E-Gitarren frickeln sich in die Gehörgänge, vibrierende Bässe schieben sich in die Magengrube und ein wuchtiger Schlagzeug-Beat massiert alle Gelenke. Rockmusik ist dann am besten, wenn sie live von einer Bühne kommt und durch eine hochgetürmte Verstärkeranlage mit Wucht in den Saal gedrückt wird. Dann wird Musik zu einem geradezu physischen Erlebnis. Und das lässt sich zudem noch mit anderen teilen, egal ob in einem kleinen, beengten Club oder in einer mit allen Schikanen modernster Veranstaltungstechnik ausgestatteten Mehrzweckhalle.
Konzerte, von je her die spannendere Alternative zu auf Platten gepresstem Studiosound, sind gefragter denn je. Zumal in der Kunst immer zuträglichen Krisenzeiten, wo ein Abend unter Gleichgesinnten Ablenkung verspricht und die täglichen Probleme für zwei, drei Stunden vergessen lässt. Die gerade zu Ende gegangene Open-Air-Saison zwischen Wuhlheide, Waldbühne und Zitadelle Spandau hat einmal mehr gezeigt, dass die Attraktivität von Live-Konzerten nichts von ihrer Anziehungskraft eingebüßt hat. Nun rüsten sich die kleinen und großen Hallen wieder für die Herbstsaison, die mit großen Versprechen und ebenso großen Namen jede Menge Pop-Glückseligkeit verspricht.
Robbie Williams gibt's nur im Kino
Einer aber wird hier nicht live im Rampenlicht stehen. Robbie Williams hat alle Hoffnungen auf eine Tournee zerstreut. Der will mit den Songs seines Albums „Reality Killed The Video Star“, das Anfang November erscheint, nur bei einem Konzert am 20. Oktober in London auftreten – und die Show in 200 Kinos in 23 Ländern übertragen lassen. In Berlin ist als einziges Kino die Astor Film Lounge am Kudamm dabei. Das Londoner Konzert war binnen Minuten ausverkauft, Karten für die Kinoübertragung soll es ab Freitag geben. Dann erscheint auch die erste Single „Bodies“. Auch eine Möglichkeit. Aber wirklich live ist das nicht.
An Tori Amos, der schillernden Sängerin am Piano, ist es, den Reigen der Rock- und Popentertainer heute Abend mit ihrer „Sinful Attraction Tour“ im Tempodrom zu eröffnen. Dass es für eine Tournee nicht einmal ein neues Album braucht, beweisen Fleetwood Mac am 19. Oktober in der O* World. Mit der „Unleashed“-Tour feiert die Band um Schlagzeuger Mick Fleetwood und Bassist John McVie das 40. Jubiläum von Fleetwood Mac. Alben wie „Rumours“ (1977) und „Tusk“ (1979) verkauften sich millionenfach, „Rumours“ gilt bis heute als eines der erfolgreichsten Alben der Musikgeschichte. Und Hits wie „Little Lies“ oder „Go Your On Way“ sprechen für sich.
Bereits so gut wie ausverkauft sind die vier Auftritte, mit denen sich die sexaffinen Berliner Kraftrocker Rammstein zum Jahresende zurückmelden, um im Velodrom zu zündeln. Gerade erschien nach vier Jahren Studio-Abstinenz die neue, testosterongeschwängerte Hardcore-Single „Pussy!“, das passende, nicht jungendfreie Video dazu hatte auf einer Internet-Pornoseite Premiere. Aber womit sonst will man als Rockband heute noch provozieren? Mitte Oktober soll das neue Rammstein-Album folgen.
Das Angebot der kommenden Monate ist abwechslungsreich und vielfältig. Die Pet Shop Boys machten bereits im Juni das prallvolle Tempodrom zu einer Art Party-Kunsthalle, in der sie als musizierende Designerlampen in kubistischem Bühnenbild ihre „Pandemonium“-Show präsentierten. Mit solch großem Erfolg, dass sie nun noch einmal zurückkehren, um am 5. Dezember Hits von „West End Girls“ bis „Go West“ in der O* World zu zelebrieren. Zurückkehren werden auch Depeche Mode, die im Sommer das Olympiastadion ausverkauft haben, um ihre „Tour of the Universe“ am 9. Januar in die O* World zu tragen.
Die Live-Lust ist ungebrochen
Überhaupt, die O2 World. Die Mehrzweckhalle in Friedrichshain, die gerade ihren ersten Geburtstag feiern konnte, hat sich bestens etabliert als Konzertstätte für Mega-Events. Gute Sicht, guter Sound und gute Konzertinfrastruktur machen das Anschütz-Monstrum zu einer der attraktivsten Anlaufstellen für musikalische Großunternehmen. Und beherbergt poppige Punkrocker wie Green Day (heute), skandinavische Schöngeister wie A-ha (28. Oktober), britischen Bombast von Muse (29. Oktober) oder die ewige Boygroup Backstreet Boys (23. November).
Wer es dann doch etwas bodenständiger, rauer und mit Schulter-an-Schulter-Gefühl haben will, der ist in der Columbiahalle (hier näselt am 26. Oktober Jan Delay) oder in der Arena Treptow (hier haben sich für den 7. Februar Element of Crime angemeldet) an der richtigen Adresse. Oder gleich in einem der zahlreichen kleineren Berliner Clubs von Lido über Astra bis FritzClub, in denen der Rock'n' Roll noch ungestüm und ungefiltert die heiße Luft vibrieren lässt.
Noch sitzt das Geld für Live-Erlebnisse locker, noch wird an anderer Stelle gespart. Noch sitzt die Konzertbranche fest im Sattel. Die Lust am Live-Erlebnis ist ungebrochen. Wie lange der überbordende Konzertboom noch anhalten wird, wagt freilich keiner vorherzusagen. Wer in dieser Stadt zum Konzertgenuss entschlossen ist, findet jedenfalls reichlich Gelegenheit.





