Schon mehrmals hat John Neumeier einen Mode-Designer als Kostümbildner für sein Ballett engagiert: 1990 realisierte er "Mozart 338" mit Jil Sander, 1998 entwarf Giorgio Armani die Kleider für "Bernstein Dances". Nun hat Hamburgs Ballettchef wieder einen Kreativen aus dieser Branche engagiert. Seine Wahl fiel auf Albert Kriemler, Chef des luxuriösen Schweizer Modelabels Akris. Für seine Mode ist die Architektur eine wichtige Inspirationsquelle. Am kommenden Sonntag sind Kriemlers Kostüme an der Hamburgischen Staatsoper zu sehen - in der Neufassung der Neumeier-Choreografie "Josephs Legende/Verklungene Feste".
Wie kann Architektur einen Modemacher inspirieren? Diese Frage beantwortet der 47-Jährige ganz gelassen, und das kann er auch, seit Computer-Technologie und Beton eine körperähnliche Bauweise à la Frank O. Gehry möglich gemacht haben. "Ich habe versucht, auch in diese Kostüme meine Zeitgeist-Haltung einzubringen. Es ist nämlich eine architektonische Grundhaltung, die meine Kleider prägt."
Kriemler meint damit den "grafischen Aufbau" seiner Schnitte. Den Begriff Architektur benutzt er in einem eher abstrakten Sinn: Am nächsten liegt ihm derzeit die Ästhetik des Wiener Architekten Adolf Loos, der "die Kritik dem Ornament gegenüber gelebt hat". Die amerikanische Bar, die Loos 1906 in Wien schuf, ist für Kriemler ein Paradebeispiel für Schönheit und ausgewogene Proportionen. Ähnlich klassisch, aber auch ähnlich diskret-mondän wirken seine Kleider.
Rund 31 Jahre sind vergangen, seit John Neumeier 1977 "Josephs Legende" in Wien herausbrachte. Ein aufwühlendes Tanzdrama, das damals hohe Wellen schlug und die Karriere des Amerikaners beflügelte. "Ein Ballett, das nach langer Zeit wieder aufgenommen wird, muss auf seine Gültigkeit hin geprüft werden", sagt Neumeier. "Dabei handelt es sich um grundsätzliche Dinge, die ich früher nicht so deutlich sah wie heute. Die meisten Solo-Stellen werden aber nicht verändert. Damals inspiriert durch den jungen Kevin Haigen und die besonders erfahrene Judith Jamison, sind sie für mich nicht wegzudenkende Bestandteile des Werks - nach wie vor. Alles andere wird neu choreografiert."
Im Mittelpunkt des Balletts "Josephs Legende" steht die biblische Geschichte vom Hirten Joseph, der von der in ihrer Ehe unglücklichen Frau Potiphars verführt wird. In dieser Zeit wird sie Zeugin der spirituellen Wandlung von Joseph, der aufbricht, um einer höheren Mission zu folgen. Er wendet sich von der irdischen Liebe ab, um Gott näher zu sein - die Geschichte einer Vergeistigung.
1977 hatte Neumeier den Wiener Maler und Architekten Ernst Fuchs als Ausstatter gewonnen, der einen fantastischen, von mystischen Traumwelten inspirierten Stil vertrat. Seine Kostüme erinnern heute, eine Generation später, allerdings eher an einen Sandalenfilm.
"Dieses Mal will ich das Sujet mit einem Modeschöpfer in die heutige Zeit übertragen, der die gedachte Eleganz der Veronese-Zeit in einer schlichten, modischen Sprache ausdrückt", sagt John Neumeier. Der Choreograf selbst kreiert diesmal das "äußerst reduzierte" Bühnenbild, "um die Elemente des Tanzes noch stärker hervortreten zu lassen". Die Figuren werden nicht mehr von Diaghilev und den Ballets Russes inspiriert sein, wie 1912 bei dem Autoren-Duo Harry Graf von Kessler und Hugo von Hofmannsthal, sondern sie werden einer globalisierten, postmodernen Gesellschaft angehören.
Albert Kriemler ist ein schmalgliedriger Mann, dessen braune Augen sanft und freundlich durch die dominante Brille blicken. "In seinen Kreationen bemerke ich eine schlichte Klarheit, einen klassischen künstlerischen Wert in seinem Gefühl für Linien und Silhouetten, für Farben und Stoffe - ein sehr subtiler Modeschöpfer", sagt John Neumeier über ihn.
Um seine Ballettkostüme entwerfen zu können, hat Kriemler immer wieder die Musik gehört, die Geschichte und zeitgenössische Beschreibungen gelesen: "Allein Richard Strauss' Musik zu 'Verklungene Feste' ist einfach fantastisch", sagt er. Er habe sich "sehr eng an Inhalt und Charakter der Figuren gehalten", doch letztlich gehe es auch in "Josephs Legende" um "normale Lebensthemen".
Die musikalischen Farben visualisiert er in den Kostümen: Zehn Paare werden in "Verklungene Feste" einen Farbreigen tanzen, gekleidet in fließenden Jersey, der jede Bewegung mitmacht.
Seine Arbeit als Modedesigner will Albert Kriemler nicht von der als Kostümbildner trennen, für ihn gibt es da keinen großen Unterschied. Selbst wenn er jetzt erstmals auch Männer einkleiden musste. "Jedes Kostüm muss bequem sitzen. Nichts darf steif sein, denn alles, was steif ist, verliert an Modernität."
"Der Stoff spielt für den Look eine enorme Rolle", weiß Albert Kriemler. Als er vor einigen Monaten auf einer Stoffmesse einen besonderen Seiden-Jersey entdeckte, war er vollkommen begeistert, weil er sich sofort vorstellen konnte, wie er auf der Bühne in Verbin-dung mit Bewegung zur Geltung kommt. "Der fällt super und hat einen tollen Glanz!"
In ständigem Dialog mit John Neumeier sind die Kostüme fertig geworden. "Der rege Austausch ist das Interessante an dieser Arbeit. Man merkt einfach, dass John viele Kostüme entwickelt hat. Er entscheidet schnell und hat einen ausgeprägten Farbsinn."
Vor gut einem Jahr hatte John Neumeier den Schweizer Designer offiziell gefragt. Seitdem war Kriemler viele Male in Hamburg, für Gespräche, Anproben, Probenbesuche. "Ich habe meine Entwürfe natürlich so vorbereitet, dass sie für ein Ballett funktionieren. Mit Schlitzen und Falten in den Röcken. Aber am Ende interessiert mich das Bild. Ich achte zum Beispiel sehr darauf, welcher Tänzer welchen Teint hat und welche Farbe dazu am besten passt. Sehr wichtig ist schließlich der visuelle Gesamtauftritt."
Das hätten Kostüme gemeinsam mit einer Kollektion, sagt Albert Kriemler. Fast jeden Monat entwirft sein Haus in St. Gallen eine neue. Meist stehen diese Kollektionen unter einem bestimmten Thema: Anregungen lieferten etwa das Werk des italienischen Malers Giorgio Morandi oder die Arbeit der "Wiener Werkstätten". Zweimal im Jahr zeigt Kriemler seine Arbeiten in Paris bei der Prêt-à-porter-Modenschau. Im renommierten Pariser Mode-Syndikat sitzt er neben Vivienne Westwood, Valentino und Yamamoto.
Seit 80 Jahren gibt es sein Familien-Unternehmen in St. Gallen. Albert Kriemler ist es gelungen, die heimatliche Tradition, zum Beispiel in Gestalt kunstvoller Stickereien, mit modernsten Stoffen und Schnitten zu einer völlig neuen Symbiose zu verschmelzen.
"Josephs Legende/Verklungene Feste" von John Neumeier, Premiere am 29. Juni um 18 Uhr in der Staatsoper, Karten unter Tel. 35 68 68



