Als Babylon noch wirklich war und groß, berichtete der Grieche Herodot über seine Bewohner: Einmal im Leben habe sich jede Frau von Babel im Tempel der Liebesgöttin zu prostituieren. Damals, im 5. Jahrhundert v. Chr., war Babylon wohl immer noch die größte Stadt der bekannten Welt. Griechische Händler und Söldner werden in ihr ein und ausgegangen sein.
Doch die Kunde, die sie mitbrachten und aus der Herodot schöpfte, reduzierte die Stadt auf (falsch verstandenen) schwülen Liebeskult, monströse Bauten wie den gigantischen Turm und die dekadenten "hängenden Gärten" der Königin Semiramis, diesem "unzüchtigen und mörderischen Weib" (Athenagoras von Athen).
Immer das Zerrbild einer Stadt
Wenn Herodot gemeinhin als "Vater der Geschichte" gilt, dann steht an Klios Anfang bereits das Zerrbild von Babylon. Kein Wunder also, dass die Metropole am Euphrat nie eine Chance hatte, als wirkliche angesehen zu werden, sondern immer nur Vorstellungen, Klischees ihr Bild prägten. Als ihr Ausgräber, der deutsche Archäologe Robert Koldewey, Anfang des 20. Jahrhunderts Ordnung in Babylons Ruinen zu bringen suchte, tat er dies mit Herodot unter dem Arm - und verzweifelte, weil er das, was er sah, nicht mit dessen Bericht in Einklang bringen konnte.
"Babylon - Mythos und Wahrheit" lautet denn auch treffend der Titel der Ausstellung, die heute im Pergamonmuseum eröffnet wird. Die Universalmuseen in Paris, London und Berlin haben sich zusammengetan, um mit mehr als 800 Objekten die archäologisch fassbare Realität Babylons zu zeigen sowie die Metapher für Gewalt, Unterdrückung und Wahn, in die Babylon schon in seiner Blütezeit mutierte. Nach ihrer Station in Paris stellt sich die Schau auf der Museumsinsel als doppelte vor. Um das rekonstruierte Ischtar-Tor im Vorderasiatischen Museum findet sich die Wahrheit, der Mythos ist im Nordflügel des Pergamonmuseums zu sehen. Es ist ein Staunen machendes Unternehmen.
Schon die archäologische Perspektive schlägt Schneisen in die gängigen Vorstellungen von Babylon. Die Stadt, die dem Herzland Mesopotamiens den Namen gab, ist eine Spätgekommene. Erst 2300 v. Chr. wird sie erstmals erwähnt. Weitere 500 unbedeutende Jahre sollte es dauern, bis mit Hammurapi I. ein Herrscher auf den Thron von Babylon gelangte, der Willens und in der Lage war, sie zum Zentrum eines Großreichs zu machen. Spätestens nach der Eroberung des Konkurrenten Mari um 1762 stieg Babylon zur ersten Stadt Südmesopotamiens auf (das wir mit den Griechen Babylonien nennen, während der Norden, nach Assur, Assyrien heißt).
In seiner Blütezeit um 700 v. Chr. schätzt man, dass in der ergrabenen Altstadt Babylons rund 80 000 Einwohner lebten. Diese machten vielleicht ein Viertel der gesamten Stadt aus, die sich weit nach Norden und Süden (äußere Stadt) und auf der Westseite des Euphrat (Neustadt) erstreckte. Mehr als 1000 Jahre liegen zwischen Hammurapi und Nebukadnezar II., der um 700 v. Chr. das neubabylonische Weltreich zur höchsten Blüte führte.
An dieser Stelle beginnt die Ausstellung, von der Wahrheit in den Mythos zu wechseln. Denn in Nebukadnezar, der im Bund mit den Medern Assyrien auslöschte und die Stadt in der heute bekannten Form errichtete, fand die wichtigste Schrift, die am Mythos Babels wob, ihren liebsten Feind: die Bibel. Auf seinen Feldzügen eroberte Nebukadnezar 597 und 586 Jerusalem, zerstörte den Tempel und führte die oberen Zehntausend Juden ins babylonische Exil. Klage, Wut und Hass ziehen sich seitdem durch die Schriften des Alten Testaments, vom Turmbau aus Hybris bis zum Wahn Nebukadnezars, den Weissagungen Daniels und dem Menetekel Belsazars an der Wand seines Palasts. Und mit der Prophezeiung, dass am Ende "das große Babylon, die Mutter der Hurerei und aller Gräuel auf Erden" niedergeworfen werde, endet das Neue Testament der Christen.
Die Autoren des Alten Testaments hatten es leicht, Babylon zum Hort des Bösen zu erklären. Denn als sie ihre Geschichten niederschrieben, hatte der Perser Kyros die Stadt bereits erobert und sich damit als treffliches Werkzeug Jahwes erwiesen. Doch die Verdammung durch das kleine Volk der Juden hätte kaum ausgereicht, Babylons Ruf zu ruinieren, wären ihm nicht die Griechen beigesprungen.
Herodot war ja beileibe kein Einzelfall. Ob Größe und Reichtum oder Wollust und Perversion: Babylon erschien als monströse Versuchung und Verwirklichung in einem. Seine Mauern und die "hängenden Gärten" wurden unter die sieben Weltwunder eingereiht. Andererseits verkörperte die sagenhafte Königin Semiramis die ganze Dekadenz der uralten Hochkultur, die so begehrenswert war und dennoch tödlich.
Je mehr Babylon als wirkliche Stadt aus der Geschichte verschwand, desto stärker suchten die Menschen den leeren Ort in der Fantasie auszufüllen.
Symbol für Urbanität schlechthin
Babylon wurde zum Symbol für Größe und Urbanität schlechthin. Am Phänomen des Turms arbeiteten sich die Geschlechterforscher in den mittelalterlichen Städten der Toskana ab. Kein Geringerer als Sigmund Freud interpretierte den Bau auf seine Weise: "Alle in die Länge reichenden Objekte ... wollen das männliche Glied vertreten." Babylon avancierte zum Sinnbild von Größe, Hybris, Strafe und Untergang.
Der Topos erlebte in Kriegen, Revolten und Revolutionen seither fröhliche Urständ - bis zu den rauchenden Türmen brennender Atomkraftwerke und den einstürzenden Hochhäusern des 11. September 2001. Das Berlin der Goldenen Zwanziger wurde mit Babylon identifiziert. Alfred Döblin lässt in seinem "Alexanderplatz" dem strauchelnden Helden von der großen Hure Babylon als Verkörperung Berlins die Apokalypse erklären. Etliche Songs stehen für die ewige Aktualität Babylons in der Pop-Kultur, speziell im Reggae - die Disco-Combo Boney M. landete mit "Rivers of Babylon" gar einen Welthit. Auch der Untergang Saddam Husseins, der sich in Babylons Ruinen einen Palast errichtete, beförderte einmal mehr die Fantasien von Babylon. Ihre Ruinen aber wurden in den Kriegen des irakischen Diktators gnadenlos zerstört.
Pergamonmuseum , Bodestr. 1-3. Mitte. So-Mi 9-18 Uhr, Do-Sa 9-22 Uhr. Bis 5. Oktober. Katalog 39,90 Euro; Eintrittskarten für ein Zeitfenster online: www.smb.museum/babylonshop
















