, dass ihr Mann ein guter und netter Mensch sei. Und er ist, genau wie sie, von Beruf Tänzer. 2006 wurden Carolina Agüero und ihr Mann Dario Franconi, die beide aus dem argentinischen Córdoba stammen, als Solisten ans Hamburg Ballett engagiert. Seit 1996 sind sie ein Paar und haben die längste Zeit ihrer Karriere gemeinsam bestritten.

Vor Hamburg tanzten beide sechs Jahre lang beim Finnischen Nationalballett. Bei der Audition in Finnland habe damals niemand gewusst, dass sie verheiratet sind. Drei Tänzer wurden ausgewählt, darunter sie beide. Für Agüero ein gutes Zeichen, dass sie unabhängig voneinander überzeugen. In Finnland haben sie John Neumeier kennengelernt, als er mit dem dortigen Ensemble sein Ballett „Die Möwe“ einstudierte. Agüero tanzte die Mascha, eine emotional zerrissene Person, mit deren hingebungsvoller und höchst sensibel gezeichneter Interpretation sie im vergangenen Herbst auch das Hamburger Publikum tief berührte. Die Arbeit war ausschlaggebend für den Wechsel, obwohl sich Agüero, die in Finnland bereits Erste Solistin war, in Hamburg vorerst mit einer Solistenstelle zufrieden geben musste.

Im Sommer 2007 gab es eine Überraschung

Doch man habe ihr erklärt, dass in Neumeiers Compagnie die Rollenvergaben nicht unbedingt streng hierarchisch verlaufen. „Ich denke, er wählt die richtige Person für einen jeweiligen Part und gibt selbst jungen unbekannten Ensembletänzern eine Chance. Das finde ich gut.“ Künstlerisch sei der Wechsel allemal für sie die beste Entscheidung gewesen. Und dann, auf Gastspielreise in Oberammergau – die Spielzeit war eigentlich schon gelaufen – folgte im Sommer 2007 eine Überraschung: John Neumeier kürte Carolina Agüero zur Ersten Solistin. Im Alter von drei Jahren hatte Carolina mit dem Tanzen begonnen. Folklore, später kamen Ballett, Stepptanz, Flamenco hinzu.

Übersteigerter Ehrgeiz versteckte sich weniger dahinter, vielmehr glaubte ihre Mutter, die selbst ein paar Jahre getanzt hat, die unbändige Energie ihrer Tochter mit dem Tanz zähmen zu können. Mit zwölf Jahren fiel dann die Entscheidung für das Ballett und für eine berufliche Laufbahn als Tänzerin.

Die klassische Technik und ein Großteil des Repertoires hatte sie sich bei Engagements in Argentinien und Chile bereits angeeignet, bevor sie 1998 nach Europa kam. Das Stuttgarter Ballett und das Ballett Dresden waren erste renommierte Stationen. Bis dahin hatte sie ausschließlich klassisch getanzt, Technik war wichtig. Heute, mit 32 Jahren, reizt es sie vor allem, die Emotionalität in einer Rolle zu finden, deren Motivation zu ergründen, zu erkennen, was eine Figur antreibt. Die Julia in John Crankos „Romeo und Julia“, die Mascha in der „Möwe“ waren erste Schritte in eine neue Richtung. Und nun die Emilia in Neumeiers „Othello“. Ist es die Psychologie oder die Choreografie, über die sie sich einer Rolle nähert? „Es muss beides ineinander fließen.“ Besonders weil auf Kampnagel eine sehr intime Bühnensituation herrsche.

Noch hat sie die Kulturfabrik, in der 1985 die Uraufführung des „Othello“ den „Mythos Kampnagel“ entscheidend mit geprägt hatte, nicht gesehen. Die Proben dort beginnen nächste Woche. Doch weiß sie, dass es in Neumeiers Stücken immer darum geht, möglichst natürlich zu agieren. „Ich denke, man muss selbst davon überzeugt sein, was und wie man spielt.“ Und was die Ehrlichkeit ihrer Darstellung angeht, gesteht sie, sei ihre Mutter ihre aufrichtigste Kritikerin.