Richard Strauss auf der Ballettbühne? Fehlanzeige! Die großen sinfonischen Partituren, Alpensinfonie, Zarathustra, Don Juan, Eulenspiegel, Tod und Verklärung usw. müssen die Erben erst ab Erlöschen der Schutzfrist 2019 zähneknirschend auch für den Tanz zulassen. Bis dahin bleiben die drei genuinen Strauss-Ballette übrig, die man nur mit spitzen Choreografenfingern anfassen mag: „Schlagobers" – eine auf Vollfettstufe tanzende Konditorei, „Verklungene Feste", eine Couperin-Bearbeitung als Weltflucht mitten im Zweiten Weltkrieg, und schließlich die sacharinsüße, celestaüppige, geigensatte Bibelpantomime „Josephs Legende" - von Diaghilev, Bakst, Fokine, Harry Graf Kessler und Hofmannsthal erdacht und uraufgeführt im Mai 1914 in Paris als letztes kulturelles sich Aufbäumen am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Ein trotzig schöngeistiges Manifest über eine Welt, die plötzlich von Gestern war.

John Neumeier, einer der letzten mit der gesamten (Ballett-)Musikgeschichte kreativ agierender Choreografen, hat nun die „Josephs Legende" – nach 1977, 1979 und 1980 - zum vierten Mal neu herausgebracht. Und jetzt, nach mehr als 30 Jahren, ist dieses Ausstattungsstück perfekt. Fast.

Eine Stunde lang die „Josephs Legende"

Die Eröffnung der 34. Hamburger Ballettwoche als Strauss-Doppel-Whopper. Nur in der falschen Reihenfolge. Früher, in Wien, Hamburg und München, hat Neumeier den im Original von Ernst Fuchs fantastisch realistisch, aber optisch überinstrumentierten Einstünder „Josephs Legende" eingangs mit Kontrastivem ergänzt; meist mit Werken auf Musik des ach so nüchtern objektiven Bach. Nun hat er für das orchestral von Christoph Eberle und den Hamburger Philharmonikern gekonnt klangsatt aufgeschäumte Werk den denkbar besten Füller gefunden – eben jene „Verklungenen Feste" von 1941, dieses „The Party is over" als wehmütig wissenden Abgesang auf ein Jahrhundert mit Mitteln der Vergangenheit. Als zweites Stück des gefeierten Abends gerät das freilich zu dezenten Antiklimax.

Denn diese raffiniert verfälschende, ergänzende und anhübschende Tanzsuite à la Manière de Couperin ist nur einerseits eine pseudobarock aufgerüschte, weitere Weltflucht von Richard Strauss, der Zeit seines Lebens als so gebildeter wie angewiderter Eskapist vor der Moderne, dem gemeinen Volk (das aber Eintritt zahlen sollte) und schließlich vor dem Krieg davon lief.


Andererseits breitet sich hier ein raffiniertes Farbenspiel aus, eine Musterbeispiel könnerischer Instrumentierungskunst. Das John Neumeier gern und stimmungsvoll aufnimmt. Katerstimmung zwischen Backstein- und Goldwänden. Die Champagnerflaschen sind leer, das Büffet wird abgeräumt. Das Beziehungsfeuer ist ebenfalls erloschen, doch vereinzelte Paare, fünf Soloduos und 14 Gruppentänzer, bewegen sich im Zwielicht weiter, im letzten temperamentvollen Aufbäumen oder einfach als Beschäftigungstherapie vor dem Unsagbaren der totalen Katastrophe, dem Ende der Zivilisation.

Einer tanzt aus der Reihe

Plötzlich tanzt der blonde Ivan Urban aus der Reihe, vertauscht seine elegante Smokingjacke mit dem feldgrauen Soldatenrock. Er ist klar, wo das hin führen wird. Am Ende liegt einer bewegungslos da, die anderen, alle uniformiert, neben den Frauen in ihren Jersey-Abendkleidern in Rottönen, stehen eng geschmiegt an der jetzt geschlossenen Brandmauer.

Die so zeitlos artifizielle, sich in den zitierten Klängen des Ancien Régimes selbst spiegelnde Strauss-Partitur hat nun einen doppelten Boden, das Zwielicht ihrer musikalischen Stimmung als Götterdämmerschein des Abendlands vor dem schwärzer werdenden Schatten des Krieges. Neumeier bewältigt dies elegant beiläufig, ohne jede pathosschwangere Bedeutungshuberei. Die wehmütige Andeutung als Verstärkung, tiefstapelnd gehaltvoll inszeniert - und darum umso stärker nachwirkend.

Eigentlich müsste jetzt die „Josephs Legende" folgen, als nun verständnisvoll genossene Apotheose eine fernen Zivilisation, die bereits ein Weltkrieg früher ausgelöscht hat. Doch Neumeier platziert seinen eigentlich nur in den Gruppenszenen veränderten, modernisierten und intensivierten Klassiker bereits vor die Pause. Der jetzt, zielgerichtet überarbeitet, von ihm selbst in dezenter Adolph-Loos-Sachlichkeit ausgestattet, straffer, heutiger, moderner wirkt - trotz des schein-heiligen Themas; denn natürlich diente die (vergebliche) Verführung des keuschen Joseph durch Potiphars Weib schon seit der Barockmalerei und bis Thomas Mann, und erst Recht auch in diesem, einst für den Star-Tänzer Vaslav Nijinski konzipierten, schließlich vom blutjungen Leonide Massine getanzten, renaissancehaft üppigen Tableau vivant, als kaum sublimierter Sinneskitzel.

Wunderbare Kostüme sind zu sehen

Nüchtern kostbar, geradlinig und mehrdeutig sind vor allem die die den ganzen Abend souverän beherrschenden Kostüme von Albert Kriemler, dem Designer des Schweizer Couture-Labels Akris. Neumeier, der Kriemler erstmals 2006 im Tanzbeitrag für das Wiener Neujahrskonzert begegnete, setzt so seine mit Jil Sander und Giorgio Armani begonnene Ausstattungsseitenlinie mit minimalistischen Modeklassikern fort. Kriemler brilliert dabei erstmals auch in der Herrenmode; vor allem seinem neun, von rubinrot bis smaragdgrün hinreißen changierenden, dabei zart fließenden Abendroben für die neun Damen auf Potiphars Fest sind eine Augenweide.

Im Gegensatz zum vom Ur-Joseph Kevin Haigen verkörperten Ideal aus Unschuld und juveniler Kraft, tanzt Alexandre Riabko den Joseph mit feinsinniger Reife und edler Linie, auch der noble, unverkitsche Engel in seinem beigen Bauhaus-Hängerchen wird von Edvin Revazov mit raumgreifenden Sprüngen und sicheren Drehungen in die himmlisch heldische Traditionslinie Ivan Liskas gestellt.

Die homoerotischen, in der Apotheose nun deutlich abgeschwächten Untertöne diese leichbekleideten Männerduos - zu dem diesmal der aufgewertet ebenbürtige Amilcar Moret Gonzales als Potiphar stößt, werden abgefangen von Kusha Alexi als Frau Potiphar. War die in Gestalt von Judith Jamison einst eine ebenholzfarbene Stele der kaum unterdrückten Lust, Außenseiterin und verstörend Fremde, so verkörpert die bleiche, blonde Alexi nun perfekt bis in die dünnen Fingerspitzen die zum Lodern gebrachte Frigidität der unausgefüllten, sinnsuchenden Gattin.

Drei DVDs mit Neumeiers Werken

Mit seiner 136. Opuszahl samt älterer Variante ist das längst unüberschaubare Neumeier-Oeuvre um einen gewichtig-sinnhaftigen Doppelschlag reifer. Deshalb war es wohl auch, als äußerlicher Anlass steht höchstens der 35. Jahrestag in Hamburg an, Zeit für eine neuerliche Retrospektive zwischen Buchdeckeln und in digitaler Form. Fast gleichzeitig erscheinen drei DVDs mit den sechs, 1977 und 1981 für die ARD im Studio Hamburg aufgezeichneten Ballett-Werkstatt-Ausgaben sowie ein 600-Seiten-Wälzer als üppig bebilderter Arbeitsbericht.

Der zwanglos pädagogische Einführungsklassiker, in dem Neumeier nichts nur wegen seiner gepflegt imperfekten Anglo-German-Grammatikpirouetten regelmäßig zur großen Form aufläuft und der heute längst bei Ausgabe 178 angekommen ist, informiert nicht nur solide in prägnanten Beispielen über solche Ballettessentials wie den Spitzenschuh, den Pas de Deux, das romantische sowie das sinfonische Ballett und den tanzenden Mann, er bringt auch ein Wiedersehen mit den bis heute das Image des Hamburg Ballett prägenden, von den wackeren Protagonisten der aktuellen Bühnenrealität nur selten überstrahlten Stars von früher, Neumeiers Alster-Pioniergeneration eben. Ein einfühlsames TV-Portrait über den Hamburger Ballettdirektor und eine neue Einführung ergänzen die Trio-Box, die mit ihren ruhigen, doch richtigen Einstellungen und ihrer Zeit zum Zuhören eine Wohltat im hektischen Kulturbildersalat von heute ist.

Gesichter von einst, prägende Momente des Anfangs, wiegen auch schwer in Neumeiers umfassend ausgebreiteten, oft grüblerischen und dezent selbstzweifelndem Rechenschaftsbericht über 420 Monate Ballettherrschaft in Hamburg, in denen zum Heute hin die kreativen Schübe immer weniger, die Routine, schlimmer noch: der Stillstand, breiteren Raum einnimmt.

35 Jahre als Direktor in Hamburg

Neumeier, das machen auch seine Probennotate in dieser fragmentarischen Autobiographie deutlich (die beim "Peer Gynt" von 1989 bis zu 34 Seiten umfassen), hat sich neben dem Choreografieren für Frauen wie Männer gleichermaßen immer auf Ziele konzentriert: Erst die Direktionen in Frankfurt (1969-73) und Hamburg (ab 1973), dann die Neuschaffung von Handlungsballetten, wobei ihm einige, vielfach nachgetanzte Klassiker der jüngsten Zeit gelungen sind. Es gibt die Linie der religiösen Ballette des gläubigen Katholiken, die wiederholte Beschäftigung mit Nijinski (auch nächste Spielzeit), die ihn die weltweit größte private Ballettsammlung mit über 27000 Objekten hat zusammentragen lassen.

John Neumeiers Vertrag läuft vorerst noch zwei Jahre, er ist jetzt 66 Jahre alt. Er ist dabei, sein Haus zu bestellen, das machen jetzt auch diese audiovisuellen Retrospektiven zum Blättern und Schauen deutlich. Das Ballett ist in Hamburg längst opernunabhängig, das Trainingszentrum samt Schule trägt seinen Namen. Jetzt möchte der Ehrenbürger zudem noch seine musealen, den Rahmen der neuen Winterhuder Villa schon wieder sprengenden Schätze unter Dach und Fach wissen. Drei Millionen Euro Spenden braucht er, dann wird die Stadt 1,5 Millionen Euro dazu beisteuern. Das sollte in absehbarer Zeit zu schaffen sein.

Viel schwieriger wird es, zu überlegen, wer einmal John Neumeier, den Kapitänssohn aus Milwaukee, auf der Hamburger Tanzbühnen ersetzten könnte. Da ist er längst sein eigenes Denkmal zu Lebzeiten geworden.

John Neumeier: In Bewegung. Collection Rolf Heyne , München . 135 Euro

John Neumeiers Ballettwerkstatt 3 DVDs. ARD-Video.